Ist Corona jetzt eigentlich vorbei?

Zwei Jahre nach Beginn der Pandemie kehrt die Normalität zurück: Feste und Konzerte finden wieder statt, Masken sieht man immer seltener. Dabei liegt die Inzidenz im Rems-Murr-Kreis noch immer bei über 400. So bewerten Ärzte aus der Region die Situation.

Die Lage an den Rems-Murr-Kliniken hat sich deutlich entspannt, aber Chefarzt Torsten Ade warnt vor verfrühtem Jubel: „Wir stellen uns darauf ein, dass Corona gekommen ist, um zu bleiben.“ Archivfoto: Benjamin Büttner

© Benjamin Büttner

Die Lage an den Rems-Murr-Kliniken hat sich deutlich entspannt, aber Chefarzt Torsten Ade warnt vor verfrühtem Jubel: „Wir stellen uns darauf ein, dass Corona gekommen ist, um zu bleiben.“ Archivfoto: Benjamin Büttner

Von Kornelius Fritz

Rems-Murr. Wie sich Corona anfühlt, weiß Torsten Ade inzwischen aus eigener Erfahrung. Im April hat das Virus auch den Chefarzt der interdisziplinären Notaufnahme am Klinikum Winnenden erwischt – trotz vierfacher Impfung. Und auch wenn die Krankheit bei ihm nach offizieller Definition milde verlief, sei es kein Spaß gewesen, erzählt Ade. „Milder Verlauf meint alles, was nicht im Krankenhaus behandelt werden muss“, erklärt der Chefarzt. Deshalb dürfe man Omikron aber nicht mit einer harmlosen Erkältung verwechseln: „Das ist keine Erkrankung, die man auf die leichte Schulter nehmen sollte.“ Die Krankheit könne für die Betroffenen äußerst unangenehm sein und auch über die akute Phase hinaus zu Beschwerden führen.

An den Rems-Murr-Kliniken hat sich die Lage in den vergangenen Wochen allerdings deutlich entspannt. Wurden Mitte März noch über 80 Coronapatienten in Winnenden und Schorndorf stationär behandelt, waren es gestern noch 21, davon nur ein einziger auf der Intensivstation. Im Gegensatz zur Deltawelle im vergangenen Dezember, als zum Teil Frauen und Männer, die noch keine 50 waren, an den Beatmungsschläuchen hingen, sind es laut Ade nun wieder vorwiegend Hochbetagte und Menschen mit Vorerkrankungen, die auf der Covidstation landen. Auch der Impfstatus spiele nach wie vor eine entscheidende Rolle: Patienten mit Boosterimpfung sehe er im Krankenhaus so gut wie nie.

Steinats Rat: weiter Maske tragen

Das bestätigt auch Jens Steinat: „Die Impfung hat massiv Todesfälle verhindert“, sagt der Hausarzt aus Oppenweiler, der zugleich Pandemiebeauftragter der Kreisärzteschaften im Rems-Murr-Kreis ist. In seiner eigenen Praxis habe er bisher noch nie einen geimpften Patienten ins Krankenhaus einweisen müssen. Selbst ältere und vorerkrankte Personen würden eine Covid-Infektion bei vollständigem Impfschutz meist gut überstehen. Auch Steinat berichtet von einer deutlichen Entspannung der Lage: Hatte er vor einigen Monaten noch täglich mit bis zu 30 Infizierten zu tun, seien es heute nur noch zwischen zwei und fünf. Nach zwei Jahren im Dauerstress können er und sein Team nun endlich wieder ein bisschen durchatmen. Wobei die Pandemie Spuren hinterlassen habe: „Die Belastbarkeit ist bei vielen gesunken.“

Dass die Coronabeschränkungen angesichts der geänderten Situation gelockert wurden und vieles wieder möglich ist, halten sowohl Torsten Ade als auch Jens Steinat für vertretbar. „Es war sinnvoll, am Anfang mit harten Maßnahmen zu reagieren, jetzt würde das aber nicht mehr viel bringen“, erklärt Ade. Dass ein Großteil der Bevölkerung sich früher oder später mit dem Virus anstecke, sei ohnehin kaum zu verhindern. Eine Null-Covid-Strategie sei auf Dauer nicht durchzuhalten und richte mehr Schaden an als sie nutze.

