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Trotz Corona: Ausbilden für die Zukunft

835 junge Menschen suchen im Rems-Murr-Kreis noch eine Ausbildungsstelle. Durch Corona gab es für Unternehmen und Bewerber kaum Möglichkeiten zum Kennenlernen. Doch es gibt noch einige offene Stellen, zeitlich verschiebt sich viel nach hinten.

Sven Hansen (Mitte) ist in einem höheren Lehrjahr bei Holz Automation und erklärt eine Prüfungsarbeit den neuen Auszubildenden: Leon Deininger, Cedric Schuller, Leonard Franzen und Youcef Seridi. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Sven Hansen (Mitte) ist in einem höheren Lehrjahr bei Holz Automation und erklärt eine Prüfungsarbeit den neuen Auszubildenden: Leon Deininger, Cedric Schuller, Leonard Franzen und Youcef Seridi. Foto: A. Becher

Von Kristin Doberer

BACKNANG. „Corona hat auch das Ausbildungsjahr völlig durcheinandergewirbelt“, sagt David Fais von der Industrie- und Handelskammer Stuttgart. Die IHK verzeichnet zum Anfang September ein Minus von 23 Prozent bei den neu eingetragenen Ausbildungen im Vergleich zum Vorjahr. Die Zahl der Ausbildungsverträge ist damit aktuell auf dem niedrigsten Stand seit über 20 Jahren. Verzeichnete die IHK im Jahr 2019 im Kreis noch 1372 Ausbildungsbeginne, so waren es in diesem Jahr zum jetzigen Stand nur 1057. Grund ist die Coronapandemie, einige Unternehmen müssen wegen der geringeren Auftragslage zurückfahren.

Etwa ein Viertel der von der IHK befragten Unternehmen im Rems-Murr-Kreis möchte die Zahl seiner Ausbildungsplätze im Vergleich zum Vorjahr reduzieren. Zehn Prozent bilden in diesem Jahr gar nicht aus. „Vielen Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals, sie haben gerade ganz andere Sorgen“, sagt David Fais von der IHK Stuttgart. Man müsse aber bedenken, dass diese Zahlen nicht ausschließlich Folgen der Coronapandemie sind. So habe es auch in den Vorjahren immer wieder kleine Unternehmen gegeben, die nicht jedes Jahr einen neuen Azubi unter Vertrag nehmen wollen. Vereinzelt gebe es sogar Unternehmen, die die Zahl ihrer Azubis in diesem Jahr erhöhen wollen, weil es für sie trotz oder sogar wegen Corona ganz gut läuft.

Doch das Minus der Ausbildungsverträge liegt nicht nur an Unternehmen, die zurückfahren, sondern auch an fehlenden Kennenlernmöglichkeiten für Unternehmen und Schulabgänger. Ein Problem, das definitiv durch Corona verursacht wurde. Denn es gab keine Ausbildungsmessen, keine Schulbesuche, keine Praktika – der Kontakt von Unternehmen und Schulabgängern habe schon seit Beginn des Jahres kaum stattfinden können, das habe dazu geführt, dass es noch immer sehr viele unbesetzte Ausbildungsstellen gibt.

Schulabgänger sind verunsichert und halten sich zurück.

Außerdem seien viele Schulabgänger verunsichert, vermutet Edith Marbach von der Agentur für Arbeit in Waiblingen. „Da wir seit März nicht mehr in den Schulen vor Ort sein konnten, ist zu befürchten, dass es Jugendliche gibt, die keinen Plan haben“, sagt Marbach. Viele Schüler haben sich durch den komplett veränderten Schulalltag bei der Bemühung um eine Ausbildung zurückgehalten. Der Kontakt der Berufsberater sei lange nur telefonisch erfolgt, wie viele sie damit tatsächlich erreichen konnten, sei unklar. „Wir bemerken sehr stark, dass die Jugendlichen sich noch weniger als in den Jahren zuvor zutrauen“, sagt Marbach. „Es bedeutet auch, dass die jungen Menschen keine Bewerbung verschicken, weil sie denken, es gibt keine Ausbildungsstellen.“ Tatsächlich seien die Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden, noch sehr gut. Im Rems-Murr-Kreis sind Ende August noch 779 Stellen unbesetzt, demgegenüber stehen 835 Bewerber ohne Ausbildungsplatz. „Wenn es nicht im Rems-Murr-Kreis klappt, dann aber in der angrenzenden Region“, sagt Marbach.

Die Backnanger Firma Tasco konnte bisher noch keinen Auszubildenden für sich gewinnen, dabei würden sie vier bis fünf Azubis nehmen. „Auch wir hatten einen Einbruch, aber mittlerweile sind wir wieder auf dem Vorjahresniveau. Deshalb bieten wir wie in den Vorjahren mehrere Ausbildungsplätze an“, sagt Geschäftsführer Arno Dolzer. Zum 1. September konnte bisher aber noch nicht ein Ausbildungsvertrag abgeschlossen werden. Zum Teil liege das an der fehlenden Qualifikation der Bewerber, doch auch das Unternehmen gibt zu: „Wir haben sehr spät inseriert.“ Bereits im Frühjahr hatte es einige Plätze ausgeschrieben und auch einige interessante Bewerber. Doch dann kam der Lockdown und die allgemeine Kaufzurückhaltung verunsicherte auch Dolzers Unternehmen. „Wir waren zunächst etwas vorsichtig und haben die Stellenausschreibungen zurückgezogen“, sagt der Geschäftsführer. Die Lage habe sich normalisiert, jetzt hofft er auf späte Bewerber. „Gibt es keine neuen Azubis, ist das kein Weltuntergang für uns, aber ein Einschlag ist es schon.“ Er würde darüber nachdenken, im kommenden Ausbildungsjahr mehr Stellen anzubieten. Auch bei einer zweiten Coronawelle hat er mittlerweile keine Bedenken mehr, sein Geschäft werde es dann weniger betreffen, da die Kauflust der Leute wieder zurück sei und das Unternehmen vor allem im Online-Verkauf und E-Commerce tätig ist. Er hofft, dass sich in den kommenden Wochen noch passende Bewerber melden. Er würde Azubis auch ganz flexibel einstellen.

