Partystimmung im Sonnenhof

Draußen wird Deutschland von der vierten Welle überrollt, während es drin im Club in Kleinaspach zugeht, als würde Corona nicht existieren. Dort gilt die 2-G-Regel. Die Gäste an der Bar und auf den Tanzflächen fühlen sich sicher, sind bester Laune und genießen das Leben.

Endlich, tanzen wie in „normalen“ Zeiten. Die Tanzenden in der Hazienda sind sehr dankbar für diese Möglichkeit. Fotos: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Endlich, tanzen wie in „normalen“ Zeiten. Die Tanzenden in der Hazienda sind sehr dankbar für diese Möglichkeit. Fotos: T. Sellmaier

Von Florian Muhl

Aspach. „Warum hast du nicht Nein gesagt?“ Es ist kurz vor 22 Uhr, als dieser Schlager am Samstag in der Dorfdiele ertönt. Zu dem Zeitpunkt ist der Kulturtreff, wie die Diele vom Sonnenhof genannt wird, bereits rappelvoll. Frauen und Männer, die meisten zwischen 40 und 60, dicht an dicht. An der Bar oder zu dem Ohrwurm tanzend, den Roland Kaiser und Maite Kelly bekannt gemacht haben. Niemand trägt eine Maske. Alle sind aber geimpft oder genesen. Es gibt sicher viele Menschen, die solche Bilder ablehnen, die dazu Nein sagen würden, die sich aber auch schon über die Bilder vom Backnanger Gänsemarkt, vom Wetten-dass-Auftritt vor einer Woche oder vom Faschingsstart in Köln am Donnerstag gewundert haben werden. Es gibt aber auch viele Menschen, die anders denken.

„Wir können also trotz unseres Alters hier noch tanzen gehen“

Anderthalb Stunden zuvor. Punkt 20.30 Uhr. Kein Platz mehr im unteren Parkdeck zu finden. Doch, einer noch, der ist für mich. Ich wage den Selbstversuch. Discotheken und Tanztempel im Sonnenhof. Was wird mich erwarten? Zwei Frauen steigen auch gerade aus ihren Autos mit Heilbronner Kennzeichen, die eine wechselt ihre Boots gegen knallrote Stilettos. Dazu ein Kleid, das Schwarze. Nicht das kleine, sondern das kurze. Sie sind öfters hier, sagen sie. Und warum? „Für unser Alter ist das so das Einzige im Kreis. Hier sind alle Altersklassen vertreten. Wir können also trotz unseres Alters hier noch tanzen gehen“, bekennt die eine in den Stilettos. Christina heißt sie, sie ist 53 und kommt aus Neckarsulm. Die andere in etwa im selben Alter kommt aus Abstatt und heißt Petra. Beide sind sich einig, dass die Musik auch toll ist. Und Corona? „Also wir sind beide geimpft“, sagt Christina und fügt an: „Ich habe viel mit Publikumsverkehr zu tun, auch beruflich, von daher...“ Selbstsicher sagt Petra: „Ich arbeite viel mit alten Leuten zusammen und habe mir heute die dritte Impfung geholt.“ Angst? Nein, die haben sie nicht.

„Soll ich daheim sitzen und mein Sofa kaputt drücken?“

Noch ein Auto mit Heilbronner Kennzeichen. Um die 50 ist der Mann mit schwarzen, gegelten Haaren, der aussteigt. Auf die Frage, ob er zum Tanzen gekommen sei, sagt er spontan: „Auf den Sportplatz gehe ich nicht.“ Und warum fährt er über 30 Kilometer hierher? „Soll ich daheim sitzen und mein Sofa kaputt drücken?“ Geimpft sei er, so viel erfahre ich noch, aber auf die Frage, ob er trotzdem keine Angst vor der Ansteckung habe, kontert er mit einer Gegenfrage: „Sind Sie gegen Zecken geimpft?“ Wir verabschieden uns nett. Ich wünsch ihm noch einen schönen Abend. Dann sagt er doch noch: „Genau deswegen bin ich hier. Wenn man gerne tanzt, und ich treffe mich hier mit meiner Lebensgefährtin, wir wollen das Wochenende genießen, die ganze Woche war viel Stress, Arbeit – dann darf man doch ein bissle Spaß am Leben haben, oder nicht?“ Anfangs sehr zaghaft, sprudelt es jetzt aus ihm heraus: „Ab einem gewissen Alter kann man ja wieder weggehen, wenn man alles erledigt hat, Kinder aus dem Haus, es gibt ja keine Dorfkneipen mehr...“

„Mit dem 2-G-Modell fühle ich mich sicher, das reicht mir aus“

Nach den Kontrollen – Luca-App, Impfstatus und Personalausweis – ist auf den Gängen schon viel los. Die Maske ist hier im 3-G-Bereich Pflicht. Eine Frau mit Bluse und Jeans ist in Richtung Hazienda unterwegs. Nein, sie ist nicht allein. „Ich bin mit meinen vier Freundinnen aus Oberndorf am Neckar da. Das ist bei Rottweil. Wir machen einen Wochenendausflug von Freitag bis Sonntag.“ Die Frauengruppe sei schon zum zweiten Mal da. Die Freundinnen gestalten ihre Freizeit miteinander. „Mit dem 2-G-Modell fühle ich mich sicher, das reicht mir aus“, sagt die 46-Jährige. Sie habe zwar Bedenken gegen das Impfen gehabt, aber der Piks musste trotzdem sein, weil ihre Eltern mit im Haus leben, und die hätten großen Wert drauf gelegt. „Ich hab seither etwas höheren Blutdruck, aber nix Schlimmes.“

