Ein harter Herbst könnte uns bevorstehen

Die 7-Tage-Inzidenz steigt im Rems-Murr-Kreis seit Anfang August fast kontinuierlich an. Am vergangenen Dienstag kletterte die Zahl zum ersten Mal seit Mitte Mai wieder über die 100. Dass das kaum Einschränkungen nach sich zieht, liegt vor allem daran, dass inzwischen viele geimpft sind.

Mit jeweils zwei Infizierten haben Auenwald und Spiegelberg aktuell die geringste Anzahl im Rems-Murr-Kreis.

Mit jeweils zwei Infizierten haben Auenwald und Spiegelberg aktuell die geringste Anzahl im Rems-Murr-Kreis.

Von Melanie Maier

Rems-Murr. Vor einem Jahr war die Welt, was Corona angeht, noch eine andere. Die kostenlosen Bürgerschnelltests gab es im September 2020 noch nicht, Delta war nur ein harmloser Buchstabe des griechischen Alphabets, die Impfung für alle in scheinbar unerreichbarer Ferne. Sobald die 7-Tage-Inzidenz in einem Landkreis die kritische 50er-Marke sieben Tage in Folge überschritt, wurde dieser zu einem Risikogebiet erklärt. Das zog Konsequenzen nach sich: Feierlichkeiten waren beispielsweise auf maximal zehn Personen beschränkt, für Gastronomiebetriebe galt eine Sperrstunde.

Mit mehr als 200 Neuinfektionen pro 100000 Einwohnern wurde der Rems-Murr-Kreis im vergangenen Dezember zum Corona-Hotspot. Durch harte Maßnahmen – wie etwa eine nächtliche Ausgangssperre oder die Schließung unter anderem von Gastronomie und Friseurgeschäften – sank die Inzidenz vom 15. Dezember bis Anfang Februar vom damaligen Maximalwert 243 auf Werte um die 30 bis 50. Von Mitte März an stieg die 7-Tage-Inzidenz jedoch wieder an und erreichte am 25. April den bisherigen Spitzenwert 245. Dass die Inzidenz danach kontinuierlich gefallen ist, ist wohl auf die Impfung zurückzuführen, die seit dem späten Frühjahr einer breiteren Bevölkerungsgruppe zur Verfügung stand; auch wenn es noch eine ganze Weile dauern sollte, bis sich jede und jeder impfen lassen konnte, der das wollte.

Ende Mai sah es so aus, als ob das Schlimmste geschafft wäre, am 20. Mai lag die 7-Tage-Inzidenz zuletzt bei 100. Doch seit Anfang August steigt die Zahl wieder. Zuerst zwar nur auf niedrigem Niveau, doch seit Anfang September hat die rote Kurve auf dem vom Landratsamt veröffentlichten Corona-Dashboard erneut eine beunruhigende Höhe erreicht. Am 7. September lag sie bei 100,2. Dass sie derart hoch ist, führt Landrat Richard Sigel auf zweierlei zurück. „Ich kann es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, woher die gestiegenen Zahlen kommen. Aber Fakt ist, dass mit den Reiserückkehrern die Zahl der Infizierten steigt.“

Einen weiteren möglichen Infektionsort sieht Sigel in den Betreuungsgruppen für Schülerinnen und Schüler, auch wenn er diese eigentlich gut und wichtig findet. Er geht „fest davon aus“, dass mit dem Schulstart am kommenden Montag auch die 7-Tage-Inzidenz noch einmal steigen wird – „wahrscheinlich sogar deutlich“. Dass in den Schulen bei Coronafällen künftig auf Intensivtestungen statt auf Quarantäne gesetzt werden soll, würde ihm zufolge im Prinzip bedeuten, die Welle bei den Kindern unter zwölf Jahren (die sich nicht impfen lassen können) „durchrauschen zu lassen“.

Aus diesem Grund spricht Sigel sich für die 2-G-Regel aus – also die Vorgabe, dass nur Menschen, die geimpft oder genesen sind, gewisse Orte besuchen oder bestimmte Dienstleistungen in Anspruch nehmen können. Sigel nennt 2G „das konsequente Mittel, um die Verbreitung des Virus einzudämmen und um die Teile der Bevölkerung zu schützen, die sich nicht impfen lassen können. Ehrlich gesagt finde ich sie auch keine unglaublich große Zumutung.“ Der Landrat verweist auf Berlin, wo es bereits 2-G-Clubs gebe, und auf Länder wie Litauen, wo Ungeimpfte „gerade noch Geschäfte für den täglichen Bedarf besuchen dürfen“.

