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Seuchen mit dem Tod im Gefolge

Im Lauf der Geschichte haben viele Epidemien die Menschheit heimgesucht – Letzte Pest in Backnang im Jahr 1666

Seuchen haben die Menschheit seit jeher in Atem gehalten. Schon aus dem Altertum sind Massenerkrankungen unterschiedlichster Art aus einzelnen Regionen überliefert. Im Mittelalter traten dann mit der Pest Epidemien auf, die sich über ganz Europa ausbreiteten. Backnang war zuletzt im Jahr 1666 betroffen: 123 Tote waren zu beklagen.

Das Grauen massenhaften Sterbens: Seit dem Mittelalter war der Triumph des Todes ein wiederkehrendes Thema in der bildenden Kunst – hier ein Ausschnitt aus einem Gemälde von Jan Brueghel dem Älteren aus dem Jahr 1597. Das Original befindet sich im Universalmuseum Joanneum, Graz.

Das Grauen massenhaften Sterbens: Seit dem Mittelalter war der Triumph des Todes ein wiederkehrendes Thema in der bildenden Kunst – hier ein Ausschnitt aus einem Gemälde von Jan Brueghel dem Älteren aus dem Jahr 1597. Das Original befindet sich im Universalmuseum Joanneum, Graz.

Von Armin Fechter

BACKNANG. Im Lauf der Geschichte haben sich viele Krankheiten zu Epidemien ausgeweitet: Pocken, Tuberkulose, Cholera. Oder auch die Hongkong-Grippe von 1968. Große Mängel in der Hygiene, Unwissenheit über Zusammenhänge und Übertragungswege, die Überzeugung, dass es sich um eine göttliche Strafe handle, und die Machtlosigkeit der Mediziner, die den Krankheiten mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln nicht beikommen konnten: Das sind die immer wiederkehrenden Umstände, die den Seuchentod in historischen Zeiten permanent präsent sein ließen.

In der Antike hatten die Menschen noch das Glück, dass Massenerkrankungen meist auf ein umgrenztes Gebiet beschränkt waren. Denn die Siedlungsschwerpunkte lagen weit voneinander entfernt, häufig gab es weite unbesiedelte oder wenig erschlossene Landstriche dazwischen. Seuchen konnten sich deshalb kaum weiter verbreiten, es sei denn über Handelswege oder Kriegszüge. Trotzdem gab es einzelne größere Epidemien, so etwa die sogenannte Hethiterseuche, die im 14. Jahrhundert vor Christus im Reich der Hethiter in Kleinasien grassierte, und die Antoninische Pest, die im 2. Jahrhundert nach Christus fast im ganzen Römischen Reich wütete. Noch gravierender waren die Folgen der Justinianischen Pest, die im 6. Jahrhundert ausbrach und bis weit ins 8. Jahrhundert hinein immer wieder auftrat. Die Seuche, die als größte antike Epidemie zwischen Nordwesteuropa, dem Mittelmeerraum und Iran gilt, trug wesentlich zum Scheitern der imperialen Pläne des oströmischen Kaisers Justinian bei. Bei der Krankheit handelte es sich wohl um die Beulen- und Lungenpest.

Katastrophen beeinflussen den Gang der Geschichte

Immer wieder, so der Historiker Gerhard Fritz, ist zu beobachten, wie Epidemien und Naturkatastrophen den Gang der Geschichte beeinflussen. Der frühere Backnanger Stadtarchivar, der heute an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd lehrt, denkt dabei nicht nur an die Krise in Justinians Reich. Vielmehr erinnert er auch an andere Auffälligkeiten. So hatten Vulkanausbrüche in Island globale Auswirkungen aufs Klima mit Missernten und Massensterben – kurz vor dem Beginn der Französischen Revolution. Dass die Grafschaft Württemberg um 1350 die ersten großen Lagerbücher erstellen ließ, dürfte mit der vorausgegangenen Pest zusammenhängen: „Es wurde große Inventur gemacht.“ Die Epidemie wiederum hatte wohl mit einem Klimaumschwung zu tun, der nach einer Phase optimaler Bedingungen eintrat und die Bevölkerung schwächte.

Die Pest war die große Geißel des Mittelalters bis weit hinein in die frühe Neuzeit. Sie hat ungezählte Opfer gefordert. Allein zwischen 1347 und 1353 raffte der Schwarze Tod nach Schätzungen 25 Millionen Menschen dahin – ein Drittel der damaligen europäischen Bevölkerung. Auch in Backnang grassierte die Krankheit mehrmals, so während des Dreißigjährigen Kriegs. Im Jahr 1626 kam dabei etwa ein Drittel der Bevölkerung zu Tode.

