Ordnungsamt kommt an seine Grenzen

Die Mitarbeiter des Rechts- und Ordnungsamts kontrollieren Personen, die sich in Quarantäne befinden, und kümmern sich um die Nachverfolgung der Kontaktpersonen – zusätzlich zum Alltagsgeschäft. Die steigenden Zahlen werden immer mehr zur Belastung.

Stichprobenartig kontrolliert das Rechts- und Ordnungsamt, ob Infizierte und Kontaktpersonen ihre verordnete Quarantäne einhalten. Auch wenn diese telefonisch nicht erreichbar sind, werden sie zu Hause aufgesucht. Symbolfoto: Adobe Stock/bobex73

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Stichprobenartig kontrolliert das Rechts- und Ordnungsamt, ob Infizierte und Kontaktpersonen ihre verordnete Quarantäne einhalten. Auch wenn diese telefonisch nicht erreichbar sind, werden sie zu Hause aufgesucht. Symbolfoto: Adobe Stock/bobex73

Von Kristin Doberer

BACKNANG. Die Coronazahlen steigen auch in Backnang schnell an. 41 Menschen in der Stadt sind aktuell mit dem Coronavirus infiziert und befinden sich in häuslicher Quarantäne, vor genau einer Woche waren es nur 15. Dazu kommen Kontaktpersonen ersten Grades, die in Quarantäne müssen, nachdem sie längeren Kontakt zu einer infizierten Person hatten. Davon gibt es 123 in Backnang. „Stand 28. Oktober um 15 Uhr, muss man dazu sagen. Das ändert sich im Laufe eines Tages mehrmals“, sagt Gisela Blumer, Leiterin des Rechts- und Ordnungsamts Backnang. „Nur weniger werden sie nicht, im Gegenteil.“ Dazu kommen aktuell noch 22 Reiserückkehrer, die sich in Quarantäne befinden. Das Ordnungsamt kontrolliert in Backnang die Einhaltung der Coronamaßnahmen, dazu gehört auch die Einhaltung der Quarantäne bei Infizierten und ihren engen Kontaktpersonen.

Bisher ist Blumer mit der Einhaltung der Quarantäneregeln sehr zufrieden. Am vergangenen Mittwoch und Donnerstag wurden insgesamt 84 Personen überprüft, ob sie zu Hause sind – dies war immer der Fall, „es wurde kein Verstoß festgestellt, alle haben sich an die Auflagen gehalten“. Doch nicht immer hat das Ordnungsamt genug Personal, um alle Personen in Quarantäne persönlich zu Hause zu kontrollieren, die Kontrollen am Mittwoch und Donnerstag gehörten zu einer landesweiten Aktion. Den tatsächlichen Alltag bilden diese Kontrollen zwar nicht ab, so Blumer, „aber schon vorher haben wir stichprobenartig kontrolliert, ob die jeweiligen Personen zu Hause sind. Und auch da haben sich die meisten an ihre Quarantäne gehalten.“ Es komme zwar vor, dass sie eine Person nicht zu Hause antreffen, aber das liege eher daran, dass diejenigen noch nichts vom eigenen Befund wissen. Zum Teil würden sie erst durch das Ordnungsamt von ihrer Quarantäne erfahren.

Nachverfolgung der Kontaktpersonen wird schwieriger.

Ist eine Person in Quarantäne nicht telefonisch erreichbar, kommt immer jemand vom Vollzugsdienst vorbei. Dabei müssen auch die Beamten vorsichtig vorgehen, schließlich treffen sie auf Verdachtsfälle oder positiv auf das Coronavirus getestete Personen. „Es geht uns zum einen um den Schutz unserer Mitarbeiter, zum anderen wollen wir nicht zum Verbreiter des Virus werden.“ Die Hausbesuche übernimmt deshalb weiterhin der Vollzugsdienst, die Beamten klingeln, betreten die Wohnung aber nicht. Stattdessen bitten sie die jeweilige Person, ans Fester zu kommen. So ist garantiert, dass sich die richtige Person in der Wohnung befindet, für die Mitarbeiter des Ordnungsamts besteht aber keine Ansteckungsgefahr. Halten sich Personen nicht an die verordnete Quarantäne, drohen ihnen hohe Geldstrafen. Die Überprüfung der Quarantäne sei gut machbar, eine Belastung sei vielmehr die Nachverfolgung der Kontaktpersonen. Im Rems-Murr-Kreis übernehmen das nämlich nicht die Gesundheitsämter, sondern die jeweiligen Gemeinden.

