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Spargelernte fällt weitgehend aus

Was der Coronavirus-bedingte Einreisestopp für Saisonarbeitskräfte für die Landwirtschaft und uns Verbraucher bedeutet

Der Spargel wartet auf wärmeres Wetter. Sobald das Thermometer steigt, schießt der Spargel aus dem Boden. Doch es werden viel zu wenig Erntehelfer auf den Feldern sein, die die weißen Stangen ernten können.

Die Reihen der Helfer bei der Spargelernte dürften in diesem Jahr lichter als in den Vorjahren sein. Wegen der Coronapandemie hat das Bundesinnenministerium die Grenzen für Saisonarbeitskräfte seit Mittwochabend geschlossen. Archivbild: B. Büttner

© Benjamin Büttner

Die Reihen der Helfer bei der Spargelernte dürften in diesem Jahr lichter als in den Vorjahren sein. Wegen der Coronapandemie hat das Bundesinnenministerium die Grenzen für Saisonarbeitskräfte seit Mittwochabend geschlossen. Archivbild: B. Büttner

Von Martin Winterling

WAIBLINGEN. Seit Mittwoch sind die Grenzen für Saisonarbeitskräfte in der Landwirtschaft definitiv dicht. „80 Prozent der Ernte wird wohl ausfallen“, schätzt Günther Matzka, der rund um Fellbach auf dem Schmidener Feld außer dem Spargel auch Erdbeeren, Tafeltrauben und Himbeeren anbaut. Ohne Saisonkräfte gerät auch die Beerenernte in Gefahr, ganz zu schweigen von den Landwirten, die beim Salat- und Gemüseanbau auf Helfer angewiesen sind. Früheren Angaben zufolge kommen Jahr für Jahr mehr als 2000 Saisonkräfte zumeist aus Osteuropa zur Ernte in den Rems-Murr-Kreis.

Am Mittwoch hatte Marianne Kilburger noch einen kleinen Funken Hoffnung, dass sie mithilfe ihrer Saisonarbeiter aus Rumänien im Frühjahr die Erdbeerernte einfahren kann. Am Nachmittag erklärte das Bundesinnenministerium mit Hinweis auf die Infektionsgefahren im grenzüberschreitenden Verkehr: „Saisonarbeitskräften und Erntehelfern wird die Einreise nach Deutschland im Rahmen der bestehenden Grenzkontrollen ab heute, 25. März, 17 Uhr, nicht mehr gestattet.“

Für Klaus Bauerle kam diese Nachricht einer Katastrophe gleich. „Ich muss einen Teil meines Betriebs stilllegen.“ Bei den „Früchtle vom Schmidener Feld“ steht alles bereit, dieser Tage mit der Spargelernte richtig loszulegen. Zu den fast 50 Erntehelfern, die bereits vor Ort sind, fehlen ihm jedoch noch weitere 70 Fachkräfte, um die gesamte Ernte in den nächsten Wochen einzubringen. Denn Spargelstechen kann nicht jeder. Für diese Arbeit sind viel Erfahrung und Durchhaltevermögen notwendig.

Klaus Bauerle freut sich zwar über die Solidarität der Leute, die ihm ihre Hilfe bei der Ernte anbieten. Ein Aufruf sei auf eine große Resonanz gestoßen. Doch es hapert bei der Umsetzung.

„Wir leiten die Leute an“, sagt Bauerle. Und im Satz schwingt bedauernd ein großes Aber mit. „Es klappt jedoch nicht.“ Die Erwartungen der potenziellen Helfer entsprächen oftmals nicht der harten Realität. Zum Teil ginge den Helfern schon nach zwei, drei Stunden auf dem Feld die Luft aus. Andere könnten sich Spargelstechen für ein paar Tage vorstellen. Für die Spargelernte benötige er jedoch 120 Helfer, die wochenlang hart anpacken und etwas vom Geschäft verstehen. Die Spargelernte auf dem Schmidener Feld beginnt – aber nur in einem eingeschränkten Umfang.

