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Sehnsucht nach dem Beisammensein

Nach coronabedingter Abstinenz treffen sich Christen und Muslime im Raum Backnang jeweils wieder zum gemeinsamen Gebet

Seit Anfang der Woche dürfen die Religionsgemeinschaften wieder ihre Gottesdienste und Zusammenkünfte zum Gebet durchführen. Allerdings wird das nicht in der Art und Weise vonstatten gehen, wie es vor der Coronakrise der Fall war. Wir haben uns bei den Verantwortlichen umgehört, wann und wie ihre Gottesdienste stattfinden werden.

Mesner Antonio Vizziello markiert mögliche Sitzplätze in den Bankreihen der katholischen Kirche Christkönig in der Marienburger Straße in Backnang. Für Familien soll die Möglichkeit geschaffen werden, im Gottesdienst nebeneinander zu sitzen. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Mesner Antonio Vizziello markiert mögliche Sitzplätze in den Bankreihen der katholischen Kirche Christkönig in der Marienburger Straße in Backnang. Für Familien soll die Möglichkeit geschaffen werden, im Gottesdienst nebeneinander zu sitzen. Foto: A. Becher

Von Bernhard Romanowski

BACKNANG. In der evangelischen Matthäusgemeinde Backnang wird erst am Sonntag, 17. Mai, wieder ein Gottesdienst gefeiert. Das hat schlicht praktische Gründe. „Bei uns wird eine Induktionsschleife für die Tonanlage im Boden verlegt. Danach ist eine umfangreiche Grundreinigung nötig. Das dauert eben seine Zeit“, erklärt Pfarrer Tobias Weimer. Wobei er mit dem Begriff „Gottesdienst“ vorsichtig umgeht. „Theologisch ist es ein Gottesdienst, den wir feiern werden. Aber unter ganz anderen Bedingungen als sonst“, so Weimer weiter. Hierbei kommen die Vorgaben der Evangelischen Landeskirche zum Tragen. Es werden keine Bänke, sondern mittels Sitzkissen markierte Stühle für die Gottesdienstbesucher bereitstehen. So soll der notwendige Abstand eingehalten werden. Wobei die Organisatoren bemüht sind, die Möglichkeit für in einem gemeinsamen Haushalt lebende Personen zu schaffen, beieinander zu sitzen.

Der gemeinsame Gesang ist wegen der Infektionsgefahr untersagt. Zumal keine Maskenpflicht gilt, das Tragen einer solchen aber angeraten wird. Nun ist eine solistische Gesangseinlage angedacht, eventuell wird auch ein Flügel in der Kirche aufgestellt. Auch hierbei sind wieder die Abstandsregeln zu beachten, was die Sache mit Blick auf die baulichen Gegebenheiten der Kirche nicht ganz einfach mache. „Wir sind quasi dauernd mit dem Meterstab zugange“, nimmt Weimer es mit Humor. Zum Mitlesen der Liedtexte und Psalmverse ist nur ein selbst mitgebrachtes Gesangbuch gestattet. Dass es wie sonst üblich zum gemütlichen Beisammenstehen auf dem Vorplatz der Kirche kommen wird, hält Weimer für unwahrscheinlich. „Wir leben schon so lange in Coronazeiten, dass die Leute wissen, wie sie sich verantwortungsvoll zu verhalten haben.“

„Das gemeinsame Erleben ist den Menschen wichtig“

Die Festgottesdienste sind bis auf Weiteres ausgesetzt. Nur die Tauffeiern in der Kirche finden statt. Allerdings separat mit jeweils nur einem Täufling. „Bei der Taufhandlung darf der gebotene Abstand kurzzeitig unterschritten werden“, erläutert Weimer. „Bei Bedarf werden wir mehrere Taufgottesdienste hintereinander anbieten.“ Er war im Übrigen noch vor Kurzem mit dem Rad in seinem Gemeindegebiet unterwegs, auch um seinen Konfirmanden einen kleinen Gruß vorbeizubringen. Dabei sprachen ihn etliche Gemeindemitglieder an und fragten, wann es denn wieder Gottesdienste geben werde. „Man spürt sehr das Bedürfnis der Menschen, beisammen zu sein und Zeit miteinander zu verbringen. Das gemeinsame Erleben ist ihnen wichtig“, schildert Weimer.

Auch in den katholischen Kirchen finden wieder Gottesdienste statt: „Die Eucharistiefeiern finden in der Kirche Christkönig statt, die Gottesdienste in der Johanneskirche am Bahnhof“, erläutert Pfarrer Wolfgang Beck. Die Werktagsgottesdienste der Katholiken werden erst wieder nach Pfingsten stattfinden. Bis zu den Sommerferien werden auch keine Feste gefeiert und es werden sich keine Gruppen oder Kreise treffen. Diese Entscheidung, zu denen die Verantwortlichen nach gemeinsamer Besprechung gekommen sind, bedauert Pfarrer Beck persönlich doch arg. Er hätte sich gewünscht, frühestmöglich wieder ein breites Spektrum an Gottesdiensten anbieten zu können. Anders als viele seiner Kollegen sei er der Auffassung, dass man nun wieder zu einer Art Normalität zurückkehren solle. „Die Leute sehnen sich danach, wieder in die Kirche zu gehen, so ist mein Gefühl. Es gab bereits viele Anfragen dazu“, bekundet Beck seine Einschätzung, dass man sich nicht von Hysterie leiten lassen dürfe.

