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In den Wohngruppen arbeiten Helden der Krise

Nach der Schließung der Werkstätten für behinderte Menschen halten sich die Klienten auch tagsüber in den betreuten Wohnhäusern auf

Im Wohngruppenalltag werden neue Ideen der Beschäftigung ausprobiert. Foto: M. Knödler

Im Wohngruppenalltag werden neue Ideen der Beschäftigung ausprobiert. Foto: M. Knödler

WINNENDEN (mk). Die Werkstätten für behinderte Menschen in ganz Baden-Württemberg sind geschlossen – auch in der Paulinenpflege. Beschäftigte, die zusätzlich in der diakonischen Einrichtung wohnen, sind jetzt rund um die Uhr in ihren Wohngruppen. „Die Stimmung ist bei uns gut. Wir probieren gerade andere Ideen der Beschäftigung in der Wohngruppe aus. Mein Team ist hoch motiviert“, erzählt Wohngruppenleiter Stephan Kaufmann. Von einem Kollegen hat er den Tipp bekommen, einfach vormittags „Schule“ zu machen – immer wieder kommt ein Bewohner mit einem ausgefüllten Blatt mit Rechen- oder Schreibaufgaben zu ihm. Oder es werden bekannte Spiele wie „Bierpong“ in „Schokopong“ umgewandelt. Zwischendurch mahlt ein Bewohner seinen Kaffee plötzlich wieder mit Omas Kaffeemühle, bevor er sich einen Kaffee aufbrüht.

Der Heilerziehungspfleger ist im Wohn- und Esszimmer an diesem Vormittag von sieben Bewohnern seiner Gruppe umgeben. Insgesamt unterstützt er mit seinem Team 20 Menschen mit Behinderung, verteilt auf vier Häuser. Im sogenannten Haupthaus in der Winnender Paulinenstraße war bis vor der Coronakrise der Treffpunkt aller angeschlossenen Außenhäuser. Das soll nun größtenteils vermieden werden, erklärt Kaufmann: „Wir Mitarbeiter sind im Gegenzug noch öfter in den Außenhäusern präsent. Natürlich gibt’s auch die digitale Kontaktmöglichkeit mit SMS oder Videotelefonie.“ Einfach mal kurz anrufen, das geht bei vielen Klienten der Wohngruppe nicht, weil sie gehörlos sind. „Es muss immer wieder erklärt werden, dass die Maßnahme in diesen Zeiten einfach notwendig ist.“

Für viele Bewohner ist der neue Alltag bisher kein großes Problem. Es müssen auch nicht alle ständig beschäftigt werden. Einige genießen es, dass sie gerade nicht zum Arbeiten oder weniger in die Stadt können. „Es gibt Klienten, die verschwinden nach dem Kaffee wieder ins Bett, schauen in ihrem Zimmer fern oder lesen Zeitung“, berichtet Kaufmann. Wieder andere leben nur im Hier und Jetzt und fragen immer wieder, wann die Wohngruppe endlich einen Ausflug macht. Kaufmann und seine Kollegen erklären dann geduldig immer wieder, dass draußen alles geschlossen hat und „ein Freizeitausflug“ höchstens ein Spaziergang in einer Kleingruppe sein kann.

Und was sagen Kaufmanns Teamkollegen zur neuen Situation? Immerhin muss derzeit an Werktagen eine Schicht zusätzlich gefahren werden. „Ich bin froh, dass ich zur Arbeit darf und dass der Betrieb hier weiterläuft. Ohne meinen Job hier würde ich auf meinem Bett liegen und Schäfchen zählen“, sagt Niklas Ortmaier, der gerade seinen Freiwilligendienst in der Wohngruppe ableistet.

Große Unterstützung hat das Team von zwei Mitarbeiterinnen aus dem Freizeitbereich „Club Paula“ der Paulinenpflege. Dieser hat ebenfalls vorübergehend geschlossen, damit sich die Bewohner der verschiedenen Wohngruppen nicht öfter als nötig treffen.

Dass sich die verschiedenen Bereiche innerhalb der Paulinenpflege aushelfen, ist für viele selbstverständlich. Der Vorstand hat dazu einen Aufruf gestartet mit einer erfreulichen Resonanz. „Wir sind dankbar und froh, dass sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereit erklärt haben, in anderen Bereichen der Paulinenpflege auszuhelfen, wenn der Bedarf entsteht“, sagt Vorstand Pfarrer Andreas Maurer. Auch wenn einige Bereiche der Paulinenpflege vorübergehend geschlossen wurden und zum Beispiel über digitale Lernplattformen unterrichtet und ausgebildet wird, gibt es nach wie vor auch vor Ort viel zu tun. Maurer ist dieser Einsatz sehr wichtig: „Für mich sind unsere Mitarbeitenden, die die Betreuung der auch jetzt noch rund 700 Menschen sicherstellen, Helden der Krise. Und zwar alle, von den pädagogischen Fachkräften und den Pflegekräften bis hin zu den Reinigungskräften.“

Somit gehört auch Stephan Kaufmann mit seinem Team zu den Heldinnen und Helden. Er hat derzeit nur einen Wunsch: „Dass sich möglichst keine Klienten und Mitarbeiter infizieren und die Ausgangsbeschränkungen bald wieder aufgehoben werden.“ Daher sein Aufruf an alle, die in keinen systemrelevanten Berufen arbeiten: „Wir sind weiterhin für unsere Menschen mit Behinderung da. Bleibt ihr, wenn es irgendwie geht, bitte zu Hause.“

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Erstellt:
7. April 2020, 16:00 Uhr

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