Impfen ab zwölf: Interesse hat nachgelassen

Manche Kinderarztpraxen impfen wegen des hohen Aufwands gar nicht, manche erst ab 16, andere wiederum ab zwölf. Ärzte sind sich aber einig, dass Kinder und Jugendliche nicht unter Druck gesetzt werden dürfen. Nach den Ferien ist wohl wieder mit mehr Impfungen zu rechnen.

Nach der Stiko-Empfehlung am 16. August stieg zunächst das Interesse an der Coronaimpfung für Jugendliche ab zwölf Jahren. Foto: Büttner

© Benjamin Büttner

Nach der Stiko-Empfehlung am 16. August stieg zunächst das Interesse an der Coronaimpfung für Jugendliche ab zwölf Jahren. Foto: Büttner

Von Florian Muhl

Rems-Murr. „Wir impfen, aber wir impfen momentan ganz selten, weil wir das logistisch gar nicht hinkriegen“, sagt Gerold Remlinger. Der Kinder- und Jugendarzt erklärt die Arbeitsweise in seiner Praxis in Unterweissach: „Wir müssen pro Runde sechs bis sieben Impflinge zum selben Zeitpunkt zusammenbekommen, denn so viel Impfstoff ist in einer Ampulle, dann drei bis sechs Wochen später – ich mache einen Sechs-Wochen-Abstand – die gleichen Leute wieder zusammenkriegen.“ Das zu koordinieren, sei ganz schwierig. „Für die zwei Durchgänge, die wir jetzt gemacht haben und dabei 40 oder 50 Kinder und Jugendliche an insgesamt vier Tagen geimpft haben, mussten wir zwei Wochenenden herumtelefonieren, also drei Tage opfern, bis die Termine standen“, sagt Remlinger.

Der Kinderarzt, der dem Auenwalder Gemeinderat angehört, arbeitet auch im Impfzentrum. „Da sehe ich, dass es dort einfach unbürokratischer zugeht. Man kann hingehen, sich aufklären und impfen lassen oder auch wieder gehen, wenn man die Spritze nicht will.“ In seiner Praxis sei das viel komplizierter, auch weil er den ganzen Vorgang mit Aufklärungsgespräch und Impfen außerhalb der Sprechzeiten erledigen müsse. Wegen des enorm hohen Aufwands habe er noch nicht sehr viel verimpft.

„Ich impfe auch erst ab 16 Jahren“, sagt Remlinger, und fügt an: „Und natürlich schwer kranke Kinder unter 16 Jahren.“ Er habe bei seinen Patienten geschaut, wer eventuell dringend diese Impfung benötigen könnte, und habe diese kontaktiert. Das Ergebnis: „Von denen sind die meisten bereits geimpft.“ Aber warum impft er nur Jugendliche ab 16? „Ich bin der Meinung, dass die Politik die Stiko in diese Ecke gedrängt hat, auch im Rems-Murr-Kreis hat die Politik die Impfungen ins Impfzentrum gebracht, nicht die Medizin.“

Bevor die Ständige Impfkommission (Stiko) entschieden habe, in welche Richtung sie möchte, hätten sich Kinderärzte verständigt und einheitlich, wie Remlinger sagt, dazu geäußert: „Wir wollen eigentlich die Kinder und Jugendlichen nicht impfen, auf Bedarf natürlich, jeder ist frei und darf das machen.“ Eigentlich seien die Erwachsenen in der Verantwortung, die Kinder zu schützen. „Erstens können wir unter Zwölfjährige noch gar nicht impfen und zweitens wissen wir immer noch nicht, ob die Impfung ein Problem macht. Das glaube ich zwar nicht, aber wir müssen ja auch in die Zukunft denken.“ Der Kinderarzt verweist darauf, dass bei einer von 15000 Impfungen das Risiko bestehe, eine Myokarditis zu bekommen, also eine Herzmuskelentzündung, eher Jungs als Mädchen.

„Ich finde es unverschämt von manchen Erwachsenen, die Kinder zum Impfen vorzuschieben“, ärgert sich der Arzt, der bemängelt, dass die Solidarität der Menschheit verloren gegangen sei. Die kranken Kinder, die er sehe, seien selten von Kindern angesteckt worden, sondern typischerweise von Erwachsenen. „Und im Rems-Murr-Kreis haben wir so gut wie keine Kinder mit Folgen.“ Von oben Druck zu machen, damit Kinder und Jugendliche geimpft werden würden, damit man die Quote hoch bekomme, weil die Erwachsenen das nicht machen würden, findet er unfair gegenüber Jugendlichen, die im sozialen Bereich mit Schulsperrungen, mit Lockdown und Shutdown genug zu tragen hätten.

