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Geballte Faust mit Krönchen heißt Corona

Die Volkshochschule Murrhardt und der Kreisjugendring haben gemeinsam ein Online-Seminar zur Gebärdensprache angeboten. Absolut spannend, findet unsere Mitarbeiterin Renate Schweizer, die sich dazu auch auf für sie neues Medienterrain begeben hat.

Volkshochschul-Dozentin Daniela Pfleiderer zeigt hier die Gebärde für das Wort Internet – Grundvoraussetzung, um beim Online-Kurs mitzumachen. Auch sonst kann die Gebärdensprache gut mit aktuellen Entwicklungen mithalten. Foto: privat

Volkshochschul-Dozentin Daniela Pfleiderer zeigt hier die Gebärde für das Wort Internet – Grundvoraussetzung, um beim Online-Kurs mitzumachen. Auch sonst kann die Gebärdensprache gut mit aktuellen Entwicklungen mithalten. Foto: privat

Von Renate Schweizer

MURRHARDT. Online-Aktivitäten sind echt nicht meins. Skypen, soziale Medien und Online-Seminare müssen leider auf mich verzichten. Ich mag’s analog. Anders ausgedrückt: Meine Kompetenz in Bezug auf digitale Medien lässt ein bisschen zu wünschen übrig. Und das hat mich bisher nicht allzu sehr umgetrieben – jeder hat schließlich Defizite, ich hab dieses. So dachte ich. Doch dann flatterte mir eine Ankündigung der Murrhardter Volkshochschule ins Haus: Ein Einführungskurs Gebärdensprache werde, so stand es da, in Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendring Rems-Murr, online angeboten – als Webinar. Und ich hatte die Möglichkeit, das Seminar als Berichterstatterin zu begleiten.

Gebärdensprache – wie das geht, wollte ich nun tatsächlich schon immer mal genauer wissen. Das Thema wird im Alltag immer präsenter, ob durch Menschen, die sich auf der Straße oder in der S-Bahn in Gebärdensprache unterhalten oder als Übersetzer im Fernsehen mit eingeblendet werden. Und vor dem Hintergrund von Corona war es natürlich ein verlockendes Angebot, eine Seminareinführung von zu Hause aus miterleben zu können. Aber, ob ich das als Online-Greenhorn schaffe?

Die ersten Hürden sind genommen.

Ich finde eine Telefonnummer. Telefonieren ist gut, das kann ich. Also rufe ich an, Birgit Wolf meldet sich. Sie ist die Leiterin der Volkshochschule Murrhardt und begleitet das Webinar. Zugewandt und ohne Fachchinesisch erkundigt sie sich, ob ich einen Computer oder Laptop mit Kamera und Lautsprecher habe. Klar hab ich – die Kamera ist dieser kleine Punkt über dem Bildschirm, den ich mit Heftpflaster zugeklebt habe. Birgit Wolf gibt mir einen Benutzernamen, meinen eigenen, und ein Passwort und sagt mir, dass am Abend um 18 Uhr Technikprobe ist. Als es so weit ist, fiesele ich das Heftpflaster von der Kamera und begebe mich – mit einer guten Portion Adrenalin – in die VHS-Cloud. Doch das Passwort ist unbekannt. Nach dem Scheitern des dritten Versuchs will die Cloud, dass ich ein neues Passwort generiere. Also los. Noch ein Versuch. Hurra, ich bin drin. Ich tippe ein: Gebärdensprachkurs. Tatatataaa!

Ein Fenster tut sich auf. Dateien werden sichtbar: Geschichte der Gebärdensprache, das Gebärdenalphabet. Leider keine lebenden Menschen, wie ich eigentlich erwartet hatte. Das Telefon klingelt – keine Zeit für so was jetzt. Hektisch klicke ich herum. Irgendwo im Hintergrund ploppen E-Mails auf. Ich ignoriere sie. Ich komme nicht weiter. Eine halbe Stunde ist vergangen – ich muss weg. Resigniert schalte ich ab. Am Telefon – aber das merke ich erst viel später – wäre Birgit Wolf gewesen, um mich fernmündlich an die Hand zu nehmen. Auch die E-Mails waren von ihr. Den Link „Videokonferenz“ hätte ich mit der Maus anwählen müssen. Darauf bin ich nicht gekommen.

