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Kampf gegen Virus und Vereinsamung

Bisher kaum Coronafälle in den Altenheimen der Staigacker-Stiftung – Viele Bewohner leiden aber unter der Isolation

Die Angst vor dem Coronavirus treibt viele Menschen um, besonders groß ist die Sorge aber in den Alten- und Pflegeheimen. Die Staigacker-Stiftung betreibt in Backnang gleich vier solche Einrichtungen. Die sind von dem Virus bisher zwar weitgehend verschont geblieben, trotzdem liegen schwierige Wochen hinter den Mitarbeitern und den insgesamt mehr als 300 Bewohnern.

Damit den Heimbewohnern in ihrer Isolation nicht langweilig wird, organisieren die Betreuer Beschäftigungsangebote in kleinen Gruppen. Ruth Depta, Josef Rieth und Gertraud Buchmüller (von links) helfen bei der Zubereitung des Essens. Foto: Staigacker

Damit den Heimbewohnern in ihrer Isolation nicht langweilig wird, organisieren die Betreuer Beschäftigungsangebote in kleinen Gruppen. Ruth Depta, Josef Rieth und Gertraud Buchmüller (von links) helfen bei der Zubereitung des Essens. Foto: Staigacker

1 Von Kornelius Fritz

BACKNANG. In ein Heim zu ziehen und damit ein Stück Selbstständigkeit aufzugeben, fällt den meisten älteren Menschen schwer. Umso wichtiger ist es für die Heimbewohner, dass sie mit Ausflügen, gemeinsamen Aktivitäten und regelmäßigen Besuchen von Verwandten weiterhin am Leben teilhaben. Doch genau das ist nun schon seit zwei Monaten nicht mehr möglich. Bereits am 4. März, zwei Wochen bevor das Land eine entsprechende Anordnung erließ, hat die Stiftung Altenheime Backnang und Wildberg ihre Einrichtungen für Besucher geschlossen. „Unsere Ärzte hatten uns schon frühzeitig auf die Gefahren hingewiesen“, berichtet Pflegedienstleiterin Sabine Schneider.

Betroffen waren davon neben dem Alten- und Pflegeheim Staigacker mit fast 200 Bewohnern auch das Bürgerheim auf dem Hagenbach, das Pflegestift Am Langenbach in Waldrems und das vor einem Jahr eröffnete Apartmenthaus Dietrich Bonhoeffer auf dem früheren Krankenhausareal, eine Einrichtung speziell für Demenzkranke. Das Leben hat sich für die betagten Bewohner seitdem grundlegend geändert: Nicht nur Besuche von Kindern und Enkeln sind nicht mehr möglich, auch der Friseur und der Physiotherapeut dürfen nicht mehr ins Haus. Außerdem wurden alle Gruppenangebote wie Gymnastik oder der beliebte Tanznachmittag gestrichen. Die einzelnen Wohnbereiche sind strikt voneinander getrennt worden und gegessen wird neuerdings nur noch in kleinen Gruppen.

