In der Kantine gibt es die Spritze

Seit dieser Woche können auch Betriebsärzte Coronaimpfungen durchführen. Größere Unternehmen aus der Region nutzen das Angebot gerne, allerdings haben sie wesentlich weniger Impfstoff bekommen, als sie bestellt hatten.

Guten Appetit! Betriebsarzt Charles Dazzan bereitet in der Tesat-Kantine die Impfung für Beschäftigte des Unternehmens vor.Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Guten Appetit! Betriebsarzt Charles Dazzan bereitet in der Tesat-Kantine die Impfung für Beschäftigte des Unternehmens vor.Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Dort, wo es sonst Linsen mit Spätzle oder Currywurst mit Pommes gibt, serviert Betriebsarzt Charles Dazzan den Tesat-Mitarbeitern diese Woche Biontech in der Spritze. Im Betriebscasino hat das Backnanger Unternehmen eine Impfstraße eingerichtet, um seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gegen das Coronavirus zu schützen. Rund 400 der insgesamt 1000 Tesat-Mitarbeiter hatten sich laut Unternehmenssprecherin Nina Backes um die begehrte Injektion beworben. Von den älteren Mitarbeitern und solchen, die Vorerkrankungen haben, waren viele bereits vorher geimpft.

Allerdings hat Tesat mit der ersten Lieferung am Montag nur 140 Impfdosen bekommen, obwohl deutlich mehr bestellt war. „Wie viel wir nächste Woche bekommen werden, ist noch unklar“, sagt die Sprecherin. So musste das Unternehmen auswählen und entschied sich für das Zufallsprinzip. „Da zwei Drittel unserer Mitarbeiter in der Produktion arbeiten und nur wenige Homeoffice machen können, hätte eine Priorisierung keinen Sinn gemacht“, erklärt Backes.

Etwas anders sieht das bei Kärcher aus: Der Hersteller von Reinigungsgeräten beschäftigt am Stammsitz in Winnenden und im benachbarten Schwaikheim insgesamt 2800 Mitarbeiter, die beiden Betriebsärzte haben diese Woche allerdings nur knapp 230 Dosen des Biontech-Impfstoffs erhalten. Das Unternehmen hat sich deshalb für eine hausinterne Priorisierung entschieden: „Zuerst werden bei uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geimpft, bei denen kein mobiles Arbeiten möglich ist und bei denen die Arbeitssituation zu vermehrten Kontakten führt, die also einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind“, erklärt Unternehmenssprecher David Wickel-Bajak. Das betreffe vor allem Beschäftigte aus den internen Diensten, der Produktion und Logistik.

Mittelfristig will das Unternehmen aber möglichst allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Impfung vor Ort anbieten und hat dafür in seinem Kärcher Auditorium ein eigenes Impfzentrum eingerichtet. Das Interesse in der Belegschaft ist laut Wickel-Bajak groß: „80 Prozent unserer Mitarbeiter sind impfwillig, ein Viertel davon hat die Impfung aber schon woanders erhalten.“

Bislang profitieren vor allemMitarbeiter großer Firmen.

Bei Harro Höfliger soll die Impfaktion morgen beginnen. Der Maschinenbauer aus Allmersbach im Tal nutzt dafür Räume in der Lehrwerkstatt. „Es war von Anfang an unser Wunsch, im Betrieb zu impfen, denn privat einen Impftermin zu bekommen, ist noch immer recht schwierig“, sagt Sprecherin Rosemarie Christ. Die 114 Impfdosen, die der Betriebsarzt mit der ersten Lieferung erhalten hat, sind für das Unternehmen mit rund 1500 Mitarbeitern allerdings auch nicht besonders viel. Wie viele Beschäftigte das Angebot nutzen wollen, konnte Christ gestern noch nicht sagen, weil die Bewerbungsfrist noch lief. Wenn es mehr Interessenten als Impfstoff gibt, soll bei Höfliger der Maileingang entscheiden: Wer zuerst kommt, mahlt also zuerst.

