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Plauschen in der digitalen Kaffeeküche

Homeoffice mit Telefonkonferenzen und Videomeetings bestimmt derzeit den Arbeitsalltag in vielen Unternehmen. In etlichen Firmen im Raum Backnang haben die Verantwortlichen aber bereits vor der Coronakrise in entsprechende Technik investiert.

In etlichen Firmen werden die Meetings und Besprechungen mittlerweile per Videokonferenz durchgeführt. Foto: B. Romanowski

In etlichen Firmen werden die Meetings und Besprechungen mittlerweile per Videokonferenz durchgeführt. Foto: B. Romanowski

Von Bernhard Romanowski

BACKNANG/OPPENWEILER/SULZBACH AN DER MURR. Homeoffice, also das Arbeiten von zu Hause aus, ist derzeit in vielen Unternehmen ein Thema. So will man den coronabedingten Kontaktbeschränkungen Rechnung tragen und zugleich gewährleisten, dass der Firmenbetrieb dennoch weiterläuft. Wir haben uns bei einigen Firmen in der Umgebung umgehört, wie gut das funktioniert.

Bei der Firma CDA IT Systems in Backnang sind derzeit 80 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice, wie Bereichsleiter Matthias Hesser auf Nachfrage mitteilt. Das IT-Dienstleistungsunternehmen hat sich als Softwarehaus auf die Konzeption, die Entwicklung und den Support von Computerprogrammen in verschiedenen Branchen und Themen spezialisiert. Es brauchte auch für die Spezialisten eine gewisse Zeit, bis sie sich an die entsprechenden Tools, also die digitalen Werkzeuge gewöhnt hatten, die das Arbeiten von zu Hause ermöglichen. „Aber wir sind IT-ler, wir gewöhnen uns da schnell ein“, weiß Hesser zu berichten. Er gehört zu den Leuten, die die Begegnung mit den Kollegen im Arbeitsalltag schätzen. Hesser: „Sich zu sehen ist schon besser, als von der Ferne miteinander zu arbeiten. Persönlich ist einfach schöner“, so seine ganz eigene Einschätzung. Für Mitarbeiter, die eine längere Anfahrt zur Arbeitsstelle haben, sei Homeoffice schon eine Erleichterung. Aber viele Kollegen würden es sicher genießen, bald wieder in der Firma arbeiten zu können, so Hesser weiter. Ein Gesetz zum Recht auf Homeoffice, wie es Bundesarbeitsminister Hubertus Heil nun bis Herbst formulieren will (wir berichteten), hält Hesser für überflüssig: „Es braucht kein Gesetz dafür. Wenn es dem Unternehmen dient, kann es praktiziert werden, und das wird es ja auch schon.“

„Da läuft auch schon mal ein Kind durchs Bild.“

Beim Unternehmen L-Mobile in Sulzbach an der Murr sowie an vier weiteren Unternehmensstandorten in Bonn, Budapest, in der Schweiz und in Tunesien werden softwaregestützte und mobile Datenerfassungssysteme für Kunden aus den verschiedensten Geschäftsfeldern konzipiert und vermarktet. Homeoffice ist bei L-Mobile bereits seit fünf Jahren möglich. „Vor Corona eher sporadisch, aber professionell. Wir sind natürlich entsprechend ausgestattet“, erzählt Günter Löchner, der Gründer und Managing Director des Unternehmens. Derzeit sind demnach fast alle der 190 Mitarbeiter im Homeoffice, und zwar schon in der achten Woche. „Wir haben voll durchgearbeitet. Die Umstellung ging leichter als gedacht, weil wir vorbereitet waren“, so Löchner weiter. Er sei froh, bereits rechtzeitig in die notwendige Technologie investiert zu haben. Innerhalb eines Tages wurde auf Homeoffice umgestellt. Technisch sei das einfach gewesen. Organisatorisch sah das schon anders aus. Da waren viele Fragen zu klären. Etwa: Wie genau werden die Aufgaben delegiert? Wer kann was in welcher Zeit erledigen?

