„Man fühlt sich wie Kanonenfutter“

Geteilte Klassen, Homeschooling oder Präsenzunterricht? Noch bleibt weiter unklar, wie die Schulen mit den steigenden Coronazahlen und strengeren Regeln umgehen sollen. Dabei haben auch die Lehrer verschiedene Meinungen zu dem Thema.

Die Klassenzimmer sind – wie im Gymnasium in der Taus – überall voll besetzt, bei vielen Lehrern ein Grund zur Diskussion. Archivfoto: A. Becher

© Alexander Becher

Die Klassenzimmer sind – wie im Gymnasium in der Taus – überall voll besetzt, bei vielen Lehrern ein Grund zur Diskussion. Archivfoto: A. Becher

Von Kristin Doberer

BACKNANG. Bund und Länder haben beim Corona-Gipfel am Montag vorerst keine neuen Entscheidungen für Schulen getroffen, sondern die Diskussionen über das weitere Vorgehen auf kommende Woche verschoben. Eine Enttäuschung für Volker Dyken, Lehrer an der IB beruflichen Schule in Asperg. „Bei dem Infektionsgeschehen wäre das das Mindeste gewesen“, sagt der Backnanger Stadtrat. In fast jeder Klasse an seiner Schule habe es bereits positive Fälle gegeben, viele Schüler seien in Quarantäne. Für diese muss der Unterricht immer live nach Hause übertragen werden, für die Lehrer ein großer zeitlicher und organisatorischer Aufwand. Bis zum Unterrichtsbeginn muss die Liveschalte stehen, die Materialien, die die Klasse bekommt, müssen vorher eingescannt und für die Schüler daheim extra online gestellt werden. „Viele Kollegen machen gerade auch gar keine Pausen, weil sie die Zeit brauchen, um die Technik auf- oder abzubauen. Wir sind nicht nur Lehrer, sondern auch Kameraassistenten.“

Der momentane Unterrichtsalltag sei für alle Beteiligten sehr belastend, so Sabine Hagenmüller-Gehring vom staatlichen Schulamt Backnang. „Die Lehrer müssen diesen Spagat schaffen, die Schüler in Quarantäne und die in der Schule gleichzeitig zu unterrichten. Und dabei müssen sie hochflexibel sein.“ Jeden Tag könne sich die Lage ändern und eine andere Klasse oder auch nur ein Teil der Klasse könne Zuhause sein. Häufig kommen diese Befunde auch zu späten Zeiten, dann müssen Schulleiter und Lehrer schnell entscheiden, wie der nächste Schultag aussehen wird.

Einige Lehrer haben gesundheitliche Bedenken.

Die Stimmung in Dykens Kollegium sei durch die extrem hohe Arbeitsbelastung denkbar schlecht. „Das krampfhafte Festhalten am Präsenzunterricht verstehe ich nicht. Der Gesundheitsschutz geht einfach vor und man weiß ja noch nicht mal, welche langfristigen Schäden eine Infektion überhaupt nach sich zieht.“ Anders sieht das Willy Härtner, der Backnanger arbeitet als Lehrer an einer Berufsschule in Stuttgart und unterrichtet dort in den Bereichen Klima- Umwelt- und Heizungstechnik. Für ihn ist klar: „Bei uns geht Online-Unterricht nicht.“ Das liege zum einen daran, dass seine Schüler erst mal ein Grundverständnis für ganz neue Bereiche bekommen müssen, die sie in der Schule gar nicht kennenlernen konnten, dabei gehe es um mehr als nur Fakten und Auswendiglernen. „Das Verstehen geht nur über Mimik, Gestik und Blickkontakt.“ Bei Überfliegern würde es online vielleicht funktionieren, aber in seinen Klassen seien eben auch Schüler, die er immer wieder etwas wachrütteln muss. „Leiblich da zu sein, ist so wichtig. Auch für das Soziale. Vor allem im ersten Jahr müssen die sich kennenlernen, sich gegenseitig helfen und einen Klassenzusammenhalt bilden.“ Dazu kommt, dass er – ebenso wie viele seiner Kollegen – Probleme mit dem technischen Aspekt des Homeschoolings hat. Auch geteilte Klassen seien bei der handwerklich ausgerichteten Berufsschule nur schwer umsetzbar, da die Schüler immer in einem Block für sechs Wochen da sind. „Wenn sie davon drei Wochen alleine Zuhause sind, geht viel Stoff verloren. Und trotzdem müssen sie nach drei Jahren ja ihre Abschlussprüfung bestehen.“