Wie nun bekannt wurde, soll die Regel von kommender Woche an auch in Baden-Württemberg gelten. Sobald die 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz (siehe Infokasten) auf acht oder darüber steigt oder aber mehr als 250 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen liegen, greift eine Warnstufe. Dann müssen Nichtgeimpfte etwa einen PCR-Test statt eines normalen Schnelltests vorweisen. Die darüber hinausgehende Alarmstufe greift bei einer Hospitalisierungsinzidenz von zwölf und mehr oder mehr als 390 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. In dem Fall gilt die 2-G-Regel – mit Ausnahmen für Personen, die sich etwa aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können oder noch nicht ausreichend Zeit für eine Impfung hatten.

Mit einem erneuten Lockdown rechnet Landrat Richard Sigel trotzdem nicht. „Ich gehe nicht davon aus, dass wir uns noch einen Lockdown leisten können“, sagt er. „Zum einen aus wirtschaftlichen Gründen, aber auch, damit wir zu der medizinischen Krise keine soziale dazubekommen.“ Für Kinder und Jugendlichen seien die letzten Monate extrem herausfordernd gewesen.

Obwohl er dem Herbst durchaus kritisch entgegensieht, ist die steigende Inzidenz für ihn kein Grund, in Panik zu verfallen. Der Rems-Murr-Kreis sei sehr gut auf alle Situationen vorbereitet, etwa mit der App Cosima, die einen Ersatz für die Bürgertests bieten könne, die bald nicht mehr kostenlos verfügbar sein sollen. Oder mit der neuen Infektionsstation der Rems-Murr-Kliniken mit 72 Betten. Angesichts der Situation sei der erweiterte Krisenstab des Landkreises diese Woche auch wieder hochgefahren, um den frühen Austausch zu gewährleisten, berichtet Sigel. Dazu gehören unter anderem das Gesundheitsamt und der Pandemiebeauftragte der Kreisärzteschaften.

„Das Thema Impfen“, sagt Sigel, „wird maßgeblich dafür sein, wie wir durch den Herbst kommen werden.“ Sein Ziel ist es deshalb – auch mit Aktionen –, noch mehr Menschen im Landkreis impfen zu lassen. Bestärkung erhält er von ärztlicher Seite. „Wir können feststellen, dass die Impfung ein entscheidender Faktor ist“, sagt Torsten Ade, Chefarzt am Klinikum Winnenden. An den Rems-Murr-Kliniken sei die aktuelle Lage zwar noch stabil, „wir verfügen über ausreichende Kapazitäten“. Ein Anstieg der Patienten, die positiv auf Sars-CoV-2 getestet werden, sei aber klar zu sehen. „Es ist eine Welle der Ungeimpften zu erwarten“, erklärt Ade. Die klassische Risikogruppe der über 80-Jährigen lande derzeit nicht mehr im Krankenhaus. „Bei ihnen“, führt der Chefarzt aus, „besteht eine hohe Impfquote und daraus resultiert ein hoher Schutz.“

„Das Thema Impfen wird maßgeblich dafür sein,
wie wir durch den Herbst kommen werden.“ Richard Sigel (Landrat Rems-Murr-Kreis),
über die steigende 7-Tage-Inzidenz
Infektionsgeschehen im Kreis

Infizierte Im Rems-Murr-Kreis sind derzeit 732 Infizierte in Quarantäne. Alle Gemeinden im Kreisgebiet sind betroffen. Die meisten Infizierten meldet zurzeit Waiblingen (106) vor Fellbach (101) und Backnang (90).

Entwicklung Seit Beginn der Pandemie
haben sich im Rems-Murr-Kreis 21950 Personen mit dem Coronavirus infiziert, 364 sind gestorben. Die 7-Tage-Inzidenz lag am gestrigen Freitag bei 92 und damit sechs Punkte unter dem Vortagswert.

Impfung Geimpft worden sind insgesamt 167535 Personen im Landkreis, davon 95141 bei den Hausärzten, 59090 im Kreisimpfzentrum und 13304 durch mobile Einrichtungen wie den Impftruck.

Intensivbetten Die Rems-Murr-Kliniken versorgen aktuell 23 Covid-19-Patienten, davon werden acht Patienten auf der Intensivstation versorgt, sieben werden beatmet. Auch diese Woche wurden in den Kliniken Covid-19-Patienten neu aufgenommen.

Hospitalisierungsinzidenz Von der kommenden Woche an soll die Hospitalisierungsinzidenz maßgeblich für Maßnahmen im Land sein – also die Anzahl der in den Krankenhäusern stationär zur Behandlung aufgenommenen Patienten, die an Covid-19 erkrankt sind. Der Wert gilt je 100000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen.

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Erstellt:
11. September 2021, 06:00 Uhr

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