Bei L-Mobile praktiziert man Vertrauensarbeitszeit, wie Löchner berichtet. Es steht also die Erledigung vereinbarter Aufgaben im Vordergrund, nicht die zeitliche Präsenz der Mitarbeiter. Für Familien mit Kindern kann die freie Einteilung der Zeit gerade in der Coronakrise eine große Hilfe sein. „Da läuft auch schon mal ein Kind durchs Bild“, schildert Löchner den Ablauf einer Besprechung in Zeiten der Coronakrise. Denn Telefon- und Videokonferenzen seien bei L-Mobile zurzeit Standard für die Kommunikation unter Kollegen wie auch mit den Kunden. Einigen Mitarbeitern fehle indessen der soziale Kontakt, andere, die vielleicht Menschen aus der Coronarisikogruppe zu Hause haben, sei es derzeit eben lieber, keine nicht unbedingt notwendigen Kontakte zu haben. Wichtig sei, dass die Arbeit getan wird, so Löchners Bewertung als Arbeitgeber.

„Nach dieser Krise werden wir anders dastehen, wir werden anders arbeiten“, ist er überzeugt. In Teilen werde man sich auf alte Tugenden rückbesinnen, aber in vielen Bereichen werde diese Phase die Arbeitswelt in Teilen revolutionieren. „Wir haben aktuell neue Kunden mit großem Finanzvolumen online dazugewonnen“, so der Firmenchef. Er sei teilweise selber überrascht gewesen, wie viel effizienter es sich mittels der digitalen Vernetzung arbeiten lasse.

Zeitintensive, kostenträchtige und anstrengende Reisen der Techniker entfielen mehr und mehr, so Löchner. Bei der Entwicklung von Lösungen zur Servicetechniker-Organisation beispielsweise komme immer mehr die Augmented Reality (Erweiterte Realität) zum Tragen. Egal ob der Kunde in Toulouse oder New York sitze – man könne heutzutage im virtuellen Raum dirigieren und zeigen, an welchem Schaltschrank welche Maßnahme durchzuführen und wo welche Komponente einzusetzen ist – eine ganz neue Dimension von Remote Support, also von Wartung und Service aus der Ferne.

27 Mitarbeiter von L-Mobile seien allein mit Marketing und Akquise betraut. Löchner: „Was uns nun zugutekommt, da alle Messen gestrichen sind: Wir sind online sehr akquisestark.“ Derzeit arbeitet L-Mobile an einem Online-Messe-System. Hier soll, ähnlich wie bei Videokonferenzen, auch die nonverbale Kommunikation der Teilnehmer nicht zu kurz kommen. Es sei wichtig, dem Gegenüber ins Auge schauen zu können. Man wird auch eine Art digitalen Rucksack mit Dokumenten und anderen Dingen füllen können, während man sich auf der Veranstaltung im virtuellen Raum umsieht. Im Juli gibt es eine Generalprobe für die Messe. Das System soll später für die verschiedensten Bereiche nutzbar sein. „Dann wird es weniger traditionelle Messen geben“, kündigt Löchner selbstbewusst an. Arbeiten von zu Hause oder von unterwegs, auch Telearbeit genannt, ist im Unternehmen Murrelektronik in Oppenweiler nichts Neues. Dort ist man auf die dezentrale Automatisierungstechnik auf internationalem Parkett spezialisiert und hat im vergangenen Jahr, also coronaunabhängig, das Thema Mobile Working sogar in einer Betriebsvereinbarung festgeschrieben. Für alle Mitarbeiter, deren Aufgabenfeld es zulässt und das nicht an eine bestimmte Hardware oder besondere Geräte gebunden ist, soll es möglich sein, zu arbeiten, auch ohne in die Firma zu kommen.