Dass er noch einen passenden Schulabgänger findet, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Denn die aktuellen Zahlen zeigen noch kein abschließendes Bild, so Fais von der IHK. Er ist sich sicher, dass viele Ausbildungsverträge erst noch geschlossen werden: „Der ganze Prozess verschiebt sich in diesem Jahr um Wochen, um Monate nach hinten. An sich gibt es keine Deadline, bis zu der eine Ausbildung anfangen muss.“ Natürlich mache es mit Blick auf die Berufsschulen ab einem gewissen Zeitpunkt weniger Sinn, doch bis zum Ende des Jahres rechnet er mit einem großen Schwung neu geschlossener Ausbildungsverträge. Auch in den vergangenen Jahren wurden zwischen September und Dezember noch etwa 300 Ausbildungsverträge im Rems-Murr-Kreis geschlossen, das sind etwa ein Fünftel aller neuen Ausbildungen. „Dieses Jahr wird der Effekt sogar noch größer sein“, meint Fais. Bis ein Stand wie im Vorjahr erreicht wird, werde es allerdings noch einige Jahre dauern. Das liegt aber vor allem daran, dass das Jahr 2019 bei den Ausbildungsplätzen ein Rekordjahr war. „Das nun mit dem Coronajahr verglichen, das sieht erst mal schlimm aus. Aber Corona beseitigt nicht das Problem des Fachkräftemangels“, sagt Fais. Die Unternehmen wüssten genau, dass sie qualifizierte Fachkräfte besonders durch die Ausbildung im eigenen Betrieb erhalten. Sie könnten sich einen Vorteil schaffen, wenn sie jetzt weiter ausbilden und dann fertige Fachkräfte haben, sobald die Wirtschaft wieder Fahrt aufnimmt, so Fais.

Trotz wirtschaftlich kritischer Lage: Ausbilden ist eine Zukunftsstrategie.

„Wenn wir jetzt nicht ausbilden, haben wir in drei Jahren, wenn es eine ganz andere wirtschaftliche Lage gibt und vielleicht keiner mehr über Corona redet, eine Lücke“, sagt Andreas Holz von der Backnanger Firma Holz Automation. Die Frage, ob weiter ausgebildet werden soll, habe man hier nur sehr kurz diskutiert. „Wir haben als Unternehmen ja auch eine gewisse gesellschaftliche Verantwortung.“ Man müsse zum einen den Jugendlichen weiterhin die Möglichkeit zu einer guten Ausbildung bieten, zum anderen aber auch für neue Fachkräfte sorgen. „Auch wenn die Lage jetzt kritisch ist, ist Ausbilden eine Zukunftsstrategie.“

In dem Unternehmen haben am 1. September vier neue Azubis angefangen. Zwei Verträge wurden bereits 2019 unterzeichnet. Dennoch beeinflusst Corona das Ausbildungsjahr auch hier. „Die Ausbildungsmessen, auf denen wir eigentlich immer waren, fallen komplett weg. Und wir hatten sonst auch immer viele Praktikanten, Technikerarbeiten und Studenten hier“, so Holz. Technikerarbeiten mussten sie ablehnen, für Praktika neue Auflagen umsetzen. Ab dem Herbst und im Frühjahr sollen zumindest die Praktikumspartnerschaften mit der Max-Eyth-Realschule und dem Weissacher Bildungszentrum wieder anlaufen. „Dafür gibt es höhere Hygieneauflagen, das macht es etwas schwieriger“, so Holz. Trotzdem seien die Praktika sehr wichtig, denn man habe die Erfahrung gemacht, dass sich Praktikanten später bewerben und oft ihren Freunden von guten Erfahrungen im Unternehmen erzählen. Dadurch sei die Zahl der Bewerber sehr viel größer geworden, die Qualität sei besser. Auch habe man die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen.

Auch die Agentur für Arbeit betont, dass es sich für Unternehmen weiterhin lohnt auszubilden. Nicht nur wegen zukünftiger Fachkräfte, sondern auch, weil der Bund mit dem Programm „Ausbildungsplätze sichern“ unterstützt. Gefördert werden kleine und mittlere Unternehmen, die die Zahl ihrer Ausbildungsplätze trotz Corona erhöhen oder beibehalten. Trotzdem werde befürchtet, dass sich im nächsten Jahr eine Bugwelle ergibt. Marbach vergleicht die Situation, die es eventuell im nächsten Ausbildungsjahr geben wird, mit dem doppelten Abiturjahrgang 2012. „Auch jetzt kann es sein, dass es mehr Bewerber im nächsten Jahr geben wird. Alternativangebote wie ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Bundesfreiwilligendienst sind vorhanden und werden dann auch sicher genutzt werden.“

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Erstellt:
7. September 2020, 06:00 Uhr

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