Noch ist keine Resignation spürbar

Im gastronomischen Bereich erlaubt das Pandemiegeschehen noch keine Lockerungen. An Ideen und Unternehmergeist, wie es trotzdem in der Branche weitergehen kann, mangelt es im Raum Backnang aber nicht.

Jan Schröder führt den von seinen Eltern gegründeten Partyservice in Heiningen fort. Dort setzt er fortan auch auf Essen in Dosen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Jan Schröder führt den von seinen Eltern gegründeten Partyservice in Heiningen fort. Dort setzt er fortan auch auf Essen in Dosen. Foto: A. Becher

Von Bernhard Romanowski

BACKNANG/ASPACH. Der Duft von gutem Essen auf schön angerichteten Tellern, Gläserklingen und fröhliches Lachen im Kreise netter Menschen – all das, was die Stimmung in einem Restaurant oder Gasthof ausmacht, kann nun schon seit Monaten coronabedingt nicht genossen werden. Eine ganze Branche steht derzeit in den Startlöchern und hofft, baldmöglichst wieder loslegen zu können. Wir haben uns bei einigen Akteuren der Gastronomie im Raum Backnang umgehört, wie sie mit der Situation umgehen.

Um dem Pandemiegeschehen nicht tatenlos zuzusehen und nicht ganz ohne Einnahmen dazustehen, bieten viele Gastronomen auch im Raum Backnang ihre Speisen und Getränke zum Abholen an. Im Geschäft in der Oberndorfer Straße 10 in Heiningen ist es indessen völlig normal, dass die Gäste nicht in den dortigen Räumen, sondern im Außer-Haus-Verkauf bedient werden. Der Koch- und Partyservice Schröder hat als Familienunternehmen schon eine über 45-jährige Geschichte. Als Paula und Gerrit Schröder ihr Geschäft gründeten, waren sie damit noch in Backnang ansässig. Ihr jüngster Sohn Jan, der eine Ausbildung als Koch absolviert hat und sich bei zahlreichen Auslandsaufenthalten weiterbildete, hat den Betrieb 2015 übernommen und führt ihn nun mit seiner Frau Franziska. 2016 wurde der Partyservice von ihnen vergrößert und befindet sich jetzt in Heiningen. Gutbürgerliche Küche schwäbischer Prägung ist das Fundament, darüber hinaus wird dort ebenfalls viel Leckeres angeboten. „Werbung haben wir nie gebraucht“, berichtet Franziska Schröder. Aber jetzt, wo keine Feiern mehr stattfinden, müssen auch sie und ihr Mann sich mehr Gedanken machen. Derzeit läuft der Aufbau eines Online-Shops für ihre jüngste Idee: Das Essen der Schröders kann man sich seit Dezember in Dosen bestellen.

Das Trinkgeld fehlt den Mitarbeitern im Servicebereich der Gastronomie sehr.

Angefangen haben sie mit Braten. Mittlerweile gibt es schon 30 verschiedene Speisen in 400-Gramm-Dosen zu kaufen, vom Schweinefilet in Calvados-Soße über würzigen Wirsing bis zum Linsengemüse. Die Nachfrage ist bereits sehr gut, wie die Schröders berichten. Über Reklame etwa in den sozialen Medien im Internet sollen die Dosen sich dann noch besser verkaufen. Auch spezielle Sonntagsessen bekommt man zum Abholen in Heiningen. Und da es dort auch ein großes Grundstück mit Garten und Holzhütte gibt, wird nun überlegt, ob man dort nicht Außengastronomie anbieten kann. Franziska Schröder: „Aber wir müssen erst mal nachlesen und uns schlaumachen, welche Bestimmungen dafür gelten.“ Es bestehe auf jeden Fall Handlungsbedarf, da die staatliche Hilfe für die Gastronomen auf keinen Fall reiche, so die Heiningerin.

Das sieht Markus Binder anders. Als Chef des Gasthofs „Traube“ in Aspach kennt er die Sorgen und Nöte der gastronomischen Welt, hält die aus der Staatskasse geflossenen Geldbeträge im Rahmen der November- und Dezemberhilfe für seine Branche zum Teil für zu hoch. Da habe mancher durch entsprechende Angaben bei der Beantragung noch Gewinn gemacht, und das empfindet Binder als ungerecht, auch und besonders gegenüber den Kulturschaffenden, die von der Pandemie besonders arg gebeutelt sind und leer ausgehen. Leicht sei es aber auch für seinen Betrieb nicht, zumal derzeit die Öffnungsperspektive fehle. Seine Mitarbeiter aus dem Servicebereich, die immer wieder fragen, wann es denn endlich wieder weitergehe, muss er Mal um Mal vertrösten, weil keine Arbeit da ist. „Irgendwann ist eben alles geputzt.“ Der tägliche Essensverkauf ab Haus läuft weiter, aber die Zahl der Bestellungen ist stark schwankend. „Das läuft einen Tag super, am nächsten Tag ist es zum Mäusemelken. Das macht die Planung schwierig. Wir wollen ja auch keine Lebensmittel wegwerfen oder Personal heimschicken“, erläutert Binder.

Glücklich ist er aber über den Umstand, dass die „Traube“ seit Januar das Catering für den Bereich Kita und Schule in Kirchberg an der Murr übernehmen konnte. Binder: „Dadurch hat der Azubi keine Kurzarbeit. Die Köche machen 60 Prozent, Service und Aushilfen 100 Prozent Kurzarbeit.“ Das Trinkgeld fehle aber freilich auch seit nun schon acht Monaten. „Das tut den Jungs und Mädels weh“, so Binder. Was der Familie Binder indessen hilft, ist das von ihnen betriebene Hotel, wo derzeit insbesondere Geschäftsreisende unterkommen – wenn auch in deutlich geringerer Zahl als früher. Hier sparen die Binders Geld, indem sie die Reinigung selbst ausführen und keine Fremdkräfte beauftragen.

Außerdem nutzen die Binders die Zeit, um sich fortzubilden. Sie werden sogenannte Geschulte Dritte und dürfen später Tests durchführen, die in Kombination mit einer vom Rems-Murr-Kreis unterstützten App Öffnungsperspektiven im öffentlichen Leben und eben insbesondere in der Gastronomie erlauben sollen, ähnlich wie das in Tübingen praktiziert wird. Wann sie indessen die Erweiterung ihres Biergartens auf dem Parkplatz an der Traube wieder nutzen können, steht ebenfalls noch in den Sternen. Das kleine Areal, das ursprünglich ein Parkplatz und vergangenes Jahr mit Genehmigung der Stadt Backnang für die Bewirtung genutzt worden war, soll kunden- und personalfreundlicher gestaltet werden. Dort gilt allerdings derzeit ein Baustopp, nachdem Klage dagegen erhoben wurde, wie Binder erzählt.

Das Ehepaar Wahl will kommendes Jahr im Herbst ein Hotel in Affalterbach eröffnen.

„Wir hoffen darauf, so ab Juni wieder öffnen zu können“, sagt Toni Josef Wahl vom „Lamm“ in Aspach. Derzeit ist das auf internationale Küche spezialisierte Restaurant geschlossen. Wahl und seine Gattin betreiben das traditionsreiche Haus, das sie von dem Unternehmer Markus Höfliger gepachtet haben, seit Anfang des Jahres, nachdem sie zuvor das Restaurant und Hotel „Einhorn“ in Oppenweiler geführt hatten. Einen Außer-Haus-Verkauf bietet das Ehepaar Wahl nicht an. „Das geht bei unserer Art der gehobenen Küche mit den frischen Produkten nicht.“

Den seriösen Kollegen der Branche dürfte es eigentlich nicht schlecht gehen, so Wahls Einschätzung. „Wir haben alles genau angegeben und starke November- und Dezemberhilfen erhalten. Wir haben das komplette Geld schon im Januar bekommen.“ Ohne das sähe es allerdings sehr finster aus, sagt Wahl. „Auch wenn wir die Außengastronomie öffnen dürften, wäre das für uns keine Lösung. Wenn wir unseren Produktionsbetrieb in Gang setzen, dann muss das laufen, und dann muss das was einbringen, sonst lohnt sich der logistische Aufwand besonders mit den frischen Waren nicht. Die kann man nicht einfach einfrieren und bei Bedarf wieder auftauen, wie sich das vielleicht manche Politiker vorstellen. Da ist vieles gut gemeint, aber schlecht durchdacht“, meint der Gastronom. Dass die Leute derzeit nach dem Besuch einer Außengastronomie lechzen, sieht Wahl nicht unbedingt gegeben. „Wer setzt sich im März oder in diesem kalten April schon raus? Selbst im Mai ist es noch kalt. Allenfalls ab Juni wird die Saison starten“, meint er und bekennt: „Deshalb verstehe ich die Gastronomen nicht, die jetzt nach der Erlaubnis zur Öffnung der Außengastronomie schreien.“

Bei den Stadt- und Gemeindeverwaltungen könne man sich auch keinen Rat holen, auf den man unternehmerisch bauen kann. „Die trauen sich auch nicht mehr zu, konkrete und längerfristig gültige Aussagen zu machen.“ Letztlich könne man also nur abwarten und versuchen, die Zeit für sich zu nutzen. Große Hoffnung setzt das Ehepaar Wahl auf den Herbst 2022. Dann nämlich wollen die beiden ihr Hotelprojekt in Affalterbach eröffnen. „Mit 100 Zimmern, Restaurant, Bar, Eventlocation und Tagungsräumen verbunden mit einem traumhaften Märchengarten“, listet Wahl auf. Derzeit zeige sich auch im Bereich Hotellerie die ganze Misere: „2020 ging noch ein bisschen was. Aber dieses Jahr bekommt man das Gefühl, es wird alles noch schlimmer.“ Sind die Wahls deshalb deprimiert? Weit gefehlt: „Wir schaffen das. Auch wenn sich unsere Betriebseröffnung nach dem Umzug ins Lamm nun schon 15 Monate verschoben hat, blicken wir motiviert in die Zukunft.“

Etwas demotivierend sei der Umstand, nicht zu wissen, wann es wieder losgeht. „Aber wenn es wieder losgeht, geht es richtig los“, so Wahl mit hörbarem Enthusiasmus in der Stimme. „Bei uns sind super Partner und eine super Bank mit im Boot. Wir haben eine coole Zukunft vor uns, da freuen wir uns drauf, und die lassen wir uns nicht vermiesen.“

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Erstellt:
27. April 2021, 06:00 Uhr

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