Auch Jens Steinat findet es richtig, dass die meisten Coronabeschränkungen aufgehoben wurden – mit einer Ausnahme: „Was mich ärgert ist, dass immer mehr Menschen auch in Innenräumen auf die Maske verzichten.“ Denn das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung sei ein einfacher und überaus wirksamer Schutz. Ihn selbst habe die Maske bis heute vor einer Ansteckung bewahrt, obwohl er seit Beginn der Pandemie Kontakt zu mehr als tausend Infizierten gehabt habe. „Ich kann deshalb nur raten, sie in Innenräumen und bei Gedränge weiterhin zu tragen“, sagt Steinat.

Was der Herbst bringt, weiß keiner

Nach Ansicht der beiden Mediziner ist es noch viel zu früh, um die Pandemie für beendet zu erklären: „Wir stellen uns darauf ein, dass Corona gekommen ist, um zu bleiben“, sagt Torsten Ade. Er rechnet zwar mit einem relativ entspannten Sommer, doch vorherzusagen, wie es im Herbst weitergeht, sei Kaffeesatzleserei. „Wir werden sicher noch weitere Virusvarianten sehen. Da sind noch Überraschungen drin“, vermutet Ade. Ob auch die von Gesundheitsminister Karl Lauterbach befürchtete „Killervariante“ dabei sein wird, könne heute aber niemand seriös vorhersagen.

Umso wichtiger sei es, dass man auf alles vorbereitet sei, findet Jens Steinat. Als Vertreter der Ärzteschaft ist er Mitglied eines Arbeitskreises im Sozialministerium, der Konzepte für eine künftige Impfstrategie erarbeiten soll. Das Robert-Koch-Institut rät schon heute Risikopatienten und Personen über 70 zu einer vierten Impfung; Steinat kann sich gut vorstellen, dass eine solche vor dem Winter für alle empfohlen wird. Wichtig sei aber, dass die Empfehlung diesmal früher ausgesprochen werde als vor einem Jahr: „Wenn wir schon im August mit den Impfungen anfangen können, ist es für die niedergelassenen Ärzte kein Problem, das abzuarbeiten.“

Auf keinen Fall dürfe es aber wieder so laufen wie im vergangenen Jahr: Damals waren im September landesweit die Impfzentren geschlossen worden. Als die Ständige Impfkommission dann plötzlich im November Boosterimpfungen für alle empfahl, fehlte die Infrastruktur, um kurzfristig so viele Menschen zu spritzen.

Wegen oder mit Corona im Krankenhaus?

Statistik Wird eine Person in einem Krankenhaus behandelt, die zuvor positiv auf das Coronavirus getestet wurde, so zählt diese in der Statistik als Coronapatient. Dies gilt auch dann, wenn sie eigentlich wegen einer ganz anderen Diagnose eingeliefert wurde und die Covid-Infektion zum Beispiel erst durch die Testung bei der Aufnahme in die Klinik festgestellt wurde.

Stichprobe Um festzustellen, in wie vielen Fällen die Covid-Infektion primäre Ursache für den Krankenhausaufenthalt ist, hat das Sozialministerium kürzlich eine Stichprobe in 22 Krankenhäusern in Baden-Württemberg erhoben. Demnach wurden am Stichtag, 4. Mai, 44,5 Prozent der Coronapatienten in den Krankenhäusern primär wegen ihrer Covid-Infektion behandelt.

Unterscheidung Chefarzt Torsten Ade von den Rems-Murr-Kliniken weist allerdings darauf hin, dass eine eindeutige Unterscheidung in der Praxis oft schwierig sei. Dies gelte auch für die Todesfälle. Bei Hochbetagten und Patienten mit Vorerkrankungen sei kaum festzustellen, ob letztlich die Covid-Infektion oder eine andere Ursache zum Tod geführt habe.

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Erstellt:
13. Mai 2022, 06:00 Uhr

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