Lockerungen sind noch nicht in Sicht

Nachdem der Landkreis zwei Tage vergleichsweise wenige neue Coronafälle registriert hatte, ist die 7-Tage-Inzidenz nun wieder im roten Bereich. Die Sperrstunde und die erweiterte Maskenpflicht bleiben daher bestehen.

Hinweise wie hier im Eingangsbereich des Bürgerhauses in Backnang werden den Alltag der Menschen auch im Rems-Murr-Kreis noch eine ganze Weile begleiten. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Hinweise wie hier im Eingangsbereich des Bürgerhauses in Backnang werden den Alltag der Menschen auch im Rems-Murr-Kreis noch eine ganze Weile begleiten. Foto: A. Becher

Von Lorena Greppo

WAIBLINGEN. Beim Blick auf die aktuellen Coronazahlen im Landkreis mag der eine oder andere in den vergangenen Tagen Hoffnung geschöpft haben: Am Mittwoch und Donnerstag zeigte die Coronaampel nämlich wieder Gelb an, der Landkreis hatte die 7-Tage-Inzidenz von 50 wieder unterschritten. Schon zu diesem Zeitpunkt warnte die Pressesprecherin des Landratsamt, Martina Keck, vor zu großem Optimismus: „Es reichen zwei oder drei Hotspots und schon schnellen die Zahlen wieder hoch.“ Außerdem würden manche Fälle dem Landratsamt nicht am gleichen Tag gemeldet, sodass die Momentaufnahme auf der Website des Landkreises nur ein verzerrtes Bild der Realität wiedergibt.

Der Rems-Murr-Kreis gilt derzeit als Coronarisikogebiet. Das ändert sich auch nicht, wenn der Wert von Neuinfektionen pro 100000 Einwohner an einzelnen Tagen unter 50 liegt. Der 7-Tage-Inzidenzwert muss sieben Tage lang unter dem Schwellenwert von 50 liegen, damit der Rems-Murr-Kreis nicht mehr als Risikogebiet gilt. In diesem Falle würde auch die Allgemeinverfügung des Landkreises, welche die erweiterte Maskenpflicht beinhaltet, ihre Gültigkeit verlieren. Gestern wurden jedoch 78 neue Coronafälle gemeldet, der Inzidenzwert beträgt damit 216, die Ampel steht folglich wieder auf Rot. Seit Anfang März sind im Rems-Murr-Kreis 2952 Coronafälle erfasst worden, 287 Personen befinden sich momentan in Quarantäne.

Bezüglich des weiteren Vorgehens äußert sich die Sprecherin des Landratsamts nur vorsichtig: „Da wir nicht wissen, wie sich die Zahlen entwickeln, können wir nur schwer im Voraus planen“, erklärt sie. Ob weitere Schutzmaßnahmen ergriffen werden, hänge auch maßgeblich davon ab, was auf Landesebene beschlossen werde. „Wir wollen versuchen, einen Flickenteppich an Vorgaben zu vermeiden“, so Keck. Landrat Richard Sigel habe sich deshalb mit seinen Amtskollegen aus den umliegenden Landkreisen abgesprochen, denn „wenn in Fellbach eine Sperrstunde gilt, aber direkt nebenan in Stuttgart nicht, ist das nur schwer zu vermitteln“. Gerade diese Maßnahme sei viel diskutiert, weiß Keck. An dieser Stelle hat aber die Landesregierung gestern Klarheit geschaffen und sie für alle Risikogebiete verhängt. Damit habe die Sperrstunde auch im Rems-Murr-Kreis weiterhin Bestand, erklärte der Landrat. „ Ob diese Maßnahme die richtige Antwort auf das gestiegene Infektionsgeschehen war, wird die Zukunft weisen“, so Sigel. Wichtig sei es, das öffentliche Leben nach Möglichkeit aufrechtzuerhalten, so Keck. „Für uns ist das ein Spagat, die Entscheidung für das kleinere Übel.“ Schließlich müssten Ältere und Kranke geschützt werden.

Rems-Murr-Kliniken sehen sich gut gewappnet.

