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Feindseligkeit gegen Coronainfizierte

Ausgrenzung, Unterstellungen und Denunziation statt Hilfsbereitschaft: Was eine Winterbacherin erleben musste

Symbolfoto: Abstrich bei einem Patienten. Foto: B. Büttner

© Benjamin Büttner

Symbolfoto: Abstrich bei einem Patienten. Foto: B. Büttner

Von Reinhold Manz

WINTERBACH. Das englische Wort „shaming“ wird auch im Deutschen immer häufiger verwendet, oft im Zusammenhang mit sozialen Netzwerken im Internet. Es meint, jemanden öffentlich zu kritisieren, ihn lächerlich zu machen, wörtlich: jemanden zu beschämen. Oder, mit dem besseren, alteingesessenen deutschen Ausdruck: jemanden an den Pranger zu stellen. Genau das ist mit der Frau aus Winterbach passiert, deren positiver Coronatest am 14. März öffentlich wurde. Er erregte Aufsehen, weil es zu diesem Zeitpunkt nur wenige bestätigte Coronavirusfälle gab. Und auch, weil er zur Folge hatte, dass die Lehenbachschule und ein Kinderhaus in Winterbach geschlossen wurden, einen Tag früher, als dies alle anderen Kitas und Schulen im Land traf.

Was nach der Meldung folgte, die auch eine Zeitung zum Gegenstand der Berichterstattung machte – leider auch ohne die Folgen der genannten Details dabei zu bedenken –, war eine hysterische Überreaktion, die kein gutes Licht auf unsere Gesellschaft und ihr Verhalten wirft – und dem allgemeinen Aufruf zur Solidarität fundamental zuwiderläuft.

Zumindest beschreibt es so eine Freundin der Frau: „Was dann abging, war richtig fies.“ Nachbarn hätten jeden Schritt ihrer Freundin kontrolliert und mit anderen geteilt. Sie sei angefeindet und mit bohrenden Fragen konfrontiert worden. Mitleid? Hilfsbereitschaft für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern in Quarantäne? Das habe es so gut wie gar nicht gegeben.

Wir nennen die direkt betroffene Frau in diesem Artikel Tina W., ihre Freundin Clara B. Die Namen sind frei erfunden und haben nichts mit den richtigen Namen der beiden zu tun, diese wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Allerdings kennt ihre Identität in Winterbach jeder – und das war in den vergangenen Tagen das Problem.

Dies ist die Geschichte aus der Perspektive der Betroffenen. Die beiden Frauen waren Anfang März gemeinsam in Ischgl beim Skifahren. Am 6. März sei ihre Freundin Tina W. zurückgekehrt, sie selbst am 7. März, erzählt Clara B. „Damals war nicht klar, dass Ischgl ein Coronakrisengebiet ist.“ Tatsächlich hat die österreichische Regierung Ischgl erst am 13. März zum Risikogebiet erklärt, Deutschland daraufhin am gleichen Tag ganz Tirol.

Ischgl war zu jener Zeit noch nicht zum Krisengebiet erklärt worden

Als sie selbst am 7. März zurück nach Hause gekommen sei, habe sie mit Gliederschmerzen einen ganzen Tag flachgelegen, erzählt Clara B. „Ich war schlapp. Aber so geht es mir jedes Jahr, wenn ich Skifahren in Ischgl war.“ Trotzdem rief sie beim Gesundheitsamt an, bekam jedoch lediglich die Ansage: kein Problem. Solange sie nicht in einem Krisengebiet gewesen sei – und das war Ischgl da eben noch nicht – oder direkten Kontakt zu einer infizierten Person gehabt habe, werde kein Test gemacht. Es sei nicht nötig, dass sie zu Hause bleibe. Also ging sie montags arbeiten. Ihr Kind schickte sie in den Kindergarten.

