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„Kapazitäten sind noch nicht ausgelastet“

Das Interview: Klinikmanager Marc Nickel sieht die Rems-Murr-Kliniken gerüstet für den Ernstfall mit hohen Fallzahlen

Die Rems-Murr-Kliniken mussten ihren Betrieb binnen weniger Wochen auf eine völlig neue Situation einstellen. Besonders gefordert: Geschäftsführer Marc Nickel. Im Interview erklärt er, was getan wurde, um die neue Lage medizinisch in Griff zu bekommen und gleichzeitig den Versorgungsauftrag für die Bevölkerung weiterhin sicherzustellen.

„Zurzeit haben wir keine Engpässe, und wir haben eine gute Reichweite“: Klinikmanager Marc Nickel. Archivfoto: E. Layher

© Edgar Layher

„Zurzeit haben wir keine Engpässe, und wir haben eine gute Reichweite“: Klinikmanager Marc Nickel. Archivfoto: E. Layher

Von Armin Fechter

Sie sind als Krisenmanager gekommen, um die Rems-Murr-Kliniken aus den tiefroten Zahlen zu führen. Jetzt müssen Sie – noch bevor dieser Job abgeschlossen ist – eine ganz andere Krise managen. Wie geht es Ihnen da?

Mir geht es gut. Da ich selbst Mediziner bin und in der Notfallmedizin gearbeitet habe, bin ich Krisen und Notfälle gewohnt. Als die ersten Botschaften kamen, dass die Coronapandemie auf uns zukommt, waren die Entscheidungen relativ klar, die getroffen werden mussten. Sprich: Für den Notfall müssen klare und einfache Entscheidungswege her. Es muss eine Bevorratung stattfinden. Das haben wir seit Ende Februar/Anfang März in Ruhe vorbereitet. Deshalb geht’s mir gut. Wir sind gut gerüstet.

Die Coronakrise hat sämtliche Planungen über den Haufen geworfen. Wirtschaftlich gesehen ein Schlag ins Kontor der Kliniken. Welche Mechanismen stehen zur Verfügung, um über die Runden zu kommen?

Wir müssen hier über das Thema Liquidität sprechen, also wie wir unsere Zahlungsfähigkeit erhalten. Wir haben die Rückendeckung des Landrats, unseres Gesellschafters und auch des Kreistags, die ganz klar gesagt haben: Im Notfall stellen wir kurzfristigst Liquidität zur Verfügung. Dementsprechend haben wir schon frühzeitig – auch Ende Februar/Anfang März – sichergestellt, dass wir gut durch die Krise kommen. Allerdings beeinflussen die auf Wunsch des Bundesgesundheitsministers geforderten Absagen der planbaren Eingriffe unser Ergebnis schwer. Zwar wurden vom Minister bereits Initiativen gestartet, wie uns zu diesem Zeitpunkt unter die Arme gegriffen werden kann. Dennoch wird sich erst noch zeigen, wie weit wir mit dieser finanziellen Unterstützung kommen und wie groß die Schere am Ende des Jahres tatsächlich ausfällt. Im schlimmsten Fall rechnen wir mit einem hohen siebenstelligen Betrag, der nicht über das Sonderprogramm der Bundesregierung abgedeckt ist. Wenn dem so ist, sind Bund und Land gefordert, die Lücke – wie versprochen – zu schließen.

Um welche Summe geht es bei der Liquidität?

Das sind Beträge, die ich im öffentlichen Raum nicht nennen kann. Es ist das Mehrfache unserer Monatsumsätze. Denn sie müssen wenigstens eine Reichweite von sechs Monaten haben. Dementsprechend haben wir das sehr komfortabel ausgestattet. Auf jeden Fall: Das Unternehmen steht stabil.

Vor einigen Tagen war noch von der „Ruhe vor dem Sturm“ die Rede, jetzt gibt es Warnungen, der Höhepunkt sei noch nicht erreicht: Befinden sich die Rems-Murr-Kliniken noch im Stand-by-Modus, wie dies vor zwei, drei Wochen gesagt wurde?

Wir spüren, dass sich das Patientenaufkommen sukzessive erhöht. Wir haben zurzeit 70 stationäre Fälle, von denen viele positiv sind, einige müssen erst noch bestätigt werden. Davon werden etwa 25 beatmet. Damit sind unsere Kapazitäten bei Weitem noch nicht ausgelastet. Da wir seit Ende Februar aktiv waren, haben wir noch Kapazitäten für die Beatmung vorhanden. Wir sprechen von 85 Beatmungsplätzen. Die Kliniken sind runtergefahren worden, wir haben alle planbaren Eingriffe abgesagt. Wir sind in der Auslastung zwischen 50 und 60 Prozent und stehen bereit. Unsere Bevölkerung kann sich auf uns verlassen.

Womit rechnen die Kliniken denn im „Ernstfall“, von dem bereits vage die Rede war?

Wir beziehen uns immer aufs Robert-Koch-Institut. Dieses gibt keine Prognosen ab, sondern ist auf Sichtweite unterwegs. Und wir blicken auch auf die Erfahrungswerte aus Spanien und Italien und versuchen zu vergleichen. Der wichtige Faktor ist die Verdopplungszeit, wie schnell sich also die Zahl der Infizierten verdoppelt. Diese hat sich spürbar verzögert. Ob wir dann 100 Intensivpatienten und 250 stationäre Fälle erwarten, das sind Maximalschätzungen. Aber diese Zahlen können wir gut verkraften.

Diese Woche hat der Landkreis die „Osterüberraschung“ gemeldet, wonach der Engpass bei den Schutzmasken überwunden sei. Aber Schutzmasken sind nicht alles. Wie sieht es mit Ausrüstung an den Kliniken – Betten, Apparate – insgesamt aus?

Frühzeitig war uns klar: Da kommt etwas auf uns zu, lasst uns gut gerüstet sein. Wir haben rechtzeitig am Markt eingekauft, auch zu sehr überhöhten Preisen, und uns eingedeckt. Das betrifft nicht nur Schutzkleidung, Schutzbrillen und OP-Hauben, sondern auch Desinfektionsmittel, Narkotika, Sauerstoff – also alles, was für die Notfallversorgung notwendig ist. Auch die Spenden aus der Bevölkerung waren enorm. Deshalb können wir uns jetzt mit einer gewissen Gelassenheit zurücklehnen.

Gibt es Bereiche, wo noch etwas fehlt? Besteht irgendwo Hilfebedarf?

Zurzeit haben wir keine Engpässe, und wir haben eine gute Reichweite.

Wie kommen Ärzte und Pflegekräfte aktuell mit den Belastungen klar?

Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung kommen sie sehr gut damit zurecht. Unsere Auslastung liegt üblicherweise über 82 Prozent. Die Arbeitsbelastung an sich ist momentan gut zu ertragen. Es ist sogar so, dass Mitarbeiter in nicht belasteten Bereichen Überstunden abbauen können, weil die Kapazitäten nicht voll genutzt werden. In der Intensivtherapie und der Notaufnahme sind unsere Mitarbeiter Krisen und Notfälle gewohnt. Was sicher ein bisschen knifflig ist, das ist die Verunsicherung durch die öffentliche Wahrnehmung. Das stresst die Mitarbeiter am meisten. Dem müssen wir täglich entgegenhalten mit internen Kommunikationsmaßnahmen, bei denen wir sagen: Wir sind vorbereitet, macht euch keine Sorgen, Schutzmaterial ist genügend da. Und wir rufen immer wieder zur Besonnenheit auf.

In den ersten Senioreneinrichtungen ist das Virus angekommen, in Schorndorf steht ein Heim komplett unter Quarantäne. Was, wenn in mehreren Einrichtungen eine größere Anzahl von Bewohnern infiziert wird?

Mit unseren Kapazitäten sind wir dafür gerüstet. Wir haben einen stark vereinfachten Coronatherapieprozess eingeführt, damit die Patienten so schnell wie möglich durch die Klinik kommen und keine Engpässe entstehen. Im Präintensivbereich gibt es Sauerstoffversorgungsmöglichkeiten für nicht so kritische Fälle, um möglichst lange zu vermeiden, dass sie auf die Intensivstation kommen. Und wir haben einen Postintensivbereich mit sogenannten nichtinvasiven Beatmungsmöglichkeiten, damit die Intensivstation möglichst schnell wieder frei wird. Zurzeit sind wir auch in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt, dass wir die Risikogruppen testen und dazu auf die Pflegeheime zugehen.

In München hat eine Klinik bereits ihren Alltagsbetrieb aufgegeben. Ist denkbar, dass auch Sie so einen Schritt ergreifen müssen?

Stand heute: Nein. Wir verschwenden keinen Gedanken daran, die Klinik vom Netz zu nehmen, weil wir eine Verantwortung für 420000 Einwohner haben. Die Botschaft ist: Wir versorgen neben Corona selbstverständlich die Notfälle und die dringlichen Indikationen. Wir sehen aber eine gewisse Verunsicherung. Ein Patient mit Herzschmerzen denkt sich womöglich: Ich kann nicht in die Klinik gehen, wer weiß, ob ich Corona bekomme. Da bitten wir die Bevölkerung: Geht, wenn ihr Notfälle seid, weiterhin zur Notaufnahme. Der Coronatherapieprozess ist komplett isoliert von unserem üblichen Klinikbetrieb. Das Risiko ist sehr gering, dass ihr dort infiziert werden. Das gilt auch bei dringlichen Indikationen, wenn beispielsweise eine Frau die Diagnose Brustkrebs bekommt. Selbstverständlich muss sie zügig operiert werden. Oder bei Verdacht auf Bandscheibenvorfall oder unerträglichen Hüftschmerzen.

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Erstellt:
11. April 2020, 06:00 Uhr

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