Gewalt im Schatten der Pandemie

Im Sozialausschuss des Rems-Murr-Kreises wird über die Fallzahlen sexualisierter Gewalttätigkeiten berichtet. Auch zum Thema Prävention und Opferberatung legt das zuständige Amt einen Report vor. Auf die Fachstellen im Kreis kommt demnach noch einiges an Arbeit zu.

Statistisch gesehen wird alle 45 Minuten eine Frau Opfer von gefährlicher Körperverletzung durch Partnerschaftsgewalt. Foto: Polizeiliche Kriminalberatung der Länder und des Bundes

Statistisch gesehen wird alle 45 Minuten eine Frau Opfer von gefährlicher Körperverletzung durch Partnerschaftsgewalt. Foto: Polizeiliche Kriminalberatung der Länder und des Bundes

Von Bernhard Romanowski

Backnang. Die Statistik lässt einen erschauern: Jede dritte Frau in Deutschland wird in ihrem Leben Opfer physischer oder sexualisierter Gewalt. Bei jeder vierten Frau ist der Täter der aktuelle Partner oder ein früherer Partner. Auf das Jahr gerechnet wird in Deutschland fast täglich eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. Statistisch gesehen wird alle 45 Minuten eine Frau Opfer von gefährlicher Körperverletzung durch Partnerschaftsgewalt. Und es ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch wesentlich höher liegt. Das zeigen die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts, die im Sozialausschuss des Rems-Murr-Kreises bei seiner Sitzung im Backnanger Bürgerhaus eingehend erläutert wurden.

Frauen und Männer sind demnach unterschiedlich von Gewalt betroffen. Männer erleben körperliche und auch sexuelle Gewalt am häufigsten in öffentlichen Räumen, am ehesten in ihrer Jugend. Frauen erfahren körperliche Gewalt (32 Prozent) und sexuelle Gewalt (13 Prozent) indessen am häufigsten in Beziehungen oder nach einer Trennung. Die Landkreisverwaltung Rems-Murr reagiere mit einer differenzierten Beratungslandschaft auf diese gesellschaftliche Entwicklung, wie sie mitteilt: „Innovative Projekte wie ,Flügel‘, das eine Lücke in der Täter- und Opferberatung schließt, wurden durch Zuschüsse realisiert und können sich längerfristig etablieren. Mit der Gründung von ,Flügel‘ 2010 setzte Pro Familia Waiblingen ein klares Zeichen für Erwachsene im Rems-Murr-Kreis, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder waren.“ Bei diesem Programm handelt es sich um ein Angebot der Beratung für Frauen und Männer im Falle sexualisierter Gewalt. „Flügel“ richtet sich seit 2010 an Frauen und seit 2017 auch an Männer, die aktuell oder in ihrer Geschichte sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Beratungsgespräche sind kostenlos und unabhängig davon, ob eine Strafverfolgung angestrebt wird.

Von Beginn an besteht eine kollegiale Kooperation mit der Anlaufstelle sexualisierter Gewalt beim Kreisjugendamt, die betroffene Kinder und Jugendliche berät. In Kooperation mit der anonymen Spurensicherung des Rems-Murr-Klinikums Winnenden verfügt der Rems-Murr-Kreis über ein Instrument, das Opfern von sexualisierter Gewalt adäquat und professionell zur Seite steht. Die Fachleute im Kreishaus bezeichnen es als „zeitgemäß und niedrigschwellig“. Die Hürden, es in Anspruch zu nehmen, seien demzufolge für die Betroffenen gering. Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen und Mädchen war bereits vor der Coronapandemie ein beträchtliches gesellschaftliches Problem. Die spezialisierten Beratungsstellen sind auch aktuell für von Gewalt betroffenen und bedrohten Frauen und Mädchen erreichbar. „Die Krise und die Isolierungsmaßnahmen verschärfen jedoch die Problematik der Gewalt an Frauen und Kindern und stellen die Beratungsstellen vor besondere Herausforderungen“, weiß man im Amt für Soziales und Teilhabe in Waiblingen.

Fachberatungsstellen befürchteten gerade für Frauen in gewaltbelasteten Partnerschaften während der Krise eine Zunahme der körperlichen, psychischen und sexualisierten Gewalt. Es sei auch anzunehmen, dass es in einer größeren Anzahl von Partnerschaften zu Gewalt kommt. Gleiches gelte für sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Viele Beratungsstellen gehen davon aus, dass sich im Zuge der abklingenden Krise viele Frauen und Mädchen an die Beratungsstellen wenden werden. Die Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt im Rems-Murr-Kreis, die seit September 1997 besteht, hat ihre Arbeitsinhalte in drei Bereiche gegliedert: Beratung, Netzwerkarbeit und Prävention.

Die Anfragen von Vereinen, Verbänden, Schulen, Kindertageseinrichtungen und Jugendhilfeträgern, wie man Prävention betreiben und Schutzkonzepte erstellen kann, nahmen bis 2020 stetig zu. Wegen der Pandemie konnten die Angebote hier aber nur stark eingeschränkt durchgeführt werden.

