Gastronomen rechnen mit starken Einbußen

Wirte im Raum Backnang üben Kritik an der neuen Coronaverordnung des Landes, die seit Donnerstag gilt. Sie rechnen damit, dass bereits in der nächsten Stufe, der Warnstufe, zahlreiche Gäste ausbleiben werden. Die Zahl der belegten Intensivbetten als Maßstab begrüßen die meisten.

Tälesbräu-Betreiber Andreas und Jessica Huber kontrollieren die Gäste konsequent und stoßen meist auf großes Verständnis. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Tälesbräu-Betreiber Andreas und Jessica Huber kontrollieren die Gäste konsequent und stoßen meist auf großes Verständnis. Foto: A. Becher

Von Florian Muhl

Rems-Murr. Eine neue Coronaverordnung bedeutet auch: neue Regeln. Die Gastronomen und auch die Gäste müssen sich umstellen. Schon wieder. Die meisten wissen gar nicht, zum wievielten Mal schon. Aber nun zählen als Indikator keine Infizierten mehr, sondern Krankenhausbetten. Was sagen die Wirte im Raum Backnang dazu? Wir haben uns umgehört.

In der Brauerei Weissacher Tälesbräu berichten Andreas und Jessica Huber über ihre seitherigen Erfahrungen und wagen auch einen Blick in die Zukunft. Er ist 31 Jahre alt, hat Brauwesen in Weihenstephan studiert und ist zusammen mit seinem Vater Günter Huber Geschäftsführer der Brauerei, sie ist seine Ehefrau, 28 Jahre alt und Vertriebsleiterin. Zudem leitet sie auch die Braustube Alte Schmiede und meint, dass der weit überwiegende Teil der Gäste es begrüßt, dass die Kontrollen vom Personal rigoros durchgeführt werden. „Wir haben schon oft gehört, dass sie sich deswegen bei uns sicherer fühlen“, sagt Jessica Huber. Sie habe schon gehört, dass andere Gastronomen die Kontrollen nicht so konsequent durchführen, nicht im Raum Backnang, aber Richtung Stuttgart. In diesem Zusammenhang weist sie darauf hin, dass eine Kopie des Impfausweises nicht akzeptiert wird. „Es sind nur ganz wenige Gäste dabei, die nicht einsehen, dass wir die Kontaktdaten benötigen“, meint Andreas Huber. Der überwiegende Teil der Besucher, über 90 Prozent, sei bereits auch durchgeimpft. Jetzt mit der neuen Verordnung befürchten beide, dass beim Eintreten der Warnstufe, wenn im Biergarten 3G gilt, die Diskussionen wieder beginnen werden.

Simone Hilt, Betreiberin des Backnanger Gasthauses Zum Löwen, findet die neue Coronaverordnung deshalb nicht in Ordnung, weil wieder nur die Gastronomie, die Kultur und die Eventbranche die Leidtragenden sind, wie sie sagt. „Aber im öffent-lichen Nahverkehr, im Supermarkt und im Einzelhandel interessiert’s null“, kritisiert Hilt. Bereits bei der Warnstufe würde es zu Einbußen kommen: „Dann kommt keiner mehr mit einem PCR-Test hier rein, der 100 Euro kostet. Und auf der Terrasse brauchen Sie einen Schnelltest – kommt auch keiner, wenn Sie den mal irgendwann selber zahlen müssen“, befürchtet die Löwen-Wirtin. Und selbst, wenn der nur 15 Euro kosten würde, komme keiner. Mit Sorgen blickt Hilt auf die kommenden Wochen: „Der Winter wird sowieso schwer genug. Und der ganze Kontrollwahn, das ist sehr aufwendig.“ Sie plädiert dafür, dass man Einschränkungen und Regeln bei allen Bereichen anwendet.

Ewa Pinakas, Mitbetreiberin der Gaststätte Storchen in Backnang, ist sich sicher: „Sobald schlechtes Wetter ist, werden wir es merken. Weil sich viele Menschen nicht reintrauen. Und einen Test werden sie schon gar nicht machen.“ Geimpfte hätten kein Problem. Aber diese Aussage schränkt Pinakas ein, sie vermutet: „Sobald die Warnstufe erreicht ist, werden sich auch die Älteren der Geimpften nicht mehr trauen, hereinzukommen. Die werden Angst haben, so wie am Anfang der Coronazeit.“ Auch sie sagt, dass der Kontrollaufwand jetzt schon hoch ist und wohl noch zunehmen wird. Aber Kontrollen seien wichtig und in Ordnung. Die Storchen-Wirtin weist nur auf folgenden Aspekt hin: „Viele vergessen ihren Impfpass und wollen trotzdem rein, aber das darf man nicht. Wenn die erwischt werden, zahlt der Gastronom 650 Euro Strafe und der Gast 200.“ Aber die zurückgewiesenen Gäste würden das nicht einsehen. Entweder seien sie beleidigt oder würden sagen, sie kommen nie wieder. „Aber wir haben doch die Regeln nicht gemacht“, sagt Pinakas.

