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Sorge um Verwandte in der alten Heimat

Menschen mit italienischen oder spanischen Wurzeln halten in der Coronakrise über verschiedene Kanäle engen Kontakt zur Familie

Sie leben in Deutschland und sind zum Teil sogar hier geboren, aber ihre Wurzeln liegen in Italien oder Spanien. Wie gehen diese Menschen damit um, dass das Coronavirus ihrer alten Heimat beziehungsweise dem Land, in dem viele Verwandte leben, besonders harte Opfer abverlangt? Zum einen machen sie sich Sorgen und halten engen Kontakt zu den Familienmitgliedern. Zum anderen wollen sie den Leuten hierzulande vermitteln, welche Folgen die Pandemie im schlimmsten Fall haben kann.

Domenico Fazio (links) und Natale Mannara bekommen Italien derzeit auch nur auf den Bildern in ihrem Restaurant zu Gesicht. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Domenico Fazio (links) und Natale Mannara bekommen Italien derzeit auch nur auf den Bildern in ihrem Restaurant zu Gesicht. Foto: A. Becher

Von Steffen Grün

BACKNANG. Die Lage in Italien, die sich in den letzten Wochen tagtäglich weiter zuspitzte und die sich nur sehr langsam ein wenig zu entspannen scheint, empfinden Natale Mannara und Domenico Fazio als „schlimm“. Das Duo, das gemeinsam das Restaurant Santa Lucia in Backnang betreibt, verfolgt über die verschiedenen Nachrichtenkanäle, was von Südtirol bis Sizilien passiert, und sagt: „Wir machen uns Sorgen.“ Um die Entwicklung im Allgemeinen, denn Italien zählt weiterhin so viele Verstorbene wie kein anderes Land auf der Welt, sowie um die Freunde und Verwandten im Speziellen. Der Onkel, die Tante, der Cousin und einige Kumpel von Natale Mannara wohnen in Mandatoriccio in Kalabrien, wo der in Deutschland geborene 47-Jährige zwischen dem 3. und dem 16. Geburtstag auch einmal zu Hause war. Mit Abstand am meisten Angst hat er allerdings um seine in Umbrien lebende Schwester: „Sie hat Diabetes und gehört damit zu den Risikopatienten.“

Domenico Fazio, der in Mandatoriccio zur Welt kam, später nach einem langen Aufenthalt in Deutschland wieder dahin zurückkehrte und jetzt seit nunmehr fünf Jahren in Backnang arbeitet, denkt vor allem an seinen Vater im Heimatort. „Er ist 70 Jahre alt und damit ohnehin gefährdet“, erzählt der Koch. „Er lebt alleine, aber die Putzfrau schaut ab und zu nach ihm – natürlich mit Mundschutz und Sicherheitskleidern.“ In normalen Zeiten würde die nur 20 Kilometer weg wohnende Schwester immer mal wieder den Papa besuchen, aber wegen der weitgehenden Ausgangssperre „und um ihn nicht zu gefährden“, geht das derzeit nicht, so der 50-Jährige.

Kontakt mit Familienmitgliedern wird Tag für Tag gepflegt

Natale und Anke Mannara hatten darüber nachgedacht, mit ihrem dann etwa ein halbes Jahr alten Sohnemann Davide im Sommer die Verwandtschaft im Südwesten Italiens zu besuchen. „Aus zwei Gründen wird das nichts“, erklärt der Gastwirt. „Zum einen, weil wir nichts riskieren wollen, und zum anderen, weil das Restaurant im Sommer offen bleibt, um das durch die derzeitige Schließung verlorene Geld wieder reinzuholen.“ Er trage Verantwortung für seine Mitarbeiter, für die er Kurzarbeit angemeldet hat, und wolle deshalb schnell wieder durchstarten, sobald es erlaubt ist.