Auch die reduzierte Form, in der zurzeit die Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen stattfinden, behagt dem Pfarrer gar nicht. Man dürfe den hohen organisatorischen Aufwand für die Menschen nicht vergessen, wenn sie ihre ursprünglichen Pläne verwerfen und den aktuell gültigen Bestimmungen etwa zur Gästezahl im Zeichen von Corona entsprechen müssen. Eine Maskenpflicht wird es beim Besuch bei den katholischen Gottesdiensten indessen nicht geben. Das solle jeder selbst entscheiden. Man werde aber Desinfektionsmittel am Kircheneingang vorfinden und die Besucher sind angehalten, den Mindestabstand von zwei Metern zueinander einzuhalten. Familienangehörige sollen dennoch möglichst zusammensitzen können.

Auch beim Leitungskreis der Liebenzeller Gemeinschaft Backnang laufen die Überlegungen, wann und wie die Gottesdienste wieder stattfinden können. Das wird voraussichtlich nicht vor Sonntag, 17. Mai, der Fall sein, wie Pastor Arturo Pompe sagt. Zuerst muss das Konzept stehen, wie die Zwei-Meter-Abstandsregeln in dem Gebäude der Liebenzeller Gemeinschaft in der Annonaystraße umgesetzt werden können. Auch die Behälter für das Desinfektionsmittel am Eingang werden bis dahin platziert sein.

In der Moschee werden die Namen der Besucher notiert

Statt gemeinsamen Gesangs wird eine Vortragsgruppe die musikalische Umrahmung gestalten. Bei schönem Wetter könnte auch der Vorhof beschallt werden, sodass mehr Menschen am Gottesdienst teilhaben können. Es gab in jüngster Zeit bereits zwei Videogottesdienste, an denen viele Gläubige in ihrem Zuhause teilnahmen, nachdem Pompe ihnen den Ablauf der Gottesfeier zugeschickt hatte. Die Coronakrise sei besonders für die Kleingruppen wie den Gebetsstunden eine Belastung gewesen. „Die älteren Menschen kamen gar nicht mehr unter Leute“, so Pompes Beobachtung. Voraussichtlich werde der Besuch des Gottesdiensts auch am 17. Mai und darüber hinaus für die über 60-Jährigen nicht möglich sein. „Nicht bevor das Virus verschwunden ist oder ein Impfstoff gefunden wurde“, schätzt der Pastor: „Ich persönlich hätte gerne schon am kommenden Sonntag einen Gottesdienst gefeiert.“ Der Leidensdruck der Menschen, endlich wieder gemeinsam einen Gottesdienst zu feiern, sei deutlich spürbar.

„Wir haben vom Dachverband die Vorgabe erhalten, dass die Gebete erst ab 9. Mai wieder stattfinden sollen“, berichtet Mustafa Gül, der stellvertretende Vorsitzende der türkisch-islamischen Gemeinde in Backnang. Auch die coronabedingten Vorkehrungen dazu wurden festgelegt: Es herrscht dann Maskenpflicht, der Abstand von zwei Metern unter den Moscheebesuchern muss eingehalten werden, am Eingang steht Desinfektionsmittel bereit, alle müssen ihren eigenen Gebetsteppich mitbringen, und die Namen der Gebetsteilnehmer werden zur Nachverfolgung einer möglichen Infektionskette notiert, so Gül. Es werde auch nur das Mittags- und das Nachmittagsgebet stattfinden. Die Zusammenkünfte beispielsweise zum Freitags- oder zum Nachtgebet entfallen weiterhin. Die Toiletten und die Waschräume bleiben geschlossen. Es können also auch keine rituellen Waschungen durchgeführt werden. Die Cafeteria bleibt ebenfalls zu. Das Zusammenstehen in größeren Gruppen nach dem Gebet ist untersagt.

Die Muslime befinden sich derzeit in der einmonatigen Fastenzeit, dem Ramadan, dessen Ende alljährlich mit einem großen gemeinsamen Fastenbrechen gefeiert wird. Das Ramadan-Fest ist diesmal für dieses Jahr für den 23. Mai terminiert. Normalerweise würden die Menschen muslimischen Glaubens dann ihre Verwandten und Bekannten besuchen und zumeist in größeren Gruppen beisammen sind. „Das wird in diesem Jahr in der Intensität und dem Maße nicht der Fall sein“, erklärt Gül. Die Menschen würden sich absprechen, um allenfalls in kleinen Gruppen für kürzere Zeit beisammen zu sein. Gül: „Das Gesellschaftliche kommt eben zurzeit arg kurz.“

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Erstellt:
9. Mai 2020, 06:00 Uhr

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