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„Es ist jetzt immer Sonntagmorgen“

Wohnen in der Innenstadt, an der B14, neben einer Schule: Sonst belebte Orte sind still geworden – Für Anwohner ist das ungewohnt

Wer in der Backnanger Innenstadt, bei einer Schule oder an der B14 wohnt, ist hohes Verkehrsaufkommen und/oder viele Menschen gewohnt. Die Stille, die durch das coronabedingte Erliegen des öffentlichen Lebens eingetreten ist, nehmen alle Anwohner wahr, empfinden sie aber unterschiedlich.

Still ruht der Schulhof: Nicht nur Anwohner von Schulen nehmen einen geringeren Geräuschpegel wahr als normalerweise, auch in der Innenstadt von Backnang und entlang der Bundesstraße14 hat sich der Verkehrslärm radikal reduziert. Es entsteht Raum für neue Wahrnehmungen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Still ruht der Schulhof: Nicht nur Anwohner von Schulen nehmen einen geringeren Geräuschpegel wahr als normalerweise, auch in der Innenstadt von Backnang und entlang der Bundesstraße14 hat sich der Verkehrslärm radikal reduziert. Es entsteht Raum für neue Wahrnehmungen. Foto: A. Becher

Von Nicola Scharpf

BACKNANG/OPPENWEILER. „Langsam ist das bedrückend“, sagt Stanislav Gaida. Er ist seit fast zwölf Jahren Hausmeister am Backnanger Max-Born-Gymnasium und lebt zusammen mit seiner Frau in einer Wohnung auf dem Schulgelände. Gaida hat ein gutes Verhältnis zu den Schülern und schätzt den persönlichen Kontakt zu ihnen. Er mag, dass sie ihm mit Offenheit begegnen und aus ihren (Schul-)Leben erzählen. „Das fehlt jetzt einfach alles“, bedauert Gaida. „Es ist ganz anders als in den normalen Ferien“, sagt er über die Menschenleere und Stille, die sich nicht nur über das Schulgelände, sondern über die gesamte Gegend Richtung Stadthalle und Karl-Euerle-Halle gelegt hat. In regulären Schulferien seien oft Handwerker an der Schule tätig. „Jetzt ist Stillstand. Das müssen wir jetzt noch drei Wochen durchhalten.“ Dann, so hofft er, kehrt das Leben in die Gegend um das Gymnasium zurück.

Vogelgezwitscher und Glockenläuten sind nun hörbar

Auch Carmen Wurst nimmt die Stille anders wahr als die Sommerferienruhe. Sie wohnt seit 52 Jahren neben der Gemeinschaftsschule in der Taus, ist selbst dort zur Schule gegangen und ihre Kinder haben dort die Grundschule besucht. Geräusche wie den Schulgong nehme sie gar nicht bewusst wahr. „Die Schule gehört für uns dazu.“ Jetzt ist kein Leben auf dem Schulgelände, dem angrenzenden Spielplatz oder an der Bushaltestelle. Es gibt keine Parkplatzprobleme, keine motorisierten elterlichen Abhol- und Bringdienste. „Die Tierwelt hört man wieder“, hat Wurst festgestellt.