Wenn am Montag wieder die Schule anfängt, werde es vielleicht mehr Coronafälle geben, eventuell auch andere Mutationen. „In den nächsten Wochen werden wir uns sicher unterhalten müssen, und wenn die Kinder dann mehr leiden oder schlimmere Folgen haben, muss man individuell entscheiden“, sagt Remlinger.

In der Kinderarztpraxis Efstratios A. Kotziabassis in Murrhardt werden Kinder ab zwölf Jahren geimpft. „Die Nachfrage ist so lala, wir impfen natürlich, aber momentan nicht so richtig“, sagt Praxismanager Christian Schuster. Die Eltern würden sich melden, Fragen stellen und dann oft noch überlegen. „Gründe gegen das Impfen sind beispielsweise, dass die Eltern sagen, das sind ja noch Kinder, und auch, dass sie nicht an den Impfstoff glauben“, meint Schuster. „Von uns gibt es momentan keine Beratung.“ Im August seien rund 30 Personen aus Murrhardt, Backnang und der Umgebung geimpft worden, darunter auch einige Erwachsene. Nebenwirkungen seien bislang noch nicht aufgetreten. „Ich kann mir vorstellen, dass nach dem Schulbeginn zum Winter hin das Impfinteresse wieder ansteigen könnte“, sagt der Praxismanager.

Nicht alle Kinderarztpraxen bieten Coronaimpfungen an. Die Winterbacher Gemeinschaftspraxis von Hans-Weert Klopp zum Beispiel nicht. Er selbst ist laut Welzheimer Zeitung vom Wert der Impfung für Kinder und Jugendliche überzeugt. Aber der Aufwand sei für seine Praxis nicht zu stemmen. Eine Anfrage bei Barbara Schütz verlief negativ. Die Backnanger Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin wollte mit unserer Zeitung zu diesem Thema nicht sprechen.

Gerold Remlinger,
Kinder- und Jugendarzt in Unterweissach „„Ich finde es unverschämt von manchen Erwachsenen, die Kinder zum Impfen vorzuschieben.“
Im Kreisimpfzentrum wird ohne Anmeldung an zwei Tagen in der Woche bis 20 Uhr geimpft

Systemfehler Konkrete Zahlen, wie es aktuell mit Impfungen von Kindern und Jugendlichen im Kreisimpfzentrum (KIZ) aussieht, kann dessen Leiter Gerd Holzwarth nicht nennen. Eine Abfrage nach der Altersstruktur der geimpften Personen war nicht möglich.

Tendenz Seitdem die Stiko-Empfehlung auch die Impfung von Zwölf- bis 17-Jährigen mit einschließt, sind mehr Kinder mit ihren Eltern gekommen, hat Holzwarth festgestellt.

Aktionen Bereits vor dieser Stiko-Empfehlung hat das KIZ gemeinsam mit der Kinderklinik der Rems-Murr-Kliniken in Winnenden, mit Professor Ralf Rauch, ein Kinderimpfwochenende organisiert.

An zwei Tagen waren Mitte August 500 Kinder und Jugendliche zum Impfen gekommen.

Das darauffolgende Wochenende wurde diese Aktion wiederholt, allerdings war das Interesse deutlich geringer. Da kamen nur noch rund 150 Kinder ab zwölf und Jugendliche.

Bei drei weiteren Impfwochenenden habe es insgesamt rund 180 Impfungen gegeben, bei dem für Kinder in Fellbach 70 und im Schwaben-Park 110 Impfungen, die Hälfte davon für Kinder und Jugendliche.

Absage Kinder unter zwölf Jahren dürfen nicht geimpft werden. Wie der KIZ-Leiter sagt, gab es den Fall, dass eine Mutter kam und ihr elfjähriges Kind impfen lassen wollte. „Das mussten wir ablehnen, weil der Impfstoff Biontech erst ab zwölf zugelassen ist“, sagt Holzwarth.

Auf und Ab In den ersten drei Augustwochen ist die Anzahl der Geimpften im KIZ (Kinder und Erwachsene) immer mehr angestiegen, bis zuletzt 3500 pro Woche, in der letzten Augustwoche hat das Interesse wieder etwas nachgelassen. Wie Holzwarth sagt, ist es in der Urlaubszeit schwierig, Gründe für das Auf und Ab zu nennen.

Feierabendimpfen Zum Impfen im KIZ kann man ohne Anmeldung zu den Öffnungszeiten kommen (Montag bis Freitag 8.30 bis 18 Uhr, Montag und Mittwoch bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 8.30 bis 13.30 Uhr).

Rückbau Das KIZ ist bis 30. September in Betrieb. Die Sporthalle wird dann rückgebaut und bis 15. Oktober der Stadt Waiblingen zurückgegeben.

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Erstellt:
7. September 2021, 06:00 Uhr

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