Schutz für Patienten und Mitarbeiter

Mit einem symbolischen Baggerbiss hat der Landkreis gestern den Startschuss zum Bau einer Infektionsstation in Winnenden gegeben. Damit entsteht ein vom Hauptgebäude der Rems-Murr-Klinik abgetrennter Bereich für Coronaverdachtsfälle.

Symbolischer Baggerbiss für eine Infektionsstation beim Klinikum in Winnenden: Im Bagger sitzt Kliniken-Geschäftsführer Marc Nickel, daneben stehen (von links) Winnendens Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und Landrat Richard Sigel. Foto: B. Büttner

© Benjamin Büttner

Symbolischer Baggerbiss für eine Infektionsstation beim Klinikum in Winnenden: Im Bagger sitzt Kliniken-Geschäftsführer Marc Nickel, daneben stehen (von links) Winnendens Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und Landrat Richard Sigel. Foto: B. Büttner

Von Armin Fechter

WINNENDEN. Hintergrund des Projekts ist eine Beobachtung aus der ersten Welle der Pandemie. Da hatten nämlich, wie Kliniken-Geschäftsführer Marc Nickel erklärt, schwer kranke Patienten in Anbetracht der Coronagefahr Angst, überhaupt ins Krankenhaus zu gehen. Mit der Infektionsstation wird nun aber eine zusätzliche Schutzbarriere geschaffen, um das Infektionsrisiko auf ein Minimum zu reduzieren und den Patienten und gleichzeitig auch den Mitarbeitern größtmögliche Sicherheit zu geben.

Hinzu kam, dass der Landkreis im Frühjahr mit Provisorien agieren musste, um einer möglichen Überlastung der Kliniken zu begegnen. So wurde unter anderem eine Bettenreserve im Hotel Sonnenhof in Kleinaspach geschaffen. Auf Behelfslösungen will Landrat Richard Sigel aber nicht mehr angewiesen sein: „Wir wollen möglichst nachhaltig investieren und nicht wieder etwas Notdürftiges machen“, unterstreicht er. Die räumliche Trennung des regulären Klinikbetriebs vom Infektionsgeschehen sei, so Sigel weiter, der entscheidende Baustein der Coronastrategie im Kreis – und dieser sei angesichts steigender Infektionszahlen wichtiger denn je.

Der Landkreis sieht sich mit dem Projekt in einer Vorreiterrolle.

Bereits im Sommer habe man im Aufsichtsrat die Weichen gestellt und vom Sozialministerium grünes Licht bekommen. Nickel: „Wir haben eine Vorreiterrolle.“ Die neue Infektionsstation soll bis zu fünf Jahre in Betrieb bleiben und so die Klinikkapazitäten entlasten. Und wenn die Coronawelle abebbt, könnten dort auch andere Infektionen isoliert behandelt werden, gibt Nickel einen Ausblick auf mögliche künftige Nutzungen.

Aktuell befinden sich 44 Coronapatienten in stationärer Behandlung, neun davon werden beatmet. In den Kliniken wird aber mit einer weiteren Zunahme gerechnet. „Wir sind gut vorbereitet“, unterstreicht Angela Rothermel, Leitende Ärztin Notaufnahme in Schorndorf, angesichts der zweiten Coronawelle, die, wie sie sagt, nicht von ungefähr komme. Der Verlauf unterscheide sich aber vom Geschehen im Frühjahr: Anders als bei der ersten Welle kämen erst jetzt zunehmend Ältere in die Kliniken, während anfangs überwiegend Infizierte unter 60 Jahren zu behandeln waren.

Die Ausrüstung reicht, um sechs Coronamonate sicher zu bewältigen.

Materialknappheit sei – anders als im Frühjahr – jetzt kein Thema mehr, erklärt Torsten Ade, Chefarzt Interdisziplinäre Notaufnahme in Winnenden. Man habe genügend Schutzkleidung und auch Antigentests, um die Situation zu bewältigen. Jedenfalls, so Nickel ergänzend, reiche die Ausrüstung aus, um sechs Coronamonate sicher durchzustehen.

Dass die Zahl der Intensivpatienten in den Kliniken ansteige, sei nicht verwunderlich, sagt Ade im Blick auf die allgemeine Zunahme – und die betreffe inzwischen auch viel weitere Kreise in der Bevölkerung, als es bei der ersten Welle der Fall war. Ferner habe man auch nicht die gleiche Altersverteilung. Es sei aber, so Rothermel, nicht klar, in welcher Richtung sich das Geschehen entwickelt.