Über das letzte Auftreten der Pest weiß man Genaueres, weil das Backnanger Totenbuch den Verlauf der Seuche von 1666 recht genau beschreibt. Da heißt es: „Solche grassierende Seuch namb in abgeloffenem Jahr den 9. Juni ongefähr ihren erbärmlichen Anfang und dauerdte biß auf die erste Adventswochen, in welcher annoch 2 an ... (der) Kranckheit, in der andern darauf erfolgten Adventswochen 1 Persohn, (danach) ... aber, Gott gedanckt, niemand mehr gestorben.“

Die Einwohnerzahlen in Backnang lagen einst viel niedriger als heute. 1665 belief sich die Zahl auf etwa 800. Das war die Ausgangssituation, als die Pest 1666 erneut ausbrach. Gerhard Fritz hat das Thema im Backnanger Jahrbuch 1993/94 behandelt. Demnach besteht kein Zweifel daran, dass 123 der insgesamt 173 Toten des Jahres der Seuche zum Opfer gefallen sind. Zwar habe man damals bereits die Quarantäne als Mittel, um die Pest einzudämmen, gekannt. Doch wandte man diese Isolierung der Erkrankten nicht konsequent an – meist um den Handel nicht zu sehr zu stören. In diesem Zusammenhang verblüfft, wie Fritz anfügt, dass die Pest in manchen Backnanger Nachbarorten offenbar gar nicht aufgetreten ist. Als Beispiele nennt er Sulzbach an der Murr, Murrhardt, Gaildorf und Schwäbisch Hall. Allerdings sei auch der Forschungsstand lückenhaft. Nur für einzelne Orte liegen genaue Daten vor. So hat sich in Winnenden 1666 die Zahl der Toten auf 103 etwa verdoppelt, ebenso in Weissach im Tal, wo 40 statt 20 bis 25 Tote verzeichnet sind.

Woher die Pest kam, wussten die Menschen damals nicht. Die medizinische Forschung war noch nicht so weit, der Übertragungsweg noch unbekannt. Wahlweise waren schlechte Winde, eine ungünstige Konstellation von Mars, Jupiter und Saturn oder verseuchtes Wasser für die unheimliche Krankheit verantwortlich. Als Brunnenvergifter beschuldigt und daraufhin in ganz Europa verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden die Juden. Heilmittel gegen die Pest gab es nicht, allgemein galten Krankheiten aber als Strafe Gottes. Manche Gläubige begannen daher damit, sich selbst zu geißeln, um für ihre Sünden zu büßen.

Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Rätsel um die Pest gelüftet: Ein Arzt entdeckte 1894 den Pesterreger. Heute weiß man, dass es sich bei der Pest um eine bakterielle Infektionskrankheit handelt, die im Mittelalter vor allem durch die allerorts gegenwärtigen Ratten und andere Nagetiere auf Flöhe, die als Zwischenträger fungierten, und schließlich auf Menschen übertragen wurde.

Die ärztliche Versorgung steckte im Mittelalter aber noch in den Kinderschuhen. Bei ansteckenden Krankheiten wurde geräuchert und abgesperrt, wie der verstorbene Backnanger Allgemeinarzt Karlmann Maier in seinem 1993 erschienenen Buch „Vom Aderlaß zum Laserstrahl“ berichtet. Neben der Pest gehörten demnach auch Syphilis und Aussatz – Lepra – zu den Krankheiten, die große Probleme bereiteten. Daher wurden eigene Häuser außerhalb der Städte gebaut, um Kranke dort von der gesunden Bevölkerung zu separieren. Auch in Backnang soll im 13. Jahrhundert an der Gabelung Aspacher/Schöntaler Straße ein Siechenhaus für Aussätzige und andere ansteckende Kranke gewesen sein, Pesthäuser habe es in der Erbstetter Straße gegeben. Ferner betrieb das Augustiner-Chorherrenstift ein Spital zur Aufnahme von Alten und Kranken. Daraus entwickelte sich später ein Armenhaus.

Erst im Jahr 1622 stellte man in Backnang erstmals einen studierten und examinierten Arzt an: Johann Ludwig Medinger. Aber schon 1627 wollte man den jungen Physikus wieder loshaben, weil die Stadt – so wurde die Kündigung begründet – kein Geld mehr hatte. Hintergrund war wohl ein Zerwürfnis mit dem Vogt, bei dem es um Dienstpflichten des Arztes in der Stadtverteidigung ging. Der Vogt wurde wenig später abberufen, und Medinger blieb in der Stadt.

Im 18. Jahrhundert wirkten sich dann Infektionskrankheiten bei Kindern besonders aus. Mehrmals traten Pocken- und Scharlachepidemien auf.

Nicht ganz klar ist, seit wann die Grippe die Menschheit heimsucht. Die heutzutage jährlich wiederkehrende, von einem Virus ausgelöste Gefahr soll erstmals um 400 vor Christus von dem griechischen Arzt Hippokrates beschrieben worden sein; ab dem 16. Jahrhundert häufen sich Berichte über das Auftreten von Grippeepidemien. Das schlimmste Auftreten zeigte sich am Ende des Ersten Weltkriegs mit der sogenannten Spanischen Grippe, die ihren Ursprung entgegen ihrem irreführenden Namen in der USA hatte und von 1918 bis 1920 rund 25 Millionen Todesopfer forderte – mehr als der Krieg selbst. Wie sich diese Seuche in Backnang auswirkte, wurde laut Gerhard Fritz bislang nicht untersucht.

Die Pest raffte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit allein in Europa Millionen Menschen dahin. Ein Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert lässt erahnen, welches Leid damit verbunden war.

Die Pest raffte im Mittelalter und in der frühen Neuzeit allein in Europa Millionen Menschen dahin. Ein Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert lässt erahnen, welches Leid damit verbunden war.

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Erstellt:
8. April 2020, 06:00 Uhr

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