„Das ist bei uns schon längst State of the Art.“

„Wir praktizieren das flexible und das alternierende Homeoffice“, erläutert Silke Krüger-Schubert als Leiterin der Unternehmenskommunikation der Firma Murrelektronik. Flexibel heißt, dass man mit der entsprechenden Technik ausgestattet etwa bei einer Geschäftsreise am Flughafen sitzend arbeiten kann. Alternierend bedeutet, dass manche Mitarbeiter immer zu festen Zeiten oder an bestimmten Tagen von zu Hause aus arbeiten. Krüger-Schubert: „Das ist bei uns schon längst State of the Art und funktioniert sehr gut.“ Krüger-Schubert weiß auch von einer neuen Generation von Vorgesetzten zu berichten, die nicht mehr gegen Homeoffice sei. Wobei es aber eben auch Mitarbeiter gebe, die das gar nicht wollen und ihren festen Arbeitsplatz in der Firma brauchen. Das sei verständlich, da der Bürokomplex von Murrelektronik einen hohen Arbeitskomfort mit Wohlfühlfaktor biete, wie Krüger-Schubert betont. Spannend werde es indessen zu sehen, was passiert, wenn die Coronakrise überwunden ist und die Frage im Raum steht, wie nun fortan weitergearbeitet wird. Auch mit Blick auf das Arbeiten von zu Hause aus bleibe man dem Firmenslogan von Murrelektronik treu: „Stay connected“ – zu Deutsch so viel wie „Bleib in Verbindung“ – lautet es und soll auch dem zwischenmenschlichen Faktor Rechnung tragen.

So gibt es für die Mitarbeiter eine virtuelle Home-Gruppe, in der man unter anderem Leitfäden und Tipps für die digitale Heimarbeit oder auch für körperliche Übungen erhält, die man daheim machen kann. Da wird zum Beispiel das Bügelbrett zum Fitnessgerät, wie Krüger-Schubert erzählt. Es gibt auch eine digitale Kaffeeküche, die zum Chatten, neudeutsch für Plaudern, in den Pausen genutzt wird. Auch der Bereich After Work wird digital bedient, wenn die Mitarbeiter sich nach Feierabend gemeinsam im Netz tummeln und austauschen wollen.

Die Spezialisten für industrielle Bildverarbeitung in der Firma Matrix Vision in Oppenweiler sind ebenfalls bestens für das mobile Arbeiten aufgestellt. „Wir haben in den letzten zwei Jahren viel in entsprechende Technik investiert und uns auch personell in einer neuen Teamordnung formiert“, berichtet Tobias Thullner als Mitglied der Unternehmensleitung.

Den technischen Status quo zu erreichen, sodass die Mitarbeiter sich theoretisch jederzeit ein Laptop schnappen, damit an den Meetings teilnehmen und sich in das digitale Firmensystem einklinken können, sei nicht so einfach gewesen. Dabei gibt es auch eine Menge Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen, für die man praktikable Lösungen finden muss. „Das war ein ziemlicher Aufwand. Und wir wussten ja nicht, was gesetzlich noch kommt, was von der Politik vorgeschrieben wird. Aber wir haben es innerhalb einer Woche geschafft“, erläutert Thullner weiter. Aktuell seien knapp 50 Prozent der Mitarbeiter im Homeoffice, im Firmensitz in Oppenweiler ist nur jeder zweite Arbeitsplatz besetzt, so Thullner. Dies werde aber kein dauerhafter Zustand sein, da nicht alle Mitarbeiter auf diese Form des Arbeitens eingestellt seien, was die Bedingungen zu Hause angeht. Auch arbeitsrechtlich seien noch einige Fragen nicht erschöpfend geklärt, etwa was das Platzangebot im Homeoffice und den Gesundheitsschutz betrifft. Thullner: „Es ist eine Sondersituation. Im Moment passt das. Wir können so sehr gut arbeiten, stoßen aber an Grenzen im Privaten.“

Sichtlich gut gelaunt grüßt Silke Krüger-Schubert von der Firma Murrelektronik aus dem Homeoffice. Foto: privat

Sichtlich gut gelaunt grüßt Silke Krüger-Schubert von der Firma Murrelektronik aus dem Homeoffice. Foto: privat

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Erstellt:
12. Mai 2020, 06:00 Uhr

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