Reichen denn die Maßnahmen im Teil-Lockdown aus, um das Geschehen zu begrenzen? „Wir scheinen eine Stabilisierung auf hohem Niveau zu sehen“, beurteilt Ade die aktuelle Infektionslage in Deutschland. Bundesweit ist wohl der starke Anstieg der letzten Wochen gestoppt worden. Es sei aber schwierig, dies auf lokaler Ebene zu betrachten. So ist an Rems und Murr erneut eine starke Zunahme der Fallzahlen zu verzeichnen: 186 neue Infektionen sind hinzugekommen, die Zahl seit Beginn der Pandemie ist damit auf insgesamt 4867 Fälle gestiegen. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist – bei 758 neuen Fällen – von zuletzt 164 auf 178 gestiegen. 3849 Infizierte gelten als genesen, 911 befinden sich zurzeit in Quarantäne. Zudem sind zwei weitere Todesfälle zu beklagen. Die Gesamtzahl ist damit auf 107 gestiegen.

„Kontaktreduzierung ist der Dreh- und Angelpunkt“, stützt Ade die Beschränkungen, mit denen die Politik gegen die Pandemie angeht – diese Maßnahmen hätten eine innere Logik. Viele Übertragungen fänden, wie eine neuere Untersuchung in den Vereinigten Staaten gezeigt habe, in Gaststätten, Bars und Fitnessstudios statt. Ade resümiert: „Jeder Einzelne ist gefragt, dann brauchen wir keine härteren Maßnahmen.“

Strengere Einschränkungen würden ja nur helfen, sofern sie auch kontrolliert werden könnten, erklärt Landrat Sigel und verweist auf Vorschläge, die schon an ihn herangetragen wurden wie etwa eine Maskenpflicht in Treppenhäusern privater Gebäude. Man könne nicht alles zur Verpflichtung machen. „Wir müssen glaubwürdig bleiben“, mahnt Sigel.

Mit Blick auf sogenannte Querdenker fügt der Mediziner Ade an, es gebe wenig Gründe, warum man jemanden von der Maske befreien sollte: „Ich kann’s nicht nachvollziehen, wo die Logik des Querdenkens liegt.“

Zweigeschossiger Modulbau mit 72 Betten

Die standortübergreifende Infektionsstation entsteht neben dem Eingang zur Notaufnahme. Der zweistöckige Bau hat den Planungen zufolge nominell 72 Betten, bei Einzelisolation würden 36 Betten zur Verfügung stehen. Der Modulbau stelle eine flexible und kostengünstige Variante dar, erklärt Klinikenchef Marc Nickel. Die Fertigstellung ist für Mitte Januar geplant.

Die Kosten belaufen sich laut Landrat Richard Sigel auf rund sechs Millionen Euro. Das Gebäude allein kostet dabei, wie Geschäftsführer Nickel erläutert, einschließlich der Erschließung fünf Millionen Euro, hinzu kommen dann noch die Ausgaben für das Inventar.

Die direkte Nähe zur Interdisziplinären Notaufnahme beschleunigt nach Mitteilung der Rems-Murr-Kliniken den Aufnahmeprozess, hält die Wege zur Diagnostik kurz und erlaubt eine klare Trennung von den Normalstationen. Besonders die ärztlich-pflegerische Expertise werde in diesem Bereich gebündelt, und Prozessfehler, die zu Ausbruchsszenarien führen können, würden weitestgehend ausgeschlossen.

„Unsere oberste Priorität ist es, dass sich Patienten bei uns sicher und wohlfühlen“, betont Nickel. Gleichzeitig appelliert er an die Bevölkerung: „Gehen Sie bei Beschwerden und Notfällen daher grundsätzlich zum Arzt oder in die Klinik und nehmen Sie Ihre geplanten Behandlungen wahr.“

Während der ersten Welle der Coronapandemie mussten die Kliniken kurzfristig Behandlungen verschieben. In der Zwischenzeit wurden, wie Nickel versichert, umfangreiche Schutz- und Hygienemaßnahmen etabliert, um für die jetzige Situation bereits gut gerüstet zu sein.

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Erstellt:
12. November 2020, 06:00 Uhr

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