Obwohl Härtner der Präsenzunterricht sehr wichtig ist, geht er doch jedes Mal mit gemischten Gefühlen in die Klassen. Weil ihm die einfachen Masken zu unsicher sind, hat er sich auf eigene Kosten einige FFP2 Masken gekauft. „Wir brauchen einfach die entsprechende Ausrüstung. Ein umfassendes Lüftungskonzept, zum Beispiel mit Luftfiltern, hätte man schon längst organisieren können.“ Auch die Ausstattung der Lehrkräfte mit den zertifizierten FFP2 Masken sei nötig. „Überall gibt es Abstand und Plexiglas, aber wir stehen in der vollen Klasse mit 31 Schülern. Man fühlt sich fast wie Kanonenfutter, man fühlt sich alleingelassen.“ Er will trotz gesundheitlicher Bedenken weiterhin persönlich unterrichten. Solange es keine anderen Lösungen gibt, besteht er aber bei allen Schülern auf das Tragen einer Maske und ständiges Lüften.

Auch Volker Dyken und viele seiner Kollegen fühlen sich nicht richtig geschützt, besonders wenn sie in Klassen unterrichten, in denen kürzlich Schüler positiv getestet wurden. „Das Gesundheitsamt Ludwigsburg schickt nur die Nebensitzer in Quarantäne, da haben natürlich viele Bedenken.“ An seiner Schule haben bisher nur die älteren Kollegen die FFP2 Masken gestellt bekommen, allerdings erst auf mehrmaliges Drängen. „Dabei ist der Dienstherr ja zum Schutz der Arbeitnehmer verpflichtet, ich finde, es sollten unbedingt alle Lehrer diese Masken bekommen.“ Er betont auch, dass es zumindest für die oberen Jahrgangsstufen kein Problem wäre, teilweise wieder im Homeschooling zu lernen. Seine Schule sei darauf gut vorbereitet, die digitale Plattform stehe und Möglichkeiten für Videokonferenzen seien eingerichtet.

Armin Dobler, Lehrer am Max-Born-Gymnasium fühlt sich gesundheitlich nicht gefährdet: „Ich verstehe aber, dass sich Lehrkräfte in höherem Alter oder mit Vorerkrankungen Sorgen machen.“ Trotzdem findet er, dass man so lange wie möglich am Präsenzunterricht festhalten solle. Zum einen, da die Schüler eine feste Struktur sowie Kontakt mit ihren Freunden brauchen. „Die meisten sprechen sich für Präsenzunterricht aus“, so Dobler. Der Online-Unterricht sei zwar im Notfall ein sinnvoller, aber sicher kein gleichwertiger Ersatz für den Unterricht vor Ort.

Corona im Kreis und in Schulen

Im Kreis sind gestern 87 neue Coronafälle dazugekommen, damit steigt die Gesamtzahl auf 5434, davon in Quarantäne befinden sich aktuell 790. Die Inzidenz liegt bei 172 Fällen pro 100000 Einwohner. Als genesen gelten 4531, mit positivem Befund verstorben sind 113 Personen.

In Backnang sind momentan elf Schüler positiv auf Covid-19 getestet. Außerdem gibt es gerade je einen Fall unter Schülern in Allmersbach, Weissach im Tal und Murrhardt. In der Backnanger Kita Waldheim sind zwei Erzieher positiv getestet worden, die gesamte Einrichtung befindet sich in Quarantäne.

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Erstellt:
18. November 2020, 06:00 Uhr

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