Was die Kontaktnachverfolgung infizierter Personen angeht, sei man momentan noch nicht auf Hilfe von außen angewiesen, sagt Keck. Der Ansatz des Rems-Murr-Kreises sei hier inhaltlich: Da die Kommunen näher dran sind und anhand einer Adresse oft schon sagen können, ob es sich um eine Einrichtung wie eine Kita oder ein Asylbewerberheim handelt, könne man schneller handeln. „In den Sitzungen des Krisenstabs sind die Kapazitäten aber auch immer ein wichtiges Thema. Wir schauen Woche für Woche und ziehen bei Bedarf Mitarbeiter aus anderen Abteilungen des Landratsamts ab“, erklärt sie. Das müsse nicht zwingend das Gesundheitsamt sein, denn für die Nachverfolgung seien eher detektivische als medizinische Kompetenzen gefragt. Aufgestockt wurde auch die Belegschaft im Rahmen der Coronahotline. „Wir verzeichnen wieder einen Anstieg an Anrufen“, sagt Keck. Besonders seit der Kreis am vergangenen Wochenende die Stufe Rot erreicht hat. Gerade bezüglich der damit einhergehenden Einschränkungen gebe es viele Fragen. „Wir hoffen, durch Transparenz auf unserer Website die Hotline zu entlasten.“ Dort werden viele Fragen beantwortet.

Die Rems-Murr-Kliniken sehen sich derweil gut gewappnet, sollte die Zahl der Covid-19-Patienten rapide steigen. Man habe die Vorräte an Medikamenten und Schutzkleidung aufgestockt, eine Infektionsstation etabliert, die Teststrategie angepasst, an beiden Standorten sogenannte Vorfluter mit Gesundheitscheck bei der Ankunft eingerichtet. Auch seien kurzfristig weitere Behandlungsplätze aktivierbar. „So sind wir jederzeit handlungsfähig“, erklärt Pressesprecherin Monique Michaelis. Im Vergleich zum Frühjahr sei die Zahl der Coronapatienten aber derzeit noch deutlich geringer – 13 sind laut Landratsamt in stationärer Behandlung, davon werden drei beatmet.

Die Stadt Fellbach verzeichnet im Kreis die meisten Coronafälle – an diversen Schulen wurden in den vergangenen Tagen Schüler positiv getestet.

Die Stadt Fellbach verzeichnet im Kreis die meisten Coronafälle – an diversen Schulen wurden in den vergangenen Tagen Schüler positiv getestet.

Kommentar
Chaostage in den Verwaltungen

Von Kornelius Fritz

Seit einer Woche ist der Rems-Murr-Kreis offizielles Coronarisikogebiet – auch wenn die sogenannte 7-Tage-Inzidenz zwischenzeitlich wieder unter dem Schwellenwert von 50 Neuinfektionen pro 100000 Einwohner lag. Die Behörden in Stadt und Kreis haben in dieser Woche kein gutes Bild abgegeben. Da verkündete das Landratsamt am vergangenen Freitag noch, man werde übers Wochenende keine neuen Zahlen veröffentlichen, mit weiteren Einschränkungen sei frühestens am Montag zu rechnen. Am Samstag lud Landrat Richard Sigel dann plötzlich zu einer Pressekonferenz ein und verkündete neue Regeln, die bereits ab Sonntagmorgen galten.

Dasselbe Chaos in Backnang: Am Montag kündigte die Stadtverwaltung eine Maskenpflicht in weiten Teilen der Innenstadt an, einen Tag später ruderte sie wieder zurück: Eine Zone mit Maskenpflicht gibt es nun doch nicht, stattdessen nur eine dringende Empfehlung.

Ein solches Hin und Her befördert die Zweifel an den Behörden. Ohnehin fragen sich immer mehr Bürger, ob die Maßnahmen, die die Verantwortlichen zur Pandemiebekämpfung verordnen, wirklich zielführend sind. Da müssen Lehrer und Kinder in der Schule mehrere Stunden am Tag eine Gesichtsmaske tragen, obwohl es seit den Sommerferien so gut wie keine Coronainfektionen innerhalb von Schulklassen gab. Und in den gewiss nicht überlaufenen Fußgängerzonen von Winnenden und Schorndorf herrscht nun Maskenpflicht, während in Sporthallen und Fitnessstudios weiterhin ohne Maske gekeucht und geschwitzt wird.

Dabei wäre es gerade jetzt besonders wichtig, dass die Coronaregeln nachvollziehbar sind, klar kommuniziert und konsequent umgesetzt werden. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Einschränkungen, die jetzt nötig sind, voraussichtlich nicht nur ein paar Tage, sondern mehrere Monate gelten werden.

k.fritz@bkz.de

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Erstellt:
24. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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