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„Masken werden ein Modeaccessoire sein“

In Baden-Württemberg gilt ab Montag eine Maskenpflicht – Lieferengpässe erschweren für viele die Herstellung

Ab Montag muss in öffentlichen Verkehrsmitteln, Lebensmittelmärkten und im Einzelhandel eine Alltagsmaske getragen werden. Vor allem Mundschutze aus Stoff werden nun im Eiltempo hergestellt. Und das nicht nur von Fachgeschäften, sondern auch von kleinen Nähereien, Privatpersonen und freiwilligen Helfern in Vereinen. Doch vielen fehlt es an Gummibändern.

Apotheken sind mittlerweile nur noch eine mögliche Anlaufstelle beim Kauf von Gesichtsmasken. Hans-Volker Müller und Mitarbeiterin Melanie Reiser haben in der Schiller-Apotheke in Backnang zwei Arten zur Auswahl. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Apotheken sind mittlerweile nur noch eine mögliche Anlaufstelle beim Kauf von Gesichtsmasken. Hans-Volker Müller und Mitarbeiterin Melanie Reiser haben in der Schiller-Apotheke in Backnang zwei Arten zur Auswahl. Foto: J. Fiedler

Von Kristin Doberer

BACKNANG/ALTHÜTTE. 2000 Gesichtsmasken wurden am Mittwoch in Ludwigsburg in einem Masken-Drive-In verkauft, in nur wenigen Stunden. Der Andrang war so groß, dass die Schlange der wartenden Autofahrer den Verkehr behindert hat und der Drive-In von der Polizei geschlossen wurde. Nur ein Beispiel, das zeigt, wie groß die Nachfrage nach den Masken mittlerweile ist. Kein Wunder, schließlich muss ab Montag jeder, der einkaufen geht oder den öffentlichen Nahverkehr nutzt, einen Mund- und Nasenschutz tragen.

Wie viele Menschen nun auf der Suche nach den Masken sind, spüren auch die Backnanger Unternehmen, die in das Mundschutz-Geschäft eingestiegen sind. Das Backnanger Nähzentrum fertigt schon seit einigen Wochen Masken an. Während der Laden geschlossen hatte, haben Mitarbeiter zuhause Mundschutz aus Stoff genäht und online verkauft. Auch jetzt, wo sie den Laden wieder normal öffnen können, produzieren sie täglich etwa 30 Stoffmasken. „Die Nachfrage ist momentan so groß, dass wir 200 nähen müssten“, sagt Geschäftsführer Dietmar Schmidt. Die große Nachfrage sorgt für ein Problem: Das Material für die Masken fehlt teilweise. „Lange haben wir gar keinen neuen Gummi bekommen, sogar unsere Großhändler hatten Lieferprobleme. Jetzt kommt die Ware so nach und nach wieder.“

Nicht nur die Nachfrage nach fertigen Masken sei sehr groß, viele würden sich auch Materialien besorgen, um eine Maske selbst zu nähen. Mangelware sind im Moment die Gummibänder, mit denen man die Maske hinter den Ohren befestigt. „Sogar der ein oder andere Baumwollstoff wird so langsam knapp. Da merkt man, wie abhängig man von China ist“, sagt Schmidt. Vor seinem Geschäft, das immer nur zwei Kunden gleichzeitig betreten dürfen, würde sich eine richtige Warteschlange bilden. „Zum Teil gibt es Wartezeiten von bis zu 30 Minuten.“

Viele Menschen wollen Masken mit bestimmter Farbe oder Muster

Auch Rebecca Faust ist seit einigen Wochen in der Maskenproduktion aktiv. Sie hat eine kleine Schneiderei in Althütte, in der sie vor allem Auftragsarbeit erledigt. „Der Andrang ist sehr groß, mein Telefon klingelt fast ununterbrochen. Mittlerweile träume ich schon fast von Masken“, sagt Faust. Sie ist zusätzlich noch angestellt und arbeitet nur am Nachmittag in ihrer kleinen Schneiderei. Vor allem sei sie froh, dass durch die Schließung der Geschäfte noch weitere Auftragsarbeit, vor allem für Kinderkleidung, eingegangen sei. „Die Abwechslung tut gut. Ich könnte nicht den ganzen Tag nur Mundschutz nähen.“ Mittlerweile näht sie zwischen 20 und 30 Masken pro Tag. Seit die Maskenpflicht angekündigt wurde, haben sich die Anfragen vervielfacht. „Am Anfang habe ich den Leuten Bilder von Stoffen geschickt, damit sie sich einen für ihre Maske aussuchen können. Aber die Nachfrage kann man so jetzt nicht mehr bedienen.“ Nun würde sie nur noch zwischen Masken für Männer, Frauen und Kinder unterscheiden. Wer welches Muster bekommt, entscheidet nun sie. Faust glaubt, dass die Maske langfristig ein ganz anderes Image bekommen wird. „Die Masken werden irgendwann wie ein Modeaccessoire sein. Ich überlege schon jetzt, wie man das zum Beispiel durch bestimmte Bestickungen oder Motive gestalten kann.“