Die Arbeitsverträge waren mit einem Schlag das Papier nicht mehr wert, auf dem sie gestanden hatten

Heftig kritisiert Bauerle das Hin und Her vor dem Einreisestopp. Noch Anfang der Woche sei den Landwirten großspurig Hilfe versprochen worden. Die Landwirtschaft sei „systemrelevant“, hieß es von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Sie habe „wichtige Erleichterungen für die Land- und Ernährungswirtschaft“ erreicht, lobt sie sich noch am Donnerstag auf der Internetseite ihres Ministeriums. Am Mittwochnachmittag schloss ihr Kollege Horst Seehofer (CSU) die Grenzen. Die Flugtickets und Arbeitsverträge, die Bauerle ganz schnell an seine langjährigen Helfer in Rumänien und Polen verschickte, waren mit einem Schlag das Papier nicht mehr wert, auf dem sie gestanden hatten. Noch eins rege ihn „granatenmäßig“ auf. Während deutsche Urlauber auf Staatskosten nach Hause geflogen würden, seien die Flüge der Erntehelfer gestoppt worden. Die Folge: „Unsere Nahrungsmittel gehen kaputt!“ Offenbar sei die Ernährungsversorgung der Bevölkerung weniger systemrelevant als die Heimkehr von Urlaubern.

„Der Einreisestopp von Saisonarbeitskräften trifft unsere Familienbetriebe sehr hart und könnte die regionale Lebensmittelproduktion im Bereich Sonderkulturen gefährden“, erklärte Joachim Rukwied, Präsident des Landesbauernverbands (LBV). Der Einreisestopp müsse so kurz wie möglich gehalten werden. Die Betriebe seien bereit, jegliche Maßnahmen zum Infektionsschutz umzusetzen. Nach der Spargel- folgt die Erdbeerernte, bei der die Obstbaubetriebe dringend helfende Hände benötigen. „Was Frischgemüse wie Salat und weitere Gemüsesorten anbelangt, stellt sich die Frage: Schaffen wir es, die Jungpflanzen in den Boden zu bringen?“ Werde das Problem mit den Saisonarbeitern nicht schnell gelöst, könne es im Sommer mit der regionalen Verfügbarkeit schwierig werden. Der Landwirtschaft fehlen durch die Coronakrise bis zu 300000 Saisonarbeitskräfte. Am Montag startete eine bundesweite Jobbörse www.daslandhilft.de, die den Mangel an Erntehelfern abmildern soll. Die Resonanz potenzieller Saisonhelfer ist groß, zeigt ein Blick ins Portal. Weit mehr als 200 Bürger im Rems-Murr-Kreis haben bereits ihr Interesse angezeigt, auf dem Feld, in den Betrieben oder im Verkauf mitzuhelfen. Sei es Vollzeit oder bloß für ein paar Stunden in der Woche – oder zum Vergnügen, wie eine Interessentin schrieb: „Ich übernehme sehr gerne Feldarbeit, wie zum Beispiel Hilfe bei der Spargelernte oder auch Sortieren und Verpacken von Lebensmitteln! Ich würde das auch ohne Arbeitsvertrag/freiwillig machen und freue mich anstatt über Geld auch über eine Portion frisches Gemüse vom Anbau!“

Viele landwirtschaftliche Betriebe sind Familienbetriebe, die auf Saisonkräfte angewiesen sind

Seitens der landwirtschaftlichen Betriebe ist die Jobbörse eher ein Flop. Es fanden sich am Donnerstagmittag lediglich drei Betriebe, die Helfer suchten – und von denen bei einem zudem eine falsche Telefonnummer hinterlegt war.

„Unsere Bauern produzieren hochwertige Lebensmittel. Viele landwirtschaftliche Betriebe sind Familienbetriebe, die auf Saisonkräfte angewiesen sind. Ohne helfende Hände sind viele Existenzen bedroht. Wir stehen kurz vor der Spargelernte und die Beerenfelder sind auch demnächst erntebereit. Ich freue mich über all die pragmatischen und kreativen Ideen, die jetzt gerade entstehen“, erklärte der grüne Landtagsabgeordnete Willi Halder zur Jobbörse. Nach aktuellem Kenntnisstand bergen Erntetätigkeiten auf dem Feld kein erhöhtes Ansteckungsrisiko. „Regelungen, wie Abstand zu halten, lassen sich bei der Ernte auf dem Feld umsetzen“, meint Halder.

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Erstellt:
28. März 2020, 16:00 Uhr

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