Bei Tina W. sei es sogar so gewesen, dass sie gar keine Symptome für eine Erkrankung gehabt habe, sagt Clara B. Deswegen habe auch sie selbstverständlich ihre Kinder in die Schule beziehungsweise in die Kita geschickt. „Uns war klar, wir gehen normal arbeiten. Das ist doch nichts Verwerfliches.“ Das hätten ihre Arbeitgeber auch so erwartet.

Dann habe sie jedoch eine Nachricht von Freunden aus Norddeutschland bekommen, die ebenfalls mit in Ischgl waren, sagt Clara B. Die Freunde seien „flachgelegen“ und positiv auf das Coronavirus getestet worden. Daraufhin habe sie sich auch testen lassen: negativ – anders als bei Tina W. Das war Freitag, der 13. März. Der Tag, an dem Österreich Ischgl zum Risikogebiet erklärte. „Da waren unsere Kinder schon mehrere Tage in Kita und Schule.“

Am Samstag, 14. März, ging die Nachricht an alle Eltern von Schule und Kinderhaus raus. Und der Aufruhr begann. Öffentlich, im Ort und im Schulumfeld, in den sozialen Netzwerken, aber auch direkt mit Nachrichten und Anrufen an die beiden Frauen. Denn: In der Pressemitteilung, die die Gemeinde Winterbach verschickte und die überall in den Medien veröffentlicht wurde, standen genügend Informationen, um Tina W. zu identifizieren. „Winterbach ist ein Dorf, das wusste schnell jeder, dass sie das ist“, sagt die Freundin der Frau.

In Facebook-Diskussionen wurde Tina W. öffentlich angegangen: Wie sie so verantwortungslos sein und ihre Kinder tagelang in die Kita gehen lassen konnte! In WhatsApp-Chatgruppen hätten sich die Leute hinter ihrem Rücken über sie ausgelassen, wie sie erfahren habe, erzählt Clara B. Direkt seien vor allem bohrende, übergriffige Fragen gekommen: Ich habe dich doch noch da und da gesehen? Oder: Hältst du dich auch an die Quarantäneanordnung?

Fotos seien in Umlauf gekommen, erzählt Clara B., Fotos, die jemand von ihrer Freundin geschossen habe: zu Hause auf ihrem Balkon. Als sie auf Anweisung des Gesundheitsamts ihre Kinder zum Testen ins Klinikum nach Schorndorf gefahren habe, habe wenig später Tina W.s Telefon geklingelt.

Das Ordnungsamt sei dran gewesen: Sie sei außerhalb des Hauses gesehen worden. „Da muss einer angerufen haben, der sie gesehen hat.“ Ihre Freundin habe das zunächst kaum glauben können: „Eine alleinerziehende Mutter, die eine Woche mit den Kindern in Quarantäne muss, die keinen Schritt vor die Tür machen kann – und dann noch dieses unsoziale Verhalten, dieses Mobbing.“ Es sei ja klar, dass alle empfindlich und angespannt seien – aber diese Reaktionen findet sie unentschuldbar.

Beide Frauen waren in Quarantäne, die eine war positiv, die andere wurde nicht getestet

Sie selbst sei auch die empfohlene Zeit in Quarantäne gegangen, nachdem Ischgl zum Risikogebiet erklärt worden sei, sagt Clara B. Krankheitssymptome habe sie weiter keine gehabt. Ihr hätten Nachbarn geholfen, als sie nicht aus dem Haus konnte. „Unsere Nachbarschaft ist in Ordnung, da kann ich nichts sagen“, beteuert die Frau.

Auch ihre Freundin habe immerhin Unterstützung von einem Nachbarn bekommen. Ansonsten: Kälte und Feindseligkeit. Sie habe sich jetzt an die Zeitung gewandt, weil ihre Freundin hier unverschuldet an den Pranger gestellt worden sei. Dabei gehört aus ihrer Sicht das Verhalten von vielen anderen Leuten angeprangert: „Die sollten sich schämen.“

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Erstellt:
25. März 2020, 16:00 Uhr

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