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Neustart mit angezogener Handbremse

Kindergärten und Grundschulen sind ab nächster Woche wieder für alle Kinder geöffnet. Trotzdem wird es beim „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“ zunächst noch einige Einschränkungen geben.

Noch ist die Zahl der Kinder im städtischen Kindergarten Heimgarten überschaubar. Ab kommender Woche wird hier wieder mehr los sein, denn dann sind die Kitas wieder für alle Kinder geöffnet. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Noch ist die Zahl der Kinder im städtischen Kindergarten Heimgarten überschaubar. Ab kommender Woche wird hier wieder mehr los sein, denn dann sind die Kitas wieder für alle Kinder geöffnet. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Eltern können aufatmen: Ab Montag dürfen wieder alle Kinder in den Kindergarten und das jeden Tag. Nach dem coronabedingten Lockdown Mitte März gab es in den Tagesstätten zunächst nur eine Notbetreuung, seit 18. Mai darf wieder maximal die Hälfte der Kinder gleichzeitig betreut werden. In Backnang können manche Kinder deshalb momentan nur an zwei Tagen pro Woche ihre Einrichtung besuchen.

Ab 29. Juni ist es mit diesen Beschränkungen vorbei: Nachdem eine Studie der Uniklinik Heidelberg gezeigt hatte, dass Kinder unter zehn Jahren bei der Verbreitung des Coronavirus nur eine untergeordnete Rolle spielen, hat die Landesregierung grünes Licht für die vollständige Öffnung von Kitas und Grundschulen gegeben. „In Backnang gelten ab nächster Woche für alle Kinder wieder die normalen Betreuungszeiten“, sagt Regine Wüllenweber, Leiterin des Amtes für Familie, Jugend und Bildung.

Die Amtsleiterin ist froh, dass dies in allen Backnanger Einrichtungen möglich ist, denn lange war nicht klar, wie viele Erzieherinnen ausfallen würden, weil sie zu einer Risikogruppe gehören. Inzwischen ist aber klar: Der Ausfall ist geringer als befürchtet: „Wir rechnen nur mit etwa zehn Prozent, die nicht einsetzbar sind“, sagt Wüllenweber. Wer nicht arbeiten kann, braucht ab kommender Woche ein ärztliches Attest.

Der normale Betrieb sei somit personell zu stemmen. Von den Sonderregeln, die es vorübergehend erlauben, den Personalschlüssel bei der Betreuung zu senken und die Gruppengrößen zu erhöhen, werde man in Backnang vorerst keinen Gebrauch machen müssen. Zumal wohl auch nicht alle Kinder sofort in die Einrichtungen zurückkehren werden. Wüllenweber geht davon aus, dass es auch Eltern gibt, die ihre Kinder lieber noch länger zu Hause betreuen.

Ausflüge und Sommerfeste sind gestrichen.

Bei der Stadt ist man froh, dass der Betrieb in den Kitas nun wieder hochgefahren wird, denn der Frust der Eltern hatte sich in den vergangenen Wochen immer öfter an den städtischen Mitarbeitern entladen. „Der Restart wird funktionieren“, ist Erster Bürgermeister Siegfried Janocha zuversichtlich. Angesichts der aktuellen Infektionszahlen ist die Öffnung der Kitas in seinen Augen auch zu verantworten. Stand gestern gab es in der Stadt Backnang keinen einzigen bekannten Coronafall mehr. Allerdings wissen die Verantwortlichen auch, dass sich das jederzeit wieder ändern kann: „Wir tun uns deshalb schwer mit Aussagen, die über die nächsten zwei Wochen hinausgehen“, sagt Regine Wüllenweber.

Vorsicht ist auf jeden Fall weiterhin nötig, deshalb ist auch von einem „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“ die Rede. Für Eltern und Kinder bedeutet das, dass nicht alle Angebote wie gewohnt zur Verfügung stehen werden. „Die größten Einschränkungen wird es im Bereich Pädagogik geben“, sagt Regine Wüllenweber. So werden in Backnang bis auf Weiteres alle Kinder in festen Gruppen betreut, die strikt voneinander getrennt werden, also auch beim Essen oder beim Spielen im Freien. So soll verhindert werden, dass bei einem Coronafall in einer Gruppe gleich die komplette Einrichtung geschlossen werden muss.

Das bedeutet allerdings auch, dass sogenannte offene Konzepte mit gemeinsamen Aktivitäten für Kinder aus verschiedenen Gruppen nicht möglich sind. Auch Zusatzangebote wie Sprachförderung oder den Besuch von Lesepaten wird es vorerst nicht geben. Sommerfeste, Ausflüge, Übernachtungen und ähnliche Aktivitäten sind ebenfalls bis zu den Sommerferien gestrichen. „Das tut mir zwar im Herzen weh“, sagt Regine Wüllenweber, aus Sicht der Verwaltung sind solche Veranstaltungen aber noch zu riskant.

Der Kita-Alltag soll dafür so normal wie möglich ablaufen: Die Kinder müssen weder Masken tragen noch Abstandsregeln einhalten. „Und wenn ein Kind weint, wird es auch auf den Schoß genommen und getröstet“, versichert Wüllenweber. Pädagogik mit 1,50 Meter Abstand sei unmöglich. Ob die Erzieherinnen Masken tragen oder nicht, liegt in ihrer eigenen Entscheidung. „Wer sich sicherer damit fühlt, kann das tun“, sagt die Amtsleiterin. Die Stadt stelle ihren Mitarbeiterinnen auf Wunsch neben Alltagsmasken auch sogenannte FFP2-Masken zur Verfügung, die einen deutlich höheren Virenschutz bieten. Aus Gesprächen mit den Erzieherinnen weiß Wüllenweber aber, dass es viele für problematisch halten, im Umgang mit Kindern eine Maske zu tragen und deshalb lieber darauf verzichten.

Sollten die Infektionszahlen über den Sommer niedrig bleiben, hofft Siegfried Janocha, dass zu Beginn des neuen Kindergartenjahres im September alle Einschränkungen aufgehoben werden können. Spätestens dann müssen auch alle Eltern wieder den vollen Beitrag bezahlen. Bislang bezahlen viele Eltern nur einen reduzierten Beitrag, abhängig davon, wie lange ihr Kind betreut wird. Eltern, die ihr Kind freiwillig zu Hause lassen, sind von den Gebühren sogar ganz befreit. Diese Regelung wird in Backnang allerdings Ende Juli auslaufen.

Einschränkungen auch in den anderen Gemeinden

(dob). Trotz Personalmangels in den Kitas der Stadt konnte Murrhardt den Regelbetrieb zu normalen Betreuungszeiten wieder organisieren. „Es war möglich, den Betreuungsschlüssel nach unten zu setzen, dadurch werden wir einen Regelbetrieb vermutlich hinbekommen“, sagt Bürgermeister Armin Mößner. Trotzdem könne es zu vereinzelten Einschränkungen kommen, wenn Betreuer ausfallen. Bei den Kindertagesstätten der privaten Träger in Murrhardt gibt es momentan auch ein Personalproblem, Mößner weiß aber, dass dort noch an einem passenden Konzept gearbeitet wird, damit alle Kinder wieder betreut werden können. „Im Notfall wird da sicher eine Lösung mit den Eltern gefunden“, sagt Mößner.

Auch die Gemeinde Weissach im Tal hat personelle Probleme bei der Betreuung der Kinder, das Ganztagesangebot musste deshalb etwas eingeschränkt werden. Anstatt bis 17 Uhr geöffnet zu haben – wie es vor Corona üblich war –, schließen hier einige Kindertagesstätten bereits um 14.30 Uhr oder 15 Uhr. „Das hängt auch mit dem Raummanagement und den Coronaauflagen zusammen“, sagt Sachgebietsleiterin Sara Meier. Das eigentlich sehr offene Konzept sei durch die Hygieneauflagen nicht mehr umsetzbar. Auch viele Bewegungseinheiten oder Stuhlkreise fallen weg.

In Aspach können fast alle Kitas zum Regelbetrieb und den normalen Öffnungszeiten zurückkehren. Nur der Hort an der Conrad-Weiser-Schule muss sich zunächst auf die Kernzeiten beschränken, da dort für den Ganztagsbetrieb nicht genug Personal zur Verfügung steht. „Insgesamt ist die Personalsituation überall angespannt, aber wir glauben, dass wir die Urlaubszeit noch gut überbrücken können“, erklärt Hauptamtsleiter Philip Sweeney.

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Erstellt:
26. Juni 2020, 06:00 Uhr

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