Markus Beier, begrüßt, dass die Betriebsärzte seit dieser Woche in die Impfkampagne eingebunden sind: „Es ist wichtig, niederschwellige Angebote zu schaffen“, sagt der Leitende Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rems-Murr. So könne man auch Leute vor einer Infektion schützen, die sich sonst vielleicht nicht die Mühe gemacht hätten, sich aktiv um einen Impftermin zu bemühen. Positiv sei auch, dass der Bund den Betriebsärzten zusätzlichen Impfstoff zur Verfügung stelle und dieser nicht etwa vom Kontingent der Kreisimpfzentren abgeht.

Als Manko sieht Beier allerdings, dass das Angebot bislang vor allem Beschäftigten in großen Unternehmen zugutekommt. „Wir wissen von vielen kleineren Firmen, die ihren Mitarbeitern auch gerne ein Impfangebot machen würden, aber noch auf der Suche nach einer passenden Lösung sind“, sagt Beier. Ein eigenes Impfzentrum aufzubauen, wird sich für kleine Betriebe kaum lohnen, deshalb fordert der IHK-Geschäftsführer andere Angebote, etwa temporäre „Pop-up-Impfzentren“ in Gewerbegebieten oder mobile Impfteams, die in die Unternehmen kommen. Auch das Sozialministerium des Landes macht sich über dieses Thema bereits Gedanken und will verschiedene Ideen zunächst in Modellprojekten testen (siehe Infobox).

Die Unternehmen sehen das Impfangebot einerseits als Service für ihre Mitarbeiter, haben andererseits aber auch ein eigenes Interesse daran, dass ein möglichst großer Teil der Belegschaft geimpft ist, denn nur dann können hausinterne Einschränkungen und Hygieneregeln nach und nach gelockert werden.

So sind bei Tesat etwa Besprechungen mit mehreren Kollegen in einem Raum bislang noch verboten, Teeküchen und Toiletten sind bestimmten Teams fest zugeordnet, damit es keine unnötigen Begegnungen gibt. Wann die Unternehmen wieder zu ihrer früheren Arbeitsweise zurückkehren können, ist noch nicht absehbar. Ein Problem könnte dabei aus Sicht von Markus Beier auch der Datenschutz werden: „Ein Betrieb darf seine Mitarbeiter nämlich gar nicht fragen, ob sie geimpft sind oder nicht.“ Aus Sicht der Unternehmen gebe es deshalb noch einige Fragezeichen, moniert der IHK-Geschäftsführer und wünscht sich auch vom Gesetzgeber klarere Vorgaben, wie die Rückkehr zur Normalität organisiert werden soll.

Modellprojekte für Handwerksbetriebe

Beim Modellprojekt „Impfen in Betrieben“ wurden bereits seit Mai in zwölf Unternehmen in Baden-Württemberg rund 12000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geimpft. Die Unternehmen zählen alle zur sogenannten kritischen Infrastruktur und wurden vom Sozialministerium und den Industrie- und Handelskammern (IHK) ausgewählt.

Nachdem diese Modelle erfolgreich waren, kommen nun drei weitere Projekte aus dem Bereich Handwerk hinzu. Handwerksbetriebe sind meist kleiner und haben oft nicht den Platz und die Strukturen, um eigene Impfstraßen einzurichten. Daher sollen nun Möglichkeiten erprobt werden, mehrere kleinere Betriebe gemeinsam zu impfen.

So wird es im Autohaus Hahn in Fellbach gemeinsam mit der BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH Impfungen für Beschäftigte aus verschiedenen Filialen in der Region Stuttgart geben. Beschäftigte von Mitgliedsbetrieben der Handwerkskammer Karlsruhe werden im Kreisimpfzentrum Mönsheim (Enzkreis) geimpft. Das ist aktuell möglich, weil das Impfzentrum wegen der begrenzten Impfstoffmengen noch nicht unter Volllast betrieben wird. Des Weiteren erhalten Beschäftigte der Bauwirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsmedizinischen Dienst der Berufsgenossenschaft Bau eine Impfung in Karlsruhe und Böblingen. Für die Modellprojekte stehen etwa 400 Impfdosen zur Verfügung.

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Erstellt:
10. Juni 2021, 06:00 Uhr

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