Sabine Laible weiß, was sie den Bewohnern damit zumutet. „Viele leiden stark darunter. Auf die Besuche ihrer Verwandten haben sie sonst immer hingefiebert“, sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung. Es gebe sogar Senioren, die erklärt hätten, sie würden lieber eine Coronainfektion riskieren, als noch länger auf den Kontakt zu ihren Angehörigen zu verzichten. Trotzdem ist Laible davon überzeugt, dass die strengen Maßnahmen richtig waren. In drei der vier Backnanger Heime konnte ein Ausbruch des Virus so bislang verhindert werden. Nur im Bonhoeffer-Haus wurden im April eine Mitarbeiterin und acht Bewohner positiv getestet und sofort isoliert. Glücklicherweise zeigten alle nur leichte Symptome und sind inzwischen genesen. „Ich bin sehr dankbar, dass wir bis jetzt so glimpflich davongekommen sind“, sagt Sabine Laible. Doch die Sorge vor einem Ausbruch ist weiterhin da. Auch für die Mitarbeiter sei das eine große Belastung, erklärt Sabine Schneider. Denn sie hätten Angst, das Virus unwissentlich einzuschleppen. Die Pflegedienstleiterin ist deshalb froh, dass Mitarbeiter mit Krankheitssymptomen mittlerweile sofort getestet werden. „Das gibt uns ein bisschen mehr Sicherheit“, sagt Schneider. Außerdem könnten die Betroffenen nach einem negativen Test auch wieder schneller an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Bei allem Bemühen um einen bestmöglichen Infektionsschutz geht es aber auch um die Frage, wie man das Leben für die Bewohner wieder etwas angenehmer gestalten kann. Zwar haben die Betreuer in den vergangenen Wochen viele Freizeitangebote in Kleingruppen organisiert: Es wurde gemeinsam gekocht, gebastelt und gespielt. Auch Andachten im kleinen Kreis und Gespräche mit einem Seelsorger fanden statt. „Aber das kann natürlich die Familie nicht ersetzen“, weiß Sabine Laible.

Manche Senioren führen mittlerweile auch Videoanrufe, das Heim im Staigacker hat dafür extra ein neues Tablet angeschafft. In Einzelfällen hat die Heimleitung auch mal eine persönliche Begegnung auf Distanz ermöglicht: Als eine Bewohnerin einen runden Geburtstag hatte, durften die Verwandten vorbeikommen und über ein Blumenbeet hinweg ein Ständchen singen. Allerdings gab es auch Fälle, in denen sich Angehörige über das Besuchsverbot hinweggesetzt und sich trotz der überall aufgestellten Verbotsschilder heimlich auf dem Gelände mit Bewohnern getroffen haben. Dafür hat Sabine Schneider kein Verständnis: „Wir machen diese Regeln ja nicht zum Spaß.“

Den Verantwortlichen im Staigacker ist aber klar, dass sie die Heimbewohner nicht auf Dauer komplett isolieren können. „Wir müssen Wege finden, wie wir unsere Bewohner schützen und trotzdem Besuche ermöglichen können“, sagt Sabine Laible. Mit einer Lockerung der strengen Ausgangssperre für Heimbewohner zu Beginn dieser Woche hat das Land bereits einen ersten Schritt gemacht. Die Auflagen, die damit verbunden sind, hält Laible allerdings für nicht praktikabel. Demnach wären alle Bewohner, die das Heim verlassen haben, nach ihrer Rückkehr verpflichtet, 14 Tage lang in allen Gemeinschaftsbereichen eine Gesichtsmaske zu tragen. Daran würden sich die betagten und zum Teil auch dementen Bewohner kaum halten, prophezeit die stellvertretende Geschäftsführerin. Und bei den Mahlzeiten sei das Tragen einer Maske ohnehin nicht möglich.

Ab kommender Woche sind dann auch wieder Besuche durch eine feste Bezugsperson erlaubt. Im Staigacker sucht man deshalb nach Möglichkeiten, wie man gefahrlose Begegnungen mit den Angehörigen ermöglichen kann, auch wenn den Verantwortlichen klar ist, dass ein Gespräch mit Sicherheitsabstand oder durch eine Scheibe nur eine Notlösung sein kann. Auf eine Umarmung von ihren Kindern oder einen Kuss für die Enkel werden die Heimbewohner aber wohl noch längere Zeit verzichten müssen.

„Wir müssen Wege finden, wie wir die Bewohner schützen und trotzdem Besuche ermöglichen.“ Sabine Laible, Stv. Geschäftsführerin

© Pressefotografie Alexander Beche

„Wir müssen Wege finden, wie wir die Bewohner schützen und trotzdem Besuche ermöglichen.“ Sabine Laible, Stv. Geschäftsführerin

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Erstellt:
8. Mai 2020, 06:00 Uhr

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