„Ich hätte jeden Impfstoff genommen“

Das Interview: Die Priorisierung für die Corona-Impfung mit Astrazeneca beim Hausarzt ist in Baden-Württemberg aufgehoben. Kann sich jetzt jeder impfen lassen? Und ist der Impfstoff für alle gleichermaßen geeignet? Das weiß der Allgemeinmediziner und Kreis-Pandemiebeauftragte Jens Steinat aus Oppenweiler.

Den Impfstoff Astrazeneca verimpft Hausarzt Jens Steinat auch in seiner Praxis. Foto: W. Filser/Adobe Stock

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Den Impfstoff Astrazeneca verimpft Hausarzt Jens Steinat auch in seiner Praxis. Foto: W. Filser/Adobe Stock

Von Melanie Maier

Herr Steinat, haben sich jetzt schon viele
Patienten bei Ihnen gemeldet, die noch nicht priorisiert sind, aber Interesse daran haben, mit Astrazeneca geimpft zu werden?

Ja. Seit gestern haben sich sehr viele, auch jüngere, gemeldet, die sich möglichst schnell impfen lassen möchten.

Wie gehen Sie mit diesen Interessierten um?

Sie können sich per E-Mail mit Namen, Handynummer und Alter registrieren. Wenn Impfstoffe übrig wäre, könnten wir so schnell Kontakt aufnehmen. Wir setzen den Impfstoff aber momentan hauptsächlich noch bei den Patienten über 60 ein – bis wirklich alle über 60, die sich impfen lassen wollen, geimpft wurden. Vereinzelt bekommen den Impfstoff auch jüngere Patienten, die aus anderen Gründen priorisiert sind.

Was halten Sie von der Freigabe?

Generell finde ich das sinnvoll. Man muss ehrlicherweise sagen, dass wir im hausärztlichen Bereich mittlerweile einen deutlich höheren Arbeitsaufwand haben – mit unseren Priorisierungslisten, den Wartelisten, der Abtelefonierung. Inzwischen haben doch viele Patienten anderswo einen Impftermin bekommen. Es ist enorm zeitintensiv, diese Terminlücken zu füllen.

Gegen Astrazeneca haben manche Menschen Vorbehalte. Womit wurden Sie geimpft?

Ich bin im Januar als Teil der priorisierten Gruppe (bezüglich Corona-Schwerpunktpraxis und Notdienst habender Arzt) mit dem damals einzig zugelassenen Impfstoff Biontech geimpft worden.

Hätten Sie auch Astrazeneca akzeptiert?

Ich hätte jeden Impfstoff genommen, für den ich einen Termin bekommen hätte.

Würden Sie den Impfstoff allen Personengruppen empfehlen?

Das Risiko, dass es zu einer schweren Nebenwirkung kommt, ist insgesamt gesehen sehr niedrig. Aber wenn man sich die Zahlen anschaut, die über die letzten Wochen und Monate generiert werden konnten, sieht man ein erhöhtes Risiko bei jüngeren Frauen. Und von daher ist es schon so, dass man in dieser Patientengruppe vorsichtiger sein sollte. Deswegen halte ich es auch für wichtig, dass wir versuchen, nun bei der Patientengruppe über 60 Astrazeneca als hochwirksamen und in dieser Altersklasse auch gut verträglichen Impfstoff einzusetzen, damit wir für junge Frauen, die ein höheres Risiko auf Nebenwirkungen bei Astrazeneca haben, genug Biontech-Impfstoff zur Verfügung haben.

Erhöht die Einnahme der Antibabypille das Risiko für Hirnvenenthrombosen?

Stand der jetzigen Forschung ist, dass die Hirnvenenthrombosen, zu denen es nach einer Impfung mit Astrazeneca in sehr seltenen Fällen gekommen ist, Autoimmunreaktionen waren, die nicht mit anderen thrombosefördernden Faktoren wie der Einnahme der Antibabypille, Krampfadern oder auch Thrombosen in der Vorgeschichte zu tun hatten.

Wären Sie nun für eine generelle Aufhebung der Priorisierung bei allen Impfstoffen?

Für unsere Arbeit wäre es unbürokratischer und einfacher, wenn man langsam dazu übergehen würde, die Priorisierung ganz aufzuheben, weil es den Aufwand in der Praxis doch sehr erhöht. Die Arztpraxen arbeiten wirklich auf Kante, oft auch an den Wochenenden und Feiertagen. Wir versuchen unser Möglichstes, allen gerecht zu werden. Aber da hoffe ich auf das Verständnis der Patienten, zu berücksichtigen, unter welcher enormer Arbeitsbelastung die Kolleginnen und Kollegen stehen. Ich finde, es ist an der Zeit, dass man mehr Vertrauen in uns Ärzte setzt. Wir kennen unsere Patienten und wissen, wer den Impfstoff dringend braucht, etwa weil Vorerkrankungen da sind oder weil jemand beruflich extrem gefährdet ist. Wir sind in der Vergangenheit verantwortungsbewusst mit dem Impfstoff umgegangen und das werden wir auch in Zukunft tun. Man muss dazusagen, dass die Lage in den Gemeinden sehr unterschiedlich ist – je nach Gemeindegröße, der Menge der Arztpraxen und wie viele Menschen dort schon geimpft sind. Es gibt durchaus Praxen, die haben eigentlich niemanden mehr nach Priorisierung zu impfen oder nur noch sehr wenige. Die haben zum Teil Probleme, priorisierte Menschen zu finden, was einen noch viel höheren Arbeitsaufwand bedeutet.

Birgt das nicht die Gefahr, dass der Impfstoff am Ende gar nicht verimpft wird?

Also die Angst kann ich Ihnen nehmen! Wir werden garantiert nicht den kleinsten Tropfen Impfstoff wegschmeißen. Ich könnte nachts nicht ruhig schlafen, wenn ich auch nur eine Dosis vergeudet hätte. Bevor irgendetwas weggeworfen wird, werden wir wirklich alle Hebel in Bewegung setzen, einen primär Impfberechtigten zu finden. Und wenn es wirklich hart auf hart kommen sollte, kriegt es eben jemand, der nicht priorisiert ist.

„Ich hätte jeden Impfstoff genommen“

© Jörg Fiedler

Jens Steinat

Steinat wurde 1977 in Backnang geboren. Von 1998 bis 2004 studierte er Humanmedizin an der Uni Tübingen.

Nach der Promotion und mehreren Stationen als Assistenzarzt übernahm er 2011 seine Hausarztpraxis. Seit 2020 ist er Pandemiebeauftragter des Landkreises.

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Erstellt:
10. Mai 2021, 06:00 Uhr

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