Am nächsten Morgen beim eigentlichen Webinar funktioniert dann aber alles ganz einfach. Auf „Videokonferenz“ klicken und da sind sie alle: Birgit Wolf (ja, genauso hatte ich sie mir vorgestellt), Daniela Pfleiderer, die Gebärdenlehrerin, und nach und nach die anderen Teilnehmenden, die auch nicht alle Internetprofis sind – das tut gut. Ich kann alle sehen und hören, entweder einen oder eine in ganz groß auf dem Bildschirm oder alle gleichzeitig klein; die Jüngeren souverän in eine Sofaecke gekuschelt, die Älteren zum Teil ebenso angespannt wie ich am Schreibtisch. Ich kann Videokonferenz und bin stolz wie Bolle.

Bis alles eingerichtet ist, ist Zeit, Daniela Pfleiderer zuzuschauen. Sie agiert in großer Souveränität, bis alle wirklich da und stabil verbunden sind. Die wohltuende Ruhe ihres Gesichts, das wird mir im Lauf des Vormittags klar, ist Teil der Gebärdensprache: Solange sie nichts sagt, ist es auch mimisch still. Zu Zeiten von Corona und Mundschutz ist mir erst bewusst geworden, wie anders das bei mir selbst ist: Ständig hab ich die Finger im Gesicht, am Hals oder in den Haaren, meine Augenbrauen sind in Aktion, manchmal blase ich die Backen auf, rümpfe die Nase, zupfe am Ohrläppchen oder knete die Finger – und all das bekomme ich meist gar nicht mit.

Wenn nichts gesagt wird, ruht auch die Mimik.

Für Gebärdensprachler haben all diese mimischen und gestischen Zuppeleien Zeichencharakter – sie bedeuten etwas – und wer gerade nichts sagen will, hält Gesicht und Hände still. Beispielsweise Zeige- und Mittelfinger an der Backe bedeuten Dienstag – ich versuche, meine Hände unter Kontrolle zu bringen, um nicht ständig Dienstag zu sagen, das ist schwer. Staunend erfahren wir, dass es auch in dieser Sprache Dialekte gibt. Pfleiderer zeigt uns Gebärden der Region um Stuttgart, Gebärdenschwäbisch sozusagen. Die Linkshänder unter uns nehmen froh zur Kenntnis, dass wir beim Gebärden ausnahmsweise mal nicht im Nachteil sind, es ist nämlich ganz egal, ob eine Geste rechts oder links ausgeführt wird, die Bedeutung bleibt die gleiche. Dieselbe Geste mit beiden Händen verstärkt den Begriff: Aus Wind mit einer Hand wird ein Sturm mit beiden. Ganz wie erhofft: Superinteressant das alles. Am Ende des Vormittags, der mit drei Stunden ohne Pause für mein Durchhaltevermögen ein bisschen zu lang und deshalb auch anstrengend ist, können alle Teilnehmenden ihren Vornamen buchstabieren und ihren Beruf benennen. Und nach dem Weg zur S-Bahn fragen. Gut, jetzt müsste man nur noch die Antwort verstehen.

Zudem lernen wir Farben und die Monate. Mai zum Beispiel hat die gleiche Geste wie Rosa. Logisch, oder? Im Mai blüht’s. Sogar die Geste für Corona erfahren wir: Eine Hand wird zur Faust geballt, die andere bildet mit gespreizten Fingern ein Krönchen darüber. Hübsch.

Einzelne Gesten, da bin ich mir ziemlich sicher, werde ich bald wieder vergessen, wenn ich sie nicht im Alltag anwenden kann. Aber Gesicht und Hände still zu halten, das will ich mir – sozusagen als Grundkompetenz – einprägen. Wer mich also demnächst einmal irgendwo trifft, sollte sich nicht wundern. Ich leide nicht an einer Gesichtslähmung und hatte auch keine längere Sitzung beim Zahnarzt. Im Sinne der Gebärdensprache übe mich darin, den Mund zu halten.

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Erstellt:
9. Juni 2020, 11:30 Uhr

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