Hoffnung auf ein fast normales Schuljahr

Zwei Schuljahre in Folge sind wegen der Coronapandemie ganz anders gelaufen als geplant. Wenn die Schule am Montag wieder startet, wird Corona zwar weiterhin ein Thema sein, Homeschooling und Wechselunterricht sollen aber unbedingt vermieden werden.

Ab Montag gilt wieder Maskenpflicht im Unterricht. So soll trotz steigender Infektionszahlen dauerhaft Präsenzunterricht ermöglicht werden. Unser Foto ist im März an der Backnanger Plaisirschule entstanden. Archivfoto: A. Becher

© Alexander Becher

Ab Montag gilt wieder Maskenpflicht im Unterricht. So soll trotz steigender Infektionszahlen dauerhaft Präsenzunterricht ermöglicht werden. Unser Foto ist im März an der Backnanger Plaisirschule entstanden. Archivfoto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Rems-Murr. Die Coronaverordnung, die ab dem neuen Schuljahr gilt, gibt den Schulen wieder wesentlich mehr Freiheiten. Sabine Hagenmüller-Gehring spricht von einem Paradigmenwechsel: „Die Aufrechterhaltung des Präsenzunterrichts steht jetzt im Vordergrund“, sagt die Leiterin des Staatlichen Schulamts in Backnang. Das ermöglicht einerseits wieder ein beinahe normales Schulleben, könnte andererseits aber auch zu einem deutlichen Anstieg der Coronafälle in der noch immer überwiegend ungeimpften Schülerschaft führen.

Freiheiten Schulaufführungen, Sportfeste, Exkursionen – das alles ist mit Beginn des neuen Schuljahrs wieder möglich. Lediglich Klassenfahrten ins Ausland sind vorerst noch nicht erlaubt. Auch klassenübergreifende Angebote wie AGs sind zulässig, allerdings nur, solange es aktuell keine Infektionen an der Schule gibt. Bei einem Coronafall in einer Klasse müssen die Mitschüler nun nicht mehr in Quarantäne, sondern sich lediglich fünf Tage in Folge testen lassen. In dieser Zeit haben sie weiter Unterricht, dürfen aber nicht an Aktivitäten außerhalb ihres Klassenverbands teilnehmen. Der Rems-Murr-Kreis sei mit seinen Testkapazitäten und der selbst entwickelten Cosima-App sehr gut auf dieses neue Prozedere vorbereitet, sagt Landrat Richard Sigel. Als Vater von zwei Kindern sei er auch persönlich froh über die neue Normalität an den Schulen, erklärt er.

Vorsichtsmaßnahmen Schnelltests werden für ungeimpfte Schüler auch weiterhin zum Schulalltag gehören – statt zweimal künftig sogar dreimal pro Woche. Lehrkräfte ohne Impfschutz müssen täglich zum Test. Außerdem gilt im Unterricht ab Montag wieder Maskenpflicht. Ursprünglich war dies nur für die ersten beiden Wochen nach den Ferien geplant, angesichts hoher Infektionszahlen gilt diese Regelung nun aber „bis auf Weiteres“. Nach eineinhalb Jahren Pandemie seien Hygienepläne und Schutzvorkehrungen für die Schulleitungen längst Alltag, sagt Hagenmüller-Gehring. Trotzdem geht Landrat Sigel davon aus, dass sich Ansteckungen an den Schulen nicht vermeiden lassen: „Das Konzept bringt keine absolute Sicherheit. Wir müssen uns auf steigende Zahlen einstellen.“

Impfkampagne Richard Sigel wird nicht müde, es zu betonen: „Wie schnell wir die Pandemie überwinden, hängt davon ab, wie wir mit dem Impfen vorankommen.“ Das gilt auch für die älteren Schüler: In der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen, für die es zugelassene Impfstoffe gibt, sind im Rems-Murr-Kreis aktuell erst 16,8 Prozent vollständig geimpft. Der Landkreis will hier das Tempo erhöhen und plant deshalb auch Impfaktionen an den Schulen. An den kreiseigenen Berufsschulzentren waren bereits Impfteams vor Ort, man biete solche Aktionen aber auch allen anderen Schulen im Rems-Murr-Kreis an, erklärt Sigel. Er hofft deshalb darauf, dass das Land seine mobilen Impfteams noch länger zur Verfügung stellt. Ursprünglich sollten diese mit dem Ende der Kreisimpfzentren zum 30. September aufgelöst werden.

