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Umgang mit den Gefühlen Angst und Sorge

Das Interview: Traumatherapie-Expertin Angelika Gmehling aus Backnang spricht über Wege, die in einer Krisensituation hilfreich sind

Die Coronapandemie führt bei vielen von uns zu Ängsten. Einen Angehörigen zu verlieren, selbst zu sterben oder ganz einfach auch, nicht zu wissen, wie wir diese Krise wirtschaftlich oder auch allein zu Hause, ohne das gewohnte Maß an sozialen Kontakten, überstehen können. Doch jeder geht anders damit um. Wir sprachen mit Angelika Gmehling (Psychotherapeutische Medizin) aus Backnang über dieses Themenfeld.

Das Leben vieler hat sich wegen Corona grundlegend geändert, was zu persönlichen Krisen führen kann. Doch es gibt einige „Rezepte“, wie man mit den derzeitigen Herausforderungen besser umgehen kann. Symbolfoto: BilderBox/E. Wodicka

© Erwin Wodicka - BilderBox.com

Das Leben vieler hat sich wegen Corona grundlegend geändert, was zu persönlichen Krisen führen kann. Doch es gibt einige „Rezepte“, wie man mit den derzeitigen Herausforderungen besser umgehen kann. Symbolfoto: BilderBox/E. Wodicka

Von Ingrid Knack

Die einen verdrängen ihre Ängste lieber, andere verfallen in digitalen Aktionismus, wiederum andere frisst die Angst fast auf. Was ist besser: Flucht oder Konfrontation?

Verdrängen und ablenken kann kurzfristig erleichtern, hilft aber nicht wirklich – die Ängste und Sorgen sind ja noch da und haben Auswirkungen auf das körperliche Befinden und auf die Stimmung. Nicht konstruktiv ist auch das ständige gedankliche Kreisen um Sorgen und Ängste. Konfrontation kann, vor allem in einem therapeutischen Prozess, durchaus hilfreich sein und ist zurzeit die am häufigsten angewandte und effektivste therapeutische Methode. Ein hilfreicher Ansatz, der auch ohne therapeutische Hilfe gut gelingen kann, ist, das Gehirn aus dem negativen Denken herauszuholen und es direkt positiv zu konditionieren, indem man sich Situationen vorstellt, die richtig Freude machen und guttun – und das jeden Tag und mit allen Sinnen.

Die Krise rückt unsere eigene Sterblichkeit wieder stärker in unser Bewusstsein. Der eine oder andere mag sich vielleicht als unverwüstlich erlebt oder auf die Planbarkeit des Lebens gesetzt haben. Nun bekamen diese Gefühle starke Risse. Wie rückt man sich da wieder auf das richtige Maß zurecht?

Wir alle leben letztlich auf unseren Tod zu – und diese Tatsache wird in unserem gesellschaftlichen Umfeld weitgehend verdrängt. Es ist schon fast 20 Jahre her, dass ich das Buch von Anselm Grün „Wenn ich nur noch einen Tag zu leben hätte“ entdeckt und immer wieder gelesen habe. Der Gedanke, das Nachsinnen darüber: „Was ist wirklich wichtig in meinem Leben? Welche Spur möchte ich hinterlassen?“ kann das Leben kostbar machen und trotzdem helfen, dass man es nicht krampfhaft festhalten muss. Ganz bewusst im Augenblick zu leben, alles Schöne und Gute wahrzunehmen und dankbar zu sein dafür, kann so befreiend sein. Sehr hilfreich ist eine tragfähige Gottesbeziehung, die Vertrauen schenkt und in dem Bewusstsein lebt: „das Schönste kommt noch“.

Manche Menschen erzählen, dass es ihnen immer schlechter geht, wenn sie die Nachrichten geschaut und beispielsweise schreckliche Szenen aus Italien oder Amerika gesehen haben. Sollen wir lieber in Kauf nehmen, nicht alle Entwicklungen mitzubekommen, und besser nicht so viel fernsehen, damit es uns besser geht?