„Ich bin gar kein Tänzer, ich müsst’s erst mal lernen“

Ebenso keine Bedenken hat Markus. Der Schreiner aus Ludwigsburg nennt sich Stammgast. „Ich komme fast jedes Wochenende her.“ Aufgewachsen sei er mit der Rockfabrik. Aber die gebe es ja nicht mehr. Zudem habe sich sein Musikgeschmack etwas geändert. „In der Kinderdisco, da sagen Ihnen die Jungen: Du, das Altenheim ist da drüben. Das ist hier nicht der Fall“, sagt der 54-Jährige. Aber er sei allein da. „Mein Kumpel, das ist so ein Quertreiber, der lässt sich nicht impfen.“ Ihm gefalle, dass es hier drei oder eigentlich vier Tanzflächen gebe, da mache er immer seine Runden. Später verrät der Schreiner: „Ich bin gar kein Tänzer, ich würd’s machen, dafür müsst ich’s aber erst mal lernen.“ Er sei ein typischer Nachtschwärmer, noch solo, deswegen immer unterwegs. „Hier kannst um neun Uhr herkommen, da ist schon volles Haus. Ich geh dafür auch früh, vielleicht schon um zwölf.“ Markus freut sich, dass es den Sonnenhof gibt und dass der durchgehalten hat. Jetzt mit 2G fühle er sich sicher.

„Die Gäste sind froh, dass man endlich ins normale Leben zurückkehren kann“

Dieses Sicherheitsgefühl will der Sonnenhof allen Gästen vermitteln. „Im Hotelbetrieb gelten andere Regeln als in den Discotheken. Im Hotel sind wir aktuell bei 3G und in unseren Tanzbars, Musikbars und Discotheken bei 2G, weshalb in den letztgenannten Bereichen behördlich keine Maskenpflicht mehr vorgeschrieben ist“, sagt Geschäftsführer Michael Ferber. Als das Tanzen nach dem Lockdown wieder möglich war, habe zunächst dort auch die 3-G-Regel gegolten. Aber die interne Statistik habe gezeigt, dass nur drei bis vier Prozent der Besucher mit PCR-Test kamen. Das heißt, fast alle Gäste waren bereits geimpft oder genesen. Deshalb habe man die 2-G-Regel eingeführt.

Mit der Anzahl der Besucher ist der 36-Jährige zufrieden. Von Februar 2020 bis Juni 2021 könne man die Zeit nicht werten. „Aber wenn wir jetzt aktuell vergleichen zu 2019, hat sich das im September und Oktober sehr positiv entwickelt. Die Besucherzahlen kommen wieder annähernd an die Zahlen von 2019 heran, noch nicht ganz, aber etwa bei 80 Prozent.“ An guten Samstagen kämen aktuell 900 bis 1000 Personen in den Clubbereich, davon sind rund 450 Hotelgäste. „Die überwiegende Rückmeldung ist sehr, sehr positiv und die Gäste sind froh, dass man endlich mal wieder ins normale Leben zurückkehren kann“, so Ferber.

In der Dorfdiele geht’s eng zu. Doch die Gäste haben dank 2-G-Regel keine Bedenken.

© Tobias Sellmaier

In der Dorfdiele geht’s eng zu. Doch die Gäste haben dank 2-G-Regel keine Bedenken.

Sonnenhof mit Hotel, Club- und Gastronomiebereich

Geschäftsführung Der Sonnenhof-Komplex in Kleinaspach beherbergt neben dem Hotel (seit 1966) auch den Club- und den Gastronomiebereich. Michael Ferber (36) ist seit 2013 Geschäftsführer, einer von vier.

Coronaregeln Während im Hotelbereich die 3-G-Regel gilt, mus man im Clubbereich geimpft oder genesen sein (2G). Ohne einen digitalen oder schriftlichen Nachweis gibt es keinen Zutritt. Dann dürfen die Gäste dort auch die Maske abnehmen. Kontrollen Vor jedem Clubraum beziehungsweise jeder Discothek steht Security-Personal und kontrolliert die Eingangsberechtigung. Zur Kontaktnachverfolgung wird ausschließlich die Luca-App verwendet.

Lüftung Nach dem Lockdown konnte der Sonnenhof im Juni wieder öffnen. Die Lüftungsanlage, die beim Bau des Gebäudekomplexes eingebaut worden ist, erfüllt laut Michael Ferber auch heute noch den geforderten Standard. Diese wurde vor der Wiedereröffnung im Juni vom Landratsamt durch Einsichtnahme in die Datenblätter kontrolliert. Die 2-G-Regel im Clubbereich gilt seit dem 29. September.

Clubs Zum Tanzen erwarten die Gäste die Clubs Hazienda und Almenrausch, die jeweils am Freitag- und Samstagabend sowie vor Feiertagen geöffnet sind, und die Dorfdiele, die zusätzlich mittwochs und donnerstags geöffnet hat. Zudem gibt’s die Räume Edelweiß, Tenne und Pink Flamingo.

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Erstellt:
15. November 2021, 06:00 Uhr

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