Kritik an Zuständen in Flüchtlingsheim

Nach dem Coronaausbruch in der Hohenheimer Straße sind 15 Bewohner infiziert. Eine Flüchtlingsinitiative erhebt Vorwürfe.

Das Gebäude in der Hohenheimer Straße in Backnang ist mit einem Zaun abgeriegelt. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Das Gebäude in der Hohenheimer Straße in Backnang ist mit einem Zaun abgeriegelt. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. In der Asylbewerberunterkunft in der Hohenheimer Straße in Backnang sind vier weitere Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet worden, die Zahl der Infizierten erhöht sich damit auf 15. Nach Angaben von Erstem Bürgermeister Siegfried Janocha beschränkt sich der Coronaausbruch aber auf das Gebäude des ehemaligen Landwirtschaftsamts, in den benachbarten Wohncontainern und Modulbauten gebe es bislang keine Fälle.

Die rund 40 Bewohner des betroffenen Gebäudes befinden sich weiterhin in Quarantäne. Damit sich alle an die angeordnete Isolation halten, wurde das Haus, wie berichtet, mit einem Bauzaun abgeriegelt, ein Sicherheitsdienst bewacht die Zugänge rund um die Uhr. Die Atmosphäre unter den Bewohnern sei aufgeheizt, berichtet Janocha, der die Unterkunft am Samstag besucht hat. Dabei sei es zu tumultartigen Szenen gekommen: „Einige Bewohner sind leider in hohem Maße uneinsichtig.“

Allerdings gibt es auch Kritik an der Stadt Backnang: Der Verein Flüchtlinge für Flüchtlinge mit Sitz in Stuttgart wirft ihr vor, sie habe die nicht infizierten Bewohner zu wenig geschützt und verweigere den Erkrankten ärztliche Hilfe. In Blogbeiträgen im Internet heißt es, in den ersten Tagen hätten Infizierte und nicht Infizierte gemeinsam in einem Doppelzimmer übernachten müssen – zwischen den Betten sei gerade mal ein halber Meter Abstand gewesen. Die Vorgabe des Robert-Koch-Instituts, infizierte Personen umgehend zu isolieren, sei von der Stadt ignoriert worden. Bemängelt wird zudem die medizinische Versorgung vor Ort: Es gebe weder Fieberthermometer noch die Möglichkeit, mit einem Arzt zu sprechen. Lediglich Ibuprofen-Schmerztabletten würden von den Security-Mitarbeitern und den Sozialarbeitern „großzügig verteilt“.

Stadt sucht neues Quartier für Gesunde.

Maria Neideck vom Backnanger Arbeitskreis Asyl hatte in den vergangenen Tagen telefonischen Kontakt zu einer Frau aus Eritrea, die in dem abgeriegelten Gebäude wohnt. Diese habe ihr von ihrer Angst berichtet, sich mit Covid-19 anzustecken. „Das ist keine glückliche Wohnsituation“, findet Neideck. Zudem habe es lange gedauert, bis die Testergebnisse vorlagen. In der Zwischenzeit hätten Kranke und Gesunde weiter auf engem Raum zusammen gelebt.

Siegfried Janocha verteidigt die Vorgehensweise der Stadt: Nach dem ersten positiven Coronatest habe man den betroffenen Bewohner sofort in eine andere Unterkunft verlegt. Als die Zahl der Infizierten anstieg, sei dies aber nicht mehr kurzfristig möglich gewesen: „Wir haben leider nicht ausreichend Wohnraum zur Verfügung.“ Deshalb habe man Infizierte und nicht Infizierte zunächst einmal in unterschiedlichen Stockwerken untergebracht, außerdem hätten alle positiv Getesteten mittlerweile Einzelzimmer.

Janocha räumt allerdings ein, dass eine strikte Trennung innerhalb des Gebäudes schwierig ist, da sich die Bewohner Küchen und sanitäre Einrichtungen teilen. Und man könne auch nicht verhindern, dass sich Infizierte innerhalb des Gebäudes in andere Bereiche begeben. Deshalb sei man gerade dabei, Ausweichquartiere für die gesunden Bewohner einzurichten. Einige Wohnungen, die dafür infrage kommen, habe man aber zuerst entrümpeln müssen. Außerdem will die Stadt auf einem Nachbargrundstück weitere Wohncontainer aufstellen. Laut Janocha ist heute eine weitere Testung in der Hohenheimer Straße geplant. Wenn die Ergebnisse vorliegen, will die Stadt mit der Verlegung der gesunden Bewohner beginnen.

Bei den positiv Getesteten handelt es sich laut Janocha vorwiegend um junge Männer, die nur leichte oder gar keine Krankheitssymptome haben. Deshalb sei aktuell auch keine weitere medizinische Versorgung notwendig. Sollte sich der Gesundheitszustand bei einem Bewohner verschlechtern, werde dieser selbstverständlich ins Krankenhaus gebracht. Fieberthermometer zu beschaffen, sei nicht die Aufgabe der Stadt, sondern der Bewohner selbst. Dafür gebe es einen Einkaufsservice oder die Möglichkeit einer Online-Bestellung.

Nach den Vorwürfen im Internet hatte sich auch der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg eingeschaltet. Der Verein versteht sich als Dachorganisation der ehrenamtlichen Flüchtlingsinitiativen im Land. Der Vorsitzende Seán McGinley spricht von „schwerwiegenden Vorwürfen“ und bat die Stadt um eine Stellungnahme. Mit der Antwort, die er gestern von Siegried Janocha erhielt, ist er allerdings nicht zufrieden. „Bei einigen Fragen stehen sich widersprüchliche Schilderungen diametral gegenüber“, erklärt McGinley. Er habe den Eindruck, dass es in Backnang kein Konzept für einen solchen Fall gegeben habe, obwohl man damit nach Coronaausbrüchen etwa in der Landeserstaufnahmestelle in Ellwangen habe rechnen müssen. Ihm stelle sich da die Frage, ob man den Gesundheitsschutz, wenn es sich um Geflüchtete handle, nicht ganz so wichtig nehme. „Ich hoffe auf weitere Aufklärung in den kommenden Tagen“, so McGinley.

Kommentar
Unvorbereitet

Von Kornelius Fritz

Das Bemühen, die Situation in der Flüchtlingsunterkunft in der Hohenheimer Straße in den Griff zu bekommen, kann man der Stadt Backnang nicht absprechen. Im Rathaus haben in der vergangenen Woche viele Mitarbeiter Sonderschichten eingelegt, um zum Beispiel die Versorgung der Bewohner mit Lebensmitteln zu organisieren. Auch die Integrationsmanager vom Verein Kinder- und Jugendhilfe legen sich ins Zeug, um den 40 Menschen das Quarantäneleben einigermaßen erträglich zu gestalten.

Deutlich wird jetzt allerdings auch, dass man in Backnang auf einen Coronaausbruch in einem Asylbewerberheim nicht wirklich vorbereitet war. Einen Notfallplan, den man nur aus der Schublade ziehen musste, gab es nicht. Deshalb standen zum Beispiel nicht genügend Ausweichquartiere zur Verfügung, um infizierte Personen rasch isolieren zu können. So mussten sich Gesunde und Infizierte zunächst weiterhin ein Doppelzimmer teilen – eine unzumutbare Situation. Sechs Monate nach Beginn der Pandemie und Coronafällen in zahlreichen Asylunterkünften ist ein solcher Ausbruch keine Überraschung. Backnang hat es versäumt, sich darauf einzustellen.

k.fritz@bkz.de

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Erstellt:
22. September 2020, 06:00 Uhr

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