Alles, was wir aufnehmen, hinterlässt Spuren in unserem Gehirn – und Bilder wirken noch intensiver als Gelesenes oder Gehörtes. Die Hirnforschung hat sich mit diesen Themen intensiv beschäftigt – zum Beispiel Klaus Grawe oder Gerald Hüther. Die Ergebnisse regen zum Nachdenken an, zum Beispiel dass schon der kurze Anblick wütender oder ängstlicher Gesichter im Gehirn, genauer gesagt in der Amygdala, ein Bedrohungsgefühl auslöst, auch dann, wenn man diese Gesichter gar nicht bewusst wahrgenommen hat. Dieser Tatsache sollte man sich bewusst sein, wenn es um digitalen Medienkonsum geht. Zu viel Negatives schürt unnötig Ängste. Sinnvoll wäre, sich einmal pro Tag über den aktuellen Stand der Situation zu informieren und die verbleibende Tageszeit mit konstruktiven und wohltuenden Aktivitäten zu füllen.

Was kann man den Eltern sagen, die selbst in Sorge sind, ihre Ängste aber nicht auf ihre Kinder übertragen möchten?

Kinder spüren Ängste der Eltern, auch wenn sie nicht ausgesprochen werden – und das Unausgesprochene wirkt oft bedrohlicher. Am hilfreichsten wäre es, wenn Eltern offen zu ihren Ängsten und Sorgen stehen und den Kindern ihre eigenen hilfreichen Lösungsstrategien vorleben.

Kann es sein, dass eine jetzt aufkommende Angst gar nicht direkt mit dem Virus zusammenhängt, sondern mit Erlebnissen aus der Vergangenheit?

Erfahrungen, die ein Mensch im Lauf seines Lebens macht, hinterlassen immer Spuren im „emotionalen Gedächtnis“ – zum Beispiel das Erleben von körperlicher oder verbaler Gewalt, von hilflosem Ausgeliefertsein oder von wichtigen Bezugspersonen kaum wahrgenommen zu werden. Aber auch, wenn Eltern oder andere wichtige Bezugspersonen dem Leben mit einer ängstlichen Grundhaltung begegnen, entsteht über die sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn des Kindes ein erhöhtes Angstpotenzial. Wenn dann eine angstbesetzte Situation eintritt wie die Coronakrise, kann wegen des bereits erhöhten Stresspegels die betreffende Person buchstäblich von Angst überrollt werden.

Im Grunde wäre so ein Lockdown auch einmal eine Möglichkeit, in sich zu gehen. Ich habe aber manchmal den Eindruck, dass ich aus allen digitalen Kanälen bespaßt und unterhalten oder abgelenkt werden soll. Das heißt, die Konsumgesellschaft wird weiter befeuert, nur anders. Und viele haben den Drang, sich in Szene zu setzen oder womöglich die Situation sogar dafür zu nutzen, eine noch größere Aufmerksamkeit zu bekommen als zuvor. Tut uns Menschen das gut?

Sie haben absolut recht. In der jetzigen Situation könnte durchaus die Chance liegen, sich auf die wirklich wichtigen und tragenden Dinge in unserem Leben zu besinnen. Das könnte mehr Ruhe und letztlich auch mehr Freude in das Leben bringen.

Zu beobachten ist derzeit auch schön, dass es viele Menschen gibt, die helfen und denen es dadurch besser geht. Eine andere Kategorie Mensch scheint vor allem Egoismus zu leben, was nicht zuletzt an den Hamsterkäufen ablesbar war. Der wahre Charakter eines Menschen scheint manchmal erst in der Krise ans Tageslicht zu kommen. Oder steckt da etwas ganz anderes dahinter?

Ich denke, dass wir alle, verschieden stark ausgeprägt, beide Seiten in uns haben – weil wir Menschen sind. Und gerade deshalb finde ich es so schön, dass in Krisenzeiten bei manchen, und das sind ja nicht wenige, eine ganz erstaunliche Hilfsbereitschaft aufblüht. Und die Hilfsbereiten fühlen sich mit Sicherheit viel wohler in ihrer Haut als diejenigen, die ihren Egoismus ausleben und das Haus voller Klopapier haben.

Auch häusliche Gewalt ist derzeit ein Thema. Wie kann jemand, der diese Gefahr in sich oder anderen im engen familiären Kreis heraufziehen sieht, gegensteuern?

Schwere häusliche Gewalt ist ein Thema, das sich nicht mit ein paar Empfehlungen lösen lässt. Grundsätzlich sollte sie nicht verheimlicht werden und es ist wirklich „not“wendig, entsprechende Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen.

Zum Beispiel?

Als ersten möglichen Schritt eine telefