Online-Impfpass sorgt für Unmut

Seit Montag kann man in Apotheken und Arztpraxen einen Corona-Impfnachweis in digitaler Form beantragen. Das funktioniert mal mehr, mal weniger flott. Viele Ärzte sehen aber die Vergütungsgerechtigkeit in Verbindung mit dem Zusatzangebot verletzt.

Dagmar Karl von der Auenwald-Apotheke in Unterbrüden präsentiert den digitalen Impfausweis auf einem Handy. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Dagmar Karl von der Auenwald-Apotheke in Unterbrüden präsentiert den digitalen Impfausweis auf einem Handy. Fotos: A. Becher

Von Bernhard Romanowski

BACKNANG/AUENWALD. Die Impfkampagne in Deutschland gegen das Coronavirus läuft, auch wenn es viel Unmut über das Tempo gibt, mit dem die Sache vorangeht. Wer schon in den Genuss einer Impfung gekommen ist, kann sich das nun in digitaler Form bescheinigen lassen. Seit Montag kann man das auch in jenen Apotheken erledigen lassen, die den Service bereits anbieten. Dort werden bei Vorlage des Impfbuches die Daten des Kunden an einen zentralen Server übermittelt, über den die Apothekenmitarbeiter ein Zertifikat mit einem QR-Code abrufen, den die Kunden sich hernach aufs Handy laden können. Von dieser Möglichkeit haben auch bereits viele Menschen in der Backnanger Region Gebrauch gemacht.

„Das lief schon einigermaßen gut“, berichtet Dagmar Karl, die Filialleiterin der Auenwald-Apotheke in Unterbrüden. Sie spricht von einem hohen administrativen und damit personellen Aufwand, der für sie und ihre Kolleginnen damit verbunden sei. „Wir mussten uns entsprechend einarbeiten und haben erst einmal 20 Seiten dazu gelesen, bis wir wussten, wie das gehen soll“, so Karl mit Blick auf die softwaretechnischen Voraussetzungen, die dazu nötig sind. Den Kunden sei mitunter nicht klar, dass so etwas nicht in fünf Minuten geht. Mit einer Wartezeit bis zu 24 Stunden sei mitunter zu rechnen. „Wenn es schneller geht, rufen wir die Leute aber auch an“, sagt die Filialleiterin, die mit der Informationspolitik der zuständigen Behörden ein wenig hadert, weil die meisten Mitteilungen in der Vergangenheit meist sehr kurzfristig gekommen seien. Über den Apothekerverband sei man aber immer möglichst auf Ballhöhe gehalten worden, was die neuesten Coronaverfügungen anging.

Ines C. Schweizer klagt über technische Probleme bei der Datenübermittlung.

„Wir hatten bereits letzte Woche etliche Anfragen zum digitalen Impfnachweis bei uns“, berichtet Sabrina Marschall von der Apotheke am Obstmarkt in Backnang. Da sei sie aber selber noch gar nicht so genau im Bilde gewesen, wie das umgesetzt werden soll. Auch am Montag und Dienstag war die Nachfrage ihr zufolge groß. Den Wunsch vieler Kunden, das Zertifikat möglichst sofort in Empfang nehmen zu können, bestätigt Marschall. Es wurde dann entschieden, Termine dafür zu vergeben. Marschall: „Wir nehmen uns dann die Zeit, denn da sind ja einige Sachen auszufüllen. Wenn jemand spontan kommt, machen wir das auch, aber wir müssen uns ja unter anderem auch noch um den Verkauf kümmern.“ Auch in der Schiller- und in der Raphael-Apotheke in Backnang wird der Service für Geimpfte angeboten, und an Andrang mangelt es jetzt in der Vorlaufzeit der Sommerferien nicht. Allerdings ist Ines C. Schweizer als Filialleiterin mit dem Ablauf des Ganzen unzufrieden. „Schon Montagfrüh gleich zum Auftakt gab es technische Probleme. Wir sind ja auf die Daten des Robert-Koch-Instituts angewiesen. Aber es hakte in der Leitung, vermutlich wegen Überlastung. Irgendwann wurde es dann besser. Aber gestern war die Datenübermittlung wieder instabil. Zwischendurch ging es auch mal ganz schnell“, berichtet Schweizer. Dazu komme die aufwendige Prüfung des Impasses und des Personalausweises – alles Arbeit, die zum üblichen Geschäft noch dazukomme.

Sie sieht das Ganze als Schnellschuss des Gesundheitsministeriums, der dann von den Medien verbreitet wurde, ohne die realen Kapazitäten zu beachten. „Herr Spahn will das und das haben, aber keiner fragt, wie das umgesetzt werden kann.“ Schweizer zufolge wäre es besser gewesen, erst den Apothekerverband einzubeziehen und dann mit einem gewissen Vorlauf und einem Probelauf übers Wochenende damit zu beginnen.

Einen tiefen Atemzug macht Jens Steinat, als er auf den digitalen Impfnachweis angesprochen wird. Denn über die Medien habe das Gesundheitsministerium verbreitet, dass man das Zertifikat seit Montag auch in den Arztpraxen bekommen könne. „Aber wir sind damit ziemlich überrannt worden“, erklärt der Mediziner aus Oppenweiler, der als stellvertretender Vorsitzender der Ärzteschaft Backnang die Belange seiner Berufskollegen bestens kennt. Sein Versuch, einen digitalen Nachweis über sein Praxisverwaltungssystem zu generieren, sei am Montag noch gescheitert. Man müsse sich entsprechend mit der Software befassen, dann werde sich das einspielen.

Nur: „In den Arztpraxen haben wir keine riesigen Vakanzen, um das zu tun“, betont Steinat. Ärzte wie auch deren medizinisch geschultes Personal seien schon mit den Impfungen und dem üblichen Praxisbetrieb gut beschäftigt. „Einerseits sehe ich die gesellschaftliche und ethische Verantwortung von uns Ärztinnen und Ärzten, andererseits aber auch die persönlichen und berufspolitischen Belange und die Arbeit über der Belastungsgrenze seit Monaten. Blendet man das Monetäre aus, dann sollte die Wertschätzung und Anerkennung wenigstens durch Entlastungen auf anderen Ebenen stattfinden.“ Er sieht die Krankenkassen in der Pflicht, für die Ausstellung der digitalen Impfnachweise Sorge zu tragen. Hier werde die Bürokratie in den ambulanten Sektor abgeschoben, so Steinat weiter. Ein großer Teil der Ärzteschaft betrachte auch die Vergütung des neuen Angebots als Affront.

Denn eine Impfung wird den Ärzten mit 20 Euro vergolten. Für den digitalen Impfpass erhalten die Apotheken 18 Euro pro Nachweis. Diese Summe erhalten Ärzte dafür nur, wenn sie den Nachweis jemandem ausstellen, der nicht bei ihnen geimpft wurde. Für die im eigenen Hause Geimpften erhalten die Ärzte hingegen nur sechs Euro. Wenn die Erfassung und Übermittlung der notwendigen Daten bald nicht mehr manuell, sondern über die entsprechende Software automatisiert erfolgt, wie das vorgesehen ist, sind es sogar nur noch zwei Euro, die den Ärzten für einen digitalen Nachweis vergütet werden. „Die Verwaltungstätigkeit für den Impfnachweis wird also gleich behandelt wie die medizinische Tätigkeit des Impfens, die aufwendiger ist und zu der auch noch die Aufklärung und Priorisierung der Patienten gehört. Das ärgert mich“, sagt Steinat.

Niemandem sei damit gedient, wenn die Ärzte manche Dinge nicht mehr anbieten könnten, um noch kostendeckend zu arbeiten, weil ihnen durch die mangelnde Vergütungsgerechtigkeit die Einnahmen wegbrechen. Dieses Thema sei auch auf Landesebene besprochen worden und es brodle schon länger in der Ärzteschaft. „Viele Kollegen sind nach anderthalb Jahren Pandemie an der Leistungsgrenze. Jetzt sollen wir auch noch Zusatzdinge aus dem Ärmel schütteln und haben erst aus der Presse davon erfahren. Darunter leidet die Einsatzbereitschaft“, meint Steinat, der auch als Pandemiebeauftragter des Rems-Murr-Kreises tätig ist. Er habe eine seiner Arzthelferinnen seit Wochen ganz für den Telefondienst abgestellt, weil es nicht aufhört, zu klingeln. Seine Patienten zeigten sich indessen sehr verständnisvoll, auch wenn sie oft mehrfach für einen Termin anrufen oder warten müssen.

Das Kreisimpfzentrum in Waiblingen (KIZ) kann seit Montag für alle kommenden Erst- und Zweitimpfungen QR-Codes ausdrucken. Die QR-Codes für den digitalen Impfpass werden bis voraussichtlich Anfang Juli vom Sozialministerium an alle geimpften Personen direkt per Post versandt. Wer schneller einen Code braucht, kann auf die Apotheken zugehen. „Im Kreisimpfzentrum können wir derzeit rückwirkend leider keine QR-Codes erstellen und ausgeben“, teilt das Landratsamt mit. Wenn die Impfungen bei Hausärzten erfolgten, müssten diese oder etwa die Apotheke den QR-Code erzeugen und ausdrucken. Dies sei im KIZ nicht möglich.

Jens Steinat

© Alexander Becher

Jens Steinat

Der digitale Impfnachweis

Der digitale Nachweis ist eine freiwillige Ergänzung des weiter gültigen gelben Impfheftes aus Papier.

Deutschland setzt damit ein Vorhaben der Europäischen Union um. Das EU-Parlament hat kürzlich den Weg bereitet für einen EU-weiten Coronaausweis. Die App soll unter anderem Reisen in Europa erleichtern und wird ab 1. Juli für vorerst zwölf Monate in Kraft treten.

Der Nachweis wird in einem QR-Code hinterlegt, der künftig in der Regel mit dem zweiten Impfgang im Impfzentrum oder beim Arzt ausgehändigt wird. Der Code kann dann eingescannt und vorgezeigt werden. Neben der App CovPass und der Corona-Warn-App des Bundes soll der Nachweis ab heute auch über die Luca-App möglich sein.

Eine Suchabfrage der Apotheken in Deutschland, die den digitalen Impfnachweis erstellen, kann man online starten unter www.mein-apothekenmanager.de.

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Erstellt:
16. Juni 2021, 06:00 Uhr

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