Athanasios Gountoulas, einer der Geschäftsführer des Joe Peña’s in Backnang, merkt, „dass es langsam wieder bergab geht, grad bei schlechtem Wetter“. Auch jetzt schon in der Basisstufe stellt er fest, dass sich viele Gäste wegen der 3-G-Regel scheuen, sich in den Innenraum zu setzen. „Wir haben einige Reservierungen, wo die Gäste dazuschreiben, wir wollen uns nicht reinsetzen, weil wir keine Lust haben, uns testen zu lassen.“ Die Kontrollpflicht nehme er sehr ernst. Am Eingang stehe deshalb ein Abendmanager, der sich die Bescheinigungen der Gäste zeigen lasse und ihnen dann den Weg zum Tisch weisen würde. Dass jetzt die Anzahl der belegten Intensivbetten als Maßstab genommen wird, findet Gountoulas besser, als den bisher gültigen Inzidenzwert zu nehmen.

Filippo Marino vom Backnanger Restaurant da Filippo hat eine klare Vorstellung, um nicht zu sagen einen Wunsch: „Alle sollen geimpft sein, das ist mir viel lieber. Dass das Ganze langsam aufhört und wieder Normalität kommt.“ Wenn die Warn- oder sogar Alarmstufe kommen würde, blieben Gäste weg. Die meisten seien geimpft, aber die junge Generation, die sei ein Problem. Beispielsweise bei einer Feier mit 30 Leuten, da reichen zwei Personen aus, die nicht geimpft sind, dass die 30 nicht kommen.

Vanessa Heps, Mitgeschäftsführerin des Hotels Sulzbacher Hof, meint, dass sich im Moment ja noch nichts geändert habe. „Da ist alles so wie seither, die letzten paar Wochen. Wenn die Warnstufe kommt, müssen wir uns und auch die Gäste eben umstellen.“ Aus ihrer Sicht würde sich der Aufwand der Kontrollen, der jetzt schon da sei, nicht erhöhen.

Christos Kiroglou, Inhaber der Bar und des Restaurants Merlin in Backnang, den die meisten „Taki“ nennen, spricht Klartext, als er nach der neuen Coronaverordnung befragt wird. „Das ist der größte Scheiß, den es gibt. Das spaltet komplett die Gesellschaft, es erzeugt Neid und es erzeugt Hass.“ Da bei seinen nächtlichen Events auch getanzt wird, gilt die verschärfte Regel für Diskotheken. Laut Verordnung derzeit 3G, aber im Fall eines Tests nur die PCR-Variante. „Wenn in Diskotheken ohne Maske getanzt werden soll, zählt G2“, sagt Taki. Auf seine Einladung für die Veranstaltung „Bachata Dominicana“ heute Abend habe er auf die 2-G-Party hingewiesen: „Ich habe so viele Hassmeldungen gekriegt, so viele Schimpfwörter, das ist nicht normal.“ Zudem verspüre er einen Umsatzrückgang. Und in der kalten Jahreszeit werde der weiter zurückgehen. So werde Personal, das dringend gesucht worden war, wohl wieder vor der Entlassung stehen. Kiroglou ärgert sich, dass „bisher alles auf dem Rücken der Gastronomen ausgetragen worden ist“.

In der Warnstufe gilt im Biergarten die 3-G-Regel

Stufensystem Die neue Coronaverordnung des Landes gilt seit Donnerstag. Ziel ist es, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden. Es gelten nun folgende Stufen:

Bei den aktuell vorliegenden Zahlen gilt die Basisstufe.

Die Warnstufe liegt vor, wenn die 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz den Wert 8 erreicht oder überschreitet (derzeit liegt sie bei etwa 2,3) oder wenn 250 oder mehr Intensivbetten mit Covid-19-Patienten belegt sind.

Die Alarmstufe gilt, wenn die Hospitalisierungsinzidenz die Zahl 12 erreicht oder überschreitet oder wenn die Auslastung der Intensivbetten mit Covid-19-Patienten die Zahl von 390 erreicht oder überschreitet.

In der Gastronomie und bei Vergnügungsstätten gelten jetzt folgende Regeln:

In der Basisstufe bleibt alles, wie es war (In Innenräumen 3G, im Außenbereich freier Zugang)

In der Warnstufe gilt in Innenräumen 3G (nur PCR-Test) und im Freien 3G.

In der Alarmstufe gilt im Innen- wie im Außenbereich 2G. Das heißt, nur Geimpfte und Genesene haben Zutritt.

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Erstellt:
18. September 2021, 06:00 Uhr

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