2020 stieg – bedingt durch die Lockdowns zur Eindämmung der Pandemie – die Anzahl der Beratungen deutlich an. „Andere Beratungsangebote waren entweder geschlossen oder berieten nur mit geringer Kapazität“, weiß man im Landratsamt. 2021 machten die Straftaten im dicht besiedelten Rems-Murr-Kreis fast die Hälfte aller Fälle im Gebiet des Polizeipräsidium Aalens aus: 347 von 795 Fällen wurden im Rems-Murr-Kreis registriert. Fallzunahmen gab es bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung um 4,2 Prozent auf 795 Fälle. Ausschlaggebend ist hierbei vor allem die Zunahme sowohl bei den Vergewaltigungen um 10,3 Prozent als auch bei der Verbreitung pornografischer Schriften um 57,8 Prozent auf 355 Fälle, wobei hier auch eine Gesetzesänderung eine Rolle bei der Zunahme spielt. Im November 2019 konnte an der Klinik in Winnenden das Projekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ gestartet werden. Die Anlaufstelle beteiligte sich intensiv mit ihrer Fachexpertise an der Entwicklung und Umsetzung des Konzepts, bei dem betroffene Frauen in der Klinik medizinische Hilfe erhalten und auf Wunsch die Spuren der Gewalttat gerichtsverwertbar sichern lassen können.

Nach der medizinischen Versorgung können sich die Betroffenen in der Anlaufstelle gegen sexualisierte Gewalt (14 bis 21 Jahre) oder bei Pro Familia (ab dem 21. Lebensjahr) beraten lassen. Im Jahr 2020 nahmen 15 Personen, davon 14 Frauen, die Soforthilfe in Anspruch, im Jahr 2021 insgesamt 13 Frauen. Zwei Frauen wünschten nach der Behandlung eine Beratung in der Anlaufstelle, drei Frauen eine Beratung bei Pro Familia.

Die Coronapandemie wirkte sich ab dem Frühjahr 2020 auch auf die Sicherheit von Frauen und Kindern im häuslichen Umfeld aus. Laut Berichten von Frauenhäusern, Beratungsstellen und Hilfetelefonen nahm häusliche Gewalt seit der ersten Phase der coronabedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu. „Vermutlich liegt die Dunkelziffer deutlich höher als die Zahl der polizeibekannten Fälle. So muss man davon ausgehen, dass durch die Coronakrise Ungerechtigkeiten verstärkt und bereits vorhandene Missstände schlimmer wurden“, heißt es aus dem zuständigen Fachbereich im Kreishaus. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist jeden Tag rund um die Uhr erreichbar. In der Coronapandemie ist die Zahl der Beratungen deutlich gestiegen – insbesondere zu häuslicher Gewalt. Das Hilfetelefon erreicht man unter der Nummer 0800/0116016.

Vermutlich liegt die Dunkelziffer deutlich höher als die Zahl der polizeibekannten Fälle.
Sexualisierte Gewalt

Machtausübung Unter „sexualisierter Gewalt“ wird jegliche Form von Gewalt verstanden, die sich in sexuellen Übergriffen ausdrückt. Bei diesen Formen der Gewaltausübung steht nicht die sexuelle Befriedigung der Täter im Vordergrund, sondern die Übergriffe werden vielmehr eingesetzt, um Macht zu demonstrieren und andere zu erniedrigen.

Belästigung Sexualisierte Gewalt findet deshalb oft in Abhängigkeitsverhältnissen statt. Sie beginnt bereits bei frauenfeindlicher Sprache, anzüglichen Blicken oder verbalen Belästigungen und geht über ungewollte sexuell konnotierte Berührungen bis hin zur Vergewaltigung.

Zum Artikel

Erstellt:
10. Mai 2022, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!
Ein Mitarbeiter wird Ende 2020 im Alten- und Pflegeheim Staigacker in Backnang gegen Covid-19 geimpft. Archivfoto: Jörg Fiedler
Top

Corona

Impfpflicht: Noch kein Bußgeldverfahren im Rems-Murr-Kreis

Nach 100 Tagen der Impfpflicht im Pflege- und Gesundheitswesen ebbt die Kritik daran nicht ab. Der bürokratische Aufwand sei immens und eine allgemeine Impfpflicht wäre gerechter gewesen, heißt es. Eine Kündigungswelle ist ausgeblieben. In Nachbarkreisen werden Bußgelder verlangt.

Steffen Haerer (links) und Arijan Karacic leiten die Teststation „am Tante Emma“ in Backnang. Dort werden momentan täglich rund 40 Schnelltests ausgeführt. Doch schon heute könnte die Anzahl zurückgehen, da die Tests nicht mehr kostenlos sind.  Foto: Tobias Sellmaier
Top

Corona

Corona: Drei Euro und mehr für den Bürgertest

Von heute an sind Coronaschnelltests nicht mehr kostenfrei. Mindestens drei Euro müssen symptomfreie Bürgerinnen und Bürger bezahlen, wenn sie sich testen lassen wollen. Kurz vor der Umstellung wissen die Anbieter selbst noch nicht, wie die Abrechnung konkret ablaufen soll.