Das Coronateam arbeitet durchgehend, auch an Wochenenden. Sie kümmern sich darum, dass Infizierte Fragebögen ausfüllen, informieren Kontaktpersonen und sind täglich mit den Verdachtsfällen in Kontakt, um zum einen die Einhaltung der Quarantäne zu prüfen, aber auch um sich regelmäßig nach dem Gesundheitsstand zu erkundigen. Außerdem besetzen sie die Coronahotline der Stadt. „Besonders dafür sind die Leute sehr dankbar. Bei den Gesundheitsämtern kommen sie kaum durch, bei uns erreichen sie aber immer jemand, der Fragen beantworten kann. Es haben sogar schon Menschen aus anderen Landkreisen bei uns angerufen.“

Um die Arbeit besser abfangen zu können, musste das Coronateam immer weiter aufgestockt werden. Die Situation sei mit der im März nicht mehr vergleichbar. Am Beginn der Pandemie waren nur fünf Personen mit der Kontaktnachverfolgung beschäftigt, im April dann sieben, im August acht. „Aber zu Beginn gab es noch viel weniger Kontaktpersonen“, erklärt Blumer. Durch den Lockdown konnten die Menschen weder in Gaststätten sitzen noch ins Fitnessstudio gehen oder Feste feiern. Wer konnte, der arbeitete von zu Hause aus, auch der Kontakt mir Kollegen oder Kunden war so stark eingeschränkt. Bis in den August konnte das Ordnungsamt die Nachverfolgung alleine stemmen, doch durch die hohe Anzahl an Reiserückkehrern war das Ende August nicht mehr möglich. „Die Recherche der Kontakte ist unglaublich aufwendig und kostet viel Zeit“, so Blumer.

Mittlerweile wurden einige Verwaltungsmitarbeiter aus anderen Ämtern zur Unterstützung bei der Kontaktnachverfolgung hinzugezogen, im Moment besteht das sogenannte Coronateam aus etwa 20 Personen. Auch sie stoßen bei den steigenden Zahlen an ihre Grenzen. Außerdem ist die Aufstockung aufwendig. „Alle müssen eine Einführung bekommen und sich weiterbilden“, sagt Blumer. Sie müssen nicht nur alle bisherigen Verordnungen und Erlasse lesen, sondern auch so verstehen, damit sie alle anfallenden Fragen beantworten können. „Noch dazu ändern sich die Verordnungen ständig“, sagt Blumer. Das Team aus 20 Leuten arbeitet halbtags in mehreren Schichten und wechselt sich wöchentlich ab, denn: Neben der Nachverfolgung der Kontakte müssen die Mitarbeiter auch irgendwie ihr alltägliches Geschäft erledigen. „Die Kernaufgaben und die Nachverfolgung müssen parallel ablaufen.“ Je mehr die Zahlen steigen, desto schwieriger wird das. „Wir kommen sehr an unsere Grenzen, das ist eine große Herausforderung.“

Die aktuellen Coronazahlen

Auch im Rems-Murr-Kreis steigen die Zahlen stetig an. Am 28. Oktober gibt es 403 aktive Coronafälle. Damit steigt die Zahl der Infizierten in den vergangenen sieben Tagen auf 94,3 pro 100000 Einwohner, die Ampel bleibt weiterhin auf Rot.

Gegenüber dem Vortag sind 110 neue Infizierte im Kreis dazugekommen, insgesamt gibt es also 3344 Fälle. 2719 Infizierte wurden als genesen eingestuft, 101 Menschen sind im Kreis seit Beginn der Pandemie verstorben.

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Erstellt:
29. Oktober 2020, 06:00 Uhr

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