Wann das sein wird, kann noch niemand sicher sagen. Für den Moment gilt das, worum Maria Rubino beinahe flehentlich bittet. Sie wünsche sich, dass sich alle Deutschen an die Vorgaben der Behörden halten, damit die Situation nicht so schlimm wie in ihrer alten Heimat wird. „Ich sehe und höre aus erster Hand, was in Italien passiert“, sagt die 28-Jährige, die seit fünfeinhalb Jahren in Deutschland lebt – erst in Allmersbach im Tal, seit zwei Jahren in Backnang-Steinbach. Sie verweist sowohl auf die Nachrichtensendungen, die sie jeden Abend verfolgt, als auch auf die Erzählungen ihrer Eltern, der zwei Schwestern sowie der Groß- und Schwiegereltern, die allesamt in Apulien wohnen und damit in der Region, die den Stiefelabsatz bildet: „Hätte das Land früher reagiert, wäre es vielleicht nicht so schlimm geworden.“

Sie habe täglich Kontakt mit den Familienmitgliedern im Süden Europas – sei es am Telefon, über Skype oder per WhatsApp-Anruf. Das ist ihr wichtig, denn „ich bin natürlich etwas beunruhigt und es ist in dieser Zeit umso schöner zu hören, dass es ihnen gut geht“. Bislang sei das erfreulicherweise der Fall, stellt die Verkäuferin der Metzgerei Rupp-Holzwarth erleichtert fest und hofft inständig, dass es so bleibt. Dasselbe gilt auch für die Tante sowie die Cousinen in Mailand, der besonders hart getroffenen Metropole in der norditalienischen Lombardei. „Sie sind schon seit 28. Februar zu Hause“, weiß Maria Rubino aus den häufigen Telefonaten auch mit diesem Zweig ihrer Verwandtschaft, wie lange die Ausgangssperre dort bereits andauert.

„Im Moment bin ich froh, dass ich hier in Backnang bin und mein Kind das nicht erleben muss“, sagt die Mutter des kleinen Nicolas, der in Deutschland zur Welt kam und am 21. März vier Jahre alt wurde. Zu diesem Geburtstag wollten eigentlich die Schwiegereltern ins Schwabenland reisen, doch das verhinderte die Coronakrise. So wird es wohl auch mit dem zweiwöchigen Urlaub in Italien über Pfingsten sein, den Maria Rubino mit ihrem Mann und dem Sohn geplant hatte. „Solange das Risiko so groß ist, bleiben wir hier“, betont sie klipp und klar, „erst wenn es wieder erlaubt ist“, stehe der Trip in die alte Heimat auf dem Plan. Bis dahin freut sie sich mit ihrer Familie über die kleinen Dinge. „Wir gehen viel spazieren.“ Natürlich mit der gebotenen Distanz zu den Mitmenschen, um eine Situation wie in Italien zu verhindern.

Lage in Spanien ist „gesundheitlich, aber auch wirtschaftlich dramatisch“

Auch in Spanien ist die Lage „dramatisch“, klagt Unai Aizpurua, „gesundheitlich, aber auch wirtschaftlich“. Der 32-jährige Baske, der schon seit 2011 in Deutschland lebt und bei einem Backnanger Unternehmen arbeitet, erinnert daran, dass es in seinem Heimatland nach den schweren Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise eben erst wieder so richtig bergauf gegangen sei und die Coronapandemie die Menschen nun umso heftiger treffe. „Deutschland hat das Geld, um viele Betriebe zu retten, in Spanien ist das anders“, benennt er einen Unterschied zwischen den beiden Ländern und fügt hinzu: „Auch das Sozialsystem ist nicht so gut.“ Allen Landsleuten, die in der Bundesrepublik leben, mache die Situation auf der Iberischen Halbinsel große Sorgen, noch viel wichtiger als die finanziellen Aspekte sind die gesundheitlichen. Unai Aizpurua bangt vor allem um seine 63-jährige, verwitwete Mutter in San Sebastian, denn „sie hatte vor zweieinhalb Jahren Brustkrebs und ist nicht so fit, damit gehört sie zur Risikogruppe“. Er telefoniert jeden Abend gegen 21 Uhr mit ihr, auch mit dem jüngeren Bruder tauscht er sich häufig aus. Die beiden anderen Geschwister wohnen in Hamburg, und wenn Unai Aizpurua der aktuellen Krise überhaupt etwas Positives abgewinnen kann, dann sind es die neuen Formen der Kontaktmöglichkeiten wie Skype, WhatsApp oder Facetime: „Das macht es leichter, die Ausgangssperren zu ertragen.“ Das wäre vor 30, 40 Jahren noch anders gewesen.

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Erstellt:
7. April 2020, 06:00 Uhr

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