Rückblick auf ein verrücktes Jahr

Der Allgemeinmediziner Jochen Nufer kümmert sich seit einem Jahr als Hausarzt auch um Coronapatienten. Der Sulzbacher Mediziner hat im vergangenen Jahr etwa 750 Coronatests vorgenommen. Ein Zehntel war positiv, gestorben ist aber keiner.

Jochen Nufer nimmt einen Covid-19-Abstrich bei einer Patientin vor. Inzwischen ist dies Routine in seiner Praxis. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Jochen Nufer nimmt einen Covid-19-Abstrich bei einer Patientin vor. Inzwischen ist dies Routine in seiner Praxis. Foto: J. Fiedler

Von Renate Schweizer

SULZBACH AN DER MURR. Es war für alle ein verrücktes Jahr, das „Coronajahr“, von dem es später vielleicht heißen wird, es sei „das erste“ Coronajahr gewesen. Verrückt für alle, ganz sicher verrückt für eine Hausarztpraxis und entschieden total verrückt für eine Coronaschwerpunktpraxis.

Jochen Nufer, Hausarzt in Sulzbach an der Murr, weiß ein Lied davon zu singen. Am 20. März 2020, das war der Freitag der ersten Lockdown-Woche, hatte er den ersten Coronapatienten in der Praxis – mit Erbrechen, Durchfall und Übelkeit. Man war da schon sensibilisiert für die Covid-Erkrankung – aber mit dieser Symptomatik?! Eher nicht. Nufer vermutete Darmentzündung und setzte Antibiotikatherapie an. Als es dem Patienten zu Beginn der nächsten Woche nicht besser ging, wies er ihn ins Krankenhaus ein. Und am Freitag danach bekam er einen Anruf von der Frau des Patienten: Er sei auf der Intensivstation an der Beatmungsmaschine und im künstlichen Koma, es sei wohl Corona. Das Krankenhaus selbst ließ nichts von sich hören. Nachverfolgung? So weit war man noch lange nicht. Nufer rief selbst beim Gesundheitsamt an, was er jetzt machen solle. „Ich hätte zum Superspreader werden können unter meinen Patienten – das wollte ich nun wirklich nicht.“

Statt Hilfsmitteln kam am Anfang der Pandemie eine Flut an Verordnungen.

Auf seine Anfrage hin wurde Quarantäne angeordnet. Zum Coronatest musste der Arzt nach Schorndorf fahren: Glücklicherweise negativ. Als er die Praxis wieder öffnen durfte, richtete er eine Infektsprechstunde ein, um seine chronisch kranken Patienten so gut wie möglich zu schützen – „vulnerabel“ nennt er sie, das heißt „verletzlich“, ein Begriff, den wir inzwischen alle kennen.„Wir wurden als Schutzwall gegen die Pandemie bezeichnet, standen aber nackt da.“ Der junge Arzt schüttelt den Kopf. „Erst gab’s keine Masken und schon gar keine Schutzanzüge, dann schickte die Kassenärztliche Vereinigung Masken, aber sie stellten sich als nicht genügend wirksam heraus. Was aber kam, und zwar mindestens wöchentlich, war eine Flut von Richtlinien, neuen Verordnungen und seitenweise neuen Abrechnungsziffern. Es wurde ein Bürokratiemonster erschaffen.“ Seinen Coronapatienten geht es gut, trotz alledem. 750 Tests hat er im vergangenen Jahr vorgenommen, genau zehn Prozent waren positiv, drei Patienten hat es so schlimm erwischt, dass sie im Krankenhaus auf der Intensivstation behandelt werden mussten. Einer wurde sogar nach Tübingen in die Uniklinik verlegt – aber gestorben ist keiner.

Mehr Sorgen machen dem Hausarzt eigentlich die anderen: „Alle Diabetiker sind schlechter eingestellt als vor Corona – zu wenig Bewegung, zu viel Essen, zu viel Angst. Herzpatienten mit Brustschmerz warten ab, denken, das wird schon – aber da wird gar nichts, da wird nur die Prognose ganz schlecht. Von der Pandemie auf seelischer Ebene ganz zu schweigen – die wird uns einholen.“ Was er – und vor allem die Helferinnen am Praxistresen – jetzt schon spüren, ist die allgemeine Dünnhäutigkeit. „Angst, Unruhe, Einsamkeit und Stress – das ist nicht gut für die Menschen.“ Seine Frau, Denise Nufer, ist als ausgebildete Mentaltrainerin genau darauf spezialisiert – aber das wiederum übernehmen die Kassen nicht. Und der Psychotherapeut nebenan? Darf nicht mehr Patienten behandeln, als er bereits hat.

Wie er selbst die Belastung bewältigt? „Mir hilft Sport“, lacht der junge Familienvater, „der BKZ-Sololauf im vergangenen Sommer kam für mich gerade recht. Raus in den Wald, Grün gucken, mich bewegen, außer Puste kommen – das tut mir gut.“ Sein Lächeln wird bitter: „Wir dürfen für viel Geld digitale Gesundheits-Apps verschreiben, aber keine analoge Krankengymnastik. Da stimmt doch was nicht.“

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Erstellt:
8. April 2021, 06:00 Uhr

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