Dass die Leute bereits jetzt gerne einen bestimmten Stoff oder eine bestimmte Farbe für ihre Maske wünschen, weiß auch Birgit Kralisch vom Deutschen Roten Kreuz Rems-Murr. „Viele sagen, sie wollen keine weiße Maske, aber auf solche Anfragen können wir gerade keine Rücksicht nehmen.“ Der DRK Kreisverband hat in Kooperation mit dem Landratsamt eine Anlaufstelle für selbst genähte Stoffmasken organisiert. Etwa 25 freiwillige Näherinnen nähen zuhause mit gespendeten Stoffen die Masken, diese werden dann vom DRK verschenkt. Etwa 70 Masken wurden so bereits verteilt, doch noch weitere 200 Menschen haben eine Maske angefragt. „Ich bin mir sicher, dass wir jedem, der angefragt hat, auch einen Mundschutz geben können. Manche Leute müssen sich eben etwas gedulden“, sagt Kralisch.

Sie verteile die Masken nach einer Warteliste, nur dringende Fälle werden vorgezogen, etwa wenn jemand einen Termin für eine Chemotherapie oder Ähnliches hat. Kralisch verweist auch darauf, dass es in jeder Gemeinde Einkaufshelfer gibt, die aushelfen, wenn die Maske bis Montag noch nicht beschafft werden konnte. Auch hier fehlt vor allem ein Material: das Gummiband. „Das gibt es gerade einfach nicht zu kaufen, deshalb hoffen wir auf Stoff- und Gummispenden von Privatpersonen.“ Auch sei sie weiterhin auf der Suche nach freiwilligen Näherinnen. Stoffe und Fäden würde sie zur Verfügung stellen.

„Die Maske sorgt dafür, dass man keine Virenschleuder ist“

Ein weiterer Anlaufpunkt für den Maskenkauf sind Apotheken. Doch auch sie haben immer wieder mit Lieferproblemen zu kämpfen. „An Masken mit Filter kommen wir gar nicht mehr ran“, sagt Volker Müller von der Backnanger Schiller-Apotheke. „Die gehen alle direkt an das medizinische Personal.“ Stattdessen verkauft er zwei Arten von Masken: Für etwa einen Euro gibt es die Einmalmasken, die allerdings bei längerem Tragen schnell feucht werden und bereits nach einem Mal Tragen entsorgt werden müssen. Früher gab es diese Masken für einen Cent-Betrag, doch die Coronapandemie hat die Preise deutlich hochgetrieben. Zum anderen gibt es die Stoffmasken, die desinfiziert, gewaschen und wiederverwendet werden können. „Das Sterilisieren ist wichtig“, sagt der Apotheker. „Man sollte die Maske nur einen Tag lang verwenden und sie dann desinfizieren, heiß waschen oder abkochen.“ Nur durch die richtige Pflege behalte diese Art von Maske ihre Wirkung.

Auch der Preis von wiederverwendbaren Stoffmasken ist gestiegen, er liegt bei etwa 12 Euro. „Vielen war das zunächst zu teuer. Seit die Vorschrift bekannt ist, gibt es aber eine riesen Nachfrage.“ Das habe die angespannte Lage auf dem Markt noch verschärft. Trotzdem sei die Entscheidung sinnvoll: „Die Maske sorgt dafür, dass man selbst keine Virenschleuder ist“, sagt Müller. Allerdings sieht der Apotheker auch den ein oder anderen Kritikpunkt an der Maskenpflicht. So sei sie in manchen Berufszweigen noch nicht ganz durchdacht. „Wie machen das zum Beispiel Taxifahrer? Die Pflicht macht nur Sinn, wenn sich alle daran halten.“ Das Problem liegt hier darin, dass in Deutschland eigentlich ein Vermummungsverbot hinter dem Steuer besteht. Wie das mit der Maskenpflicht vereinbar ist, ist noch nicht klar.

Noch keine Materialengpässe hat das Backnanger Berufsbekleidungsgeschäft Lochmann. Zwar spüre man die große Nachfrage, doch man sei so breit aufgestellt, dass man etwa 10000 Masken problemlos liefern könne, erklärt ein Sprecher des Unternehmens. Für Samstag plant deshalb auch Lochmann einen Masken-Drive-In, an dem die Leute direkt vom Auto aus Alltagsmasken und Gesichtsschilder kaufen können.

Info

Landrat Richard Sigel begrüßt die Maskenpflicht und möchte sie noch auf weitere Bereiche des öffentlichen Lebens ausweiten: „Alltagsmasken im ÖPNV und beim Einkaufen halte ich für richtig. Ich plädiere auch für Mundschutz auf dem Schulhof. Denn gerade in den Schulen bräuchte es meines Erachtens klare und einheitliche Reglungen für alle, sonst sind Konflikte und mangelnde Akzeptanz vorprogrammiert.“

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Erstellt:
24. April 2020, 06:00 Uhr

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