Renate Schweizer hört bewusster: „Die Kirchenglocken läuten, als wäre nichts“, schildert sie. Vor sechs Jahren ist sie in die Backnanger Innenstadt, in die Marktstraße, gezogen. Schweizer schläft bei offenem Fenster. Und ihr Schlafzimmerfenster ist in unmittelbarer Nähe zum Eingangsbereich der Weinstube Kunberger. Sie mag es, wenn sie nachts erwacht und von draußen Geräusche wahrnimmt: „Es ist Leben. Alles ist gut. Die Welt dreht sich weiter.“ Zuvor hat Schweizer in einem Wohngebiet in Allmersbach im Tal gewohnt. „Es war unglaublich ruhig. Da war nachts gar nichts. Als ich in die Stadt gezogen bin, habe ich die Geräusche genossen.“ Schweizer sagt, sie könne am Verkehrsaufkommen in der Marktstraße hören, wie spät es ist und wie das Wetter ist. „Autos hören sich zum Beispiel auf gefrorenem Kopfsteinpflaster anders an als auf nassem.“ Stoßzeiten klingen anders als nächtlicher Verkehr. Den Übergang auf Höhe des Rathauses vom gepflasterten Straßenbelag auf Asphalt kann sie anhand der Reifengeräusche hören. „Aber nicht mehr so oft“, in Zeiten von Corona. Sie beschreibt die Straßenstille so: „Es ist jetzt immer Sonntagmorgen.“ Insgesamt sieht sie in der Verlangsamung einen Gewinn. „Stille an sich ist ja schön. Jetzt bekommt man sie frei Haus.“ Schweizer nimmt nicht nur die Ruhe in der Marktstraße wahr. Wenn sie in den Himmel schaut, sieht sie nur Vögel, keine Kondensstreifen von Flugzeugen, und schöpft einen schönen Ausdruck dafür: „Visuelle Stille“.

Auch Elisabeth van Ofen kann die Stille sehen, wenn sie aus dem Fenster schaut. Die Inhaberin eines Raumausstattergeschäfts wohnt und arbeitet an der Ortsdurchfahrt von Oppenweiler. „Die Leute laufen entspannt an der B14 entlang. Sie schlendern fast.“ Normalerweise gehen Fußgänger so dicht wie möglich an den Häuserfassaden, ziehen dabei die Schultern hoch und den Kopf ein, während Lastwagen vorbeidonnern. Van Ofen wohnt ihr Leben lang an der B14. Sie sagt, dass sie von der Straße lebt, weil ihr Geschäft durch seine Lage an der Durchgangsstraße profitiert. Zugleich ist die Lage belastend, besonders an den Wochenenden, wenn der eigene Garten aufgrund des Verkehrslärms von Ausflüglern und Motorradfahrern kaum zu nutzen ist. Und jetzt? „Es ist alles total beruhigt. Ich kann es noch gar nicht wirklich glauben. Das ist schon sehr unwirklich. Spooky. Es hat etwas sehr Schönes. Es ist auch eine sehr große Lebensqualität, die ich da erahne.“ Eindrücklich schildert sie: Vor ein paar Tagen ist ein riesiger, asiatischer Papierballon vom Wind getrieben über die B14 gerollt. „Die Autos konnten ihm ausweichen.“ Bis ein Müllwagenfahrer ausgestiegen und dem Ballon mitten auf der Fahrbahn hinterhergerannt ist. Es war fast wie im Western, wenn Kugeln aus Gestrüpp durch den Staub wehen.

Die Entschleunigung auf der B14 lässt sich sogar riechen: „Vielleicht ist es Einbildung. Aber ich habe den Eindruck, dass es weniger nach Abgasen riecht.“ Das ist die Wahrnehmung von Miriam Hozak, die mit ihrer Familie an der Bundesstraße zwischen der Backnanger Spritnase und der Ampel Richtung Maubacher Höhe wohnt. Normalerweise hört die zweifache Mutter ab 15 Uhr permanent bremsende Lastwagen. „Es quietscht drei Stunden lang.“ Seit elf Jahren lebt Hozak an der B14. Sie hat den Eindruck, dass das Verkehrsaufkommen in dieser Zeit enorm gestiegen ist. Vor ein paar Tagen wurde das schlagartig anders. „Es ist wirklich ruhig. Ich habe Ruhe, wenn ich das Fenster aufmache zum Lüften. Ich liege abends im Bett und es ist eine Ruhe. Es gibt sogar immer wieder Lücken im Verkehrsfluss. Das gab’s früher nicht.“ Hozaks Garten grenzt direkt an die B14-Fahrbahn. „Ich kann mit den Kindern normal im Garten sprechen und muss nicht schreien.“ Sie könne die Vögel wieder hören, die sonst vom Verkehrslärm übertönt werden. „Das ist total schön. Die Sachen sind alle sehr gut, die sich daraus ergeben.“

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Erstellt:
2. April 2020, 06:00 Uhr

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