Lernlücken Die langen Fernunterrichtsphasen in den vergangenen beiden Schuljahren sind nicht ohne Folgen geblieben. „Es gibt große Lernrückstände“, sagt Sabine Hagenmüller-Gehring. Manche Schüler habe man während des Homeschoolings kaum noch erreicht. Deshalb sei das Niveau auch innerhalb der Klassen höchst unterschiedlich. „Für die Lehrkräfte ist das eine große Herausforderung. Sie müssen individualisierter unterrichten“, sagt die Schulamtsleiterin. Hoffnung setzt sie auf das Programm „Lernen mit Rückenwind“, das nach den Herbstferien starten soll. Die Schulen erhalten dann vom Land ein Budget, mit dem sie zusätzliche Lern- und Förderangebote für Schüler mit Lernlücken finanzieren können. Ergänzend dazu startet der Landkreis ein Programm mit dem Titel „Stärken im System“ (SiSy): Sozialarbeiter des Jugendamts werden an die Schulen gehen und Kontakt zu Kindern und Jugendlichen mit Problemen suchen. „Wir sind gefordert, dass aus einer medizinischen Krise keine soziale Krise wird“, erklärt Landrat Sigel.

Lehrerversorgung Der Lehrermangel ist schon seit Jahren ein Problem, dieses Jahr ist die Situation besonders prekär. Zwar hat das Staatliche Schulamt insgesamt 104 neue Lehrerinnen und Lehrer für die Schulen im Rems-Murr-Kreis (ohne Gymnasien) eingestellt, gebraucht würden aber noch 60 mehr. Um wenigstens den Pflichtunterricht an allen Schulen anbieten zu können, mussten teilweise Gruppen zusammengelegt und Zusatzangebote gestrichen werden. Einige Lehrkräfte seien auch bereit gewesen, ihr Stundendeputat zu erhöhen, berichtet Sabine Hagenmüller-Gehring.

Ein Grund für den akuten Lehrermangel sind die vielen Schwangerschaften. Wegen des erhöhten Risikos bei einer Coronainfektion werden Schwangere zurzeit nicht im Präsenzunterricht eingesetzt. Dadurch entstünden kurzfristig Lücken, die kaum geschlossen werden könnten, erklärt Markus Keller, der im Staatlichen Schulamt die Unterrichtsversorgung organisiert. Zumal die unsichere Coronasituation auch dazu führe, dass viele Lehrerinnen in Elternzeit lieber abwarten und die geplante Rückkehr ins Berufsleben verschieben. Wenn jetzt noch Krankheitsfälle hinzukommen, könnte es an den Schulen richtig eng werden.

Sorgen und Kritik Sabine Hagenmüller-Gehring blickt dem kommenden Schuljahr mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits freut sie sich, dass die neue Coronaverordnung wieder vieles von dem ermöglicht, „was Schule ausmacht“. Andererseits sieht sie mit Sorge die steigenden Infektionszahlen: „Ich bin schon skeptisch“, gibt die Schulamtsleiterin zu. Probleme erwartet sie auch mit Maskenverweigerern, zumal ab Montag wieder für alle Kinder Präsenzpflicht gilt. Richard Sigel kündigt in diesen Fällen schon einmal eine harte Gangart an. „Pseudoatteste“ werde man vom Gesundheitsamt überprüfen lassen. Kritik übt Sigel auch an der Landesregierung, die ihre neue Coronaverordnung wieder erst auf den allerletzten Drücker veröffentlicht habe: „Dazu hätten sie jetzt eigentlich sechs Wochen Zeit gehabt.“

Sabine Hagenmüller-Gehring,
Leiterin des Staatlichen Schulamts Backnang „Hygienepläne, Maskenpflicht und Teststrategie gehören mittlerweile zum schulischen Alltag. Jede Schulleitung weiß, wie viel davon abhängt.“
Hoffnung auf ein fast normales Schuljahr

© Jörg Fiedler

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Erstellt:
11. September 2021, 06:00 Uhr

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