Könnte Impfstoff bald im Müll landen?

Impfstoff ist mittlerweile ausreichend vorhanden, doch die Zahl der Impfwilligen lässt deutlich nach. Vor allem durch die Empfehlung zur Kreuzimpfung steigt das Risiko, dass Impfdosen am Ende des Tages im Müll landen müssen.

Noch finden sich genug Impfwillige. Das könnte sich aber schon bald ändern. Symbolfoto: A. Becher

© Alexander Becher

Noch finden sich genug Impfwillige. Das könnte sich aber schon bald ändern. Symbolfoto: A. Becher

Von Kristin Doberer

Oppenweiler/Sulzbach an der Murr. In den Arztpraxen standen die Telefone nicht still, Wartelisten haben sich auf Wochen gefüllt und Termine im Impfzentrum waren innerhalb von Sekunden ausgebucht. Noch vor wenigen Wochen war es selbst für Menschen mit höherer Priorität schwer, an einen Impftermin zu kommen. Mittlerweile hat sich das Blatt gedreht, der Impfstoff ist ausreichend vorhanden, doch die Zahl der Impfwilligen hat deutlich nachgelassen. Vereinzelt gab es auch schon Berichte aus Arztpraxen, dass übrige Dosen des vor kurzer Zeit noch so begehrten Stoffs im Müll landen. Bei Jens Steinat, Hausarzt in Oppenweiler und Pandemiebeauftragter des Rems-Murr-Kreises, kam es bisher noch nicht zu so einem Fall. Doch auch er merkt, dass die Impfkampagne stockt. „Am Anfang waren 500 Leute auf unserer Warteliste. Aktuell sind es etwa 50“, sagt der Hausarzt.

Ein Problem sei aber nicht nur die nachlassende Bereitschaft, sondern die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) zu Kreuzimpfungen. „Das hat uns kalt erwischt“, meint Steinat. Menschen, die als Erstimpfung Astrazeneca bekommen haben, wurde empfohlen, als Zweitimpfung einen mRNA-Stoff zu nehmen. Diese können in einem kürzeren Zeitraum verimpft werden. Der Zeitplan für viele Zweitimpfungen in der Praxis von Steinat wurde dadurch komplett über den Haufen geworfen. Die Impflinge entscheiden sich häufig erst vor Ort, welchen Impfstoff sie tatsächlich wollen. Bisher haben sich etwa 50 Prozent seiner Patienten für die Kreuzimpfung entschieden. Doch das beschließen viele erst nach einem Aufklärungsgespräch und kurzer Überlegzeit. „Wir merken also erst im Tagesverlauf, was tatsächlich verimpft wird und was übrig bleibt. Das Risiko, dass wir Impfstoff wegwerfen müssen, ist dadurch deutlich gestiegen.“

Kaum einer möchte Astrazeneca

Erst wenn klar ist, was übrig ist, können Leute von der Warteliste angerufen werden. Bisher ist es Steinats Team immer gelungen, kurzfristig jemanden zu finden. Auch das werde aber immer schwieriger, gerade Astrazeneca möchte kaum noch jemand für die Erstimpfung. „Das geht nur, weil wir mit sehr großem Arbeitsaufwand unsere Liste immer aktuell halten“, sagt er. Findet sich am Ende des Tages niemand mehr, bleibt den Praxen kaum etwas anderes übrig, als den Impfstoff zu entsorgen. Doch selbst wenn es bei Kollegen nun dazu kommt, passiere es bisher nur in Ausnahmefällen und in kleineren Mengen, meint Steinat. Zumindest eine Erleichterung gibt es für die Ärzte: Die Impfstoffe können nun länger gelagert werden als in der Anfangsphase der Impfkampagne. Der Stoff von Biontech hält sich bei richtiger Lagerung nun vier Wochen statt nur einer, Astrazeneca kann bis zu einem halben Jahr gelagert werden.

Wie sehr die Impfbereitschaft in den vergangenen Wochen nachgelassen hat, merkt auch Hausarzt Franz Wernet deutlich. Vor etwa vier Wochen hat er mit seiner Sulzbacher Praxis zum ersten Mal einen Impftag in der Gemeindehalle in Sulzbach an der Murr organisiert. 140 Impfwillige kamen an dem Tag, die Termine waren schnell ausgebucht. Am vergangenen Freitag hat der Arzt erneut eine solche Impfaktion angeboten. Der Rücklauf diesmal: Lediglich 35 haben sich für eine Erstimpfung angemeldet, fünf Personen kamen ohne Termin zum Impfen. Die Impfdosen, die von der Aktion übrig bleiben und die er vor seinem Urlaub nicht mehr verimpfen kann, wird das Kreisimpfzentrum nehmen. Ansonsten hätte vermutlich auch er den übrigen Impfstoff entsorgen müssen. Ähnlich rückläufig ist auch die Nachfrage in Wernets Praxis und den Praxen von Kollegen. Er wisse von Kollegen, die schon seit zwei Wochen keinen neuen Impfstoff für Erstimpfungen mehr bestellen.

Auch die Bestellfrist trägt zu dem Problem bei. Zunächst konnten sie an einem Dienstag für den darauffolgenden Montag bestellen, nun müssen die Ärzte schon zwei Wochen im Voraus angeben, welche Menge von welchem Impfstoff sie benötigen. Da sich aber viele Impflinge erst in der Praxis entscheiden oder sich noch mal umentscheiden, muss auf jeden Fall von beiden Stoffen genug vorrätig sein – und dann bleibt zwangsläufig Impfstoff übrig.

Besondere Impfaktionen sollen helfen

Wernet schätzt, dass bisher zwischen 50 und 60 Prozent seiner Patienten geimpft sind. Er habe aber auch einige Menschen geimpft, die entweder keinen Hausarzt haben oder deren Arzt keine Impfung mit dem gewünschten Stoff anbieten konnte. Auch diese will er durch Aktionen wie den Impftag stärker erreichen.

Warum hat die Impfbereitschaft so stark nachgelassen? Nur ein sehr kleiner Anteil der bisher Nichtgeimpften seien tatsächlich Impfgegner, meint zumindest der Hausarzt. Vielmehr seien viele Leute nicht genug informiert, die Vorteile der Impfung seien nicht genug in deren Bewusstsein gerückt. „Ich persönlich hätte nichts gegen eine Impfpflicht“, sagt Wernet. „Ich will wieder ohne Mundschutz Patienten empfangen. Und das geht nur, wenn sich genug Menschen impfen lassen.“ Deshalb findet er die aktuelle Idee gut, dass Tests ab September nicht mehr umsonst sind, wenn jeder die Möglichkeit gehabt hätte, sich impfen zu lassen. Auch sieht er die Impfung von Jugendlichen als wichtigen Teil der Impfkampagne. „Biontech ist für Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen. Wenn ein Jugendlicher sich impfen lassen möchte, mache ich das auch.“

Auch im Kreisimpfzentrum merkt man seit einigen Wochen den Rückgang der Impfbereitschaft. Aktuell liegt der Tagesdurchschnitt bei etwa 570 Impfungen – 800 wären möglich. „Seit Mitte Juli impfen wir alle, auch Personen, die ohne Termin ins KIZ kommen“, teilt eine Sprecherin des Kreises mit. Auch hier setzt man verstärkt auf die Impfung von Jugendlichen und organisiert zudem besondere Aktionen, damit mehr Menschen zum Impfen animiert werden und keine Impfdosen im Müll landen.

Impfkampagne im Kreis

Insgesamt wurden im Rems-Murr-Kreis bisher 151092 Menschen mindestens einmal geimpft. 88046 von ihnen haben die Impfung bei Hausärzten erhalten, 49824 im Kreisimpfzentrum und 13222 Menschen haben die Impfung durch den Impftruck oder mobile Teams des Landes bekommen.

Zum Artikel

Erstellt:
21. Juli 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Corona

Coronahotline des Kreises: „Manchmal flossen Tränen“

Das Interview: Seit etwa 16 Monaten ist die Hotline des Rems-Murr-Kreises für Fragen rund um die Coronapandemie geöffnet. Gesundheitsdezernent Peter Zaar und Hotline-Mitarbeiterin Patricia Alexander-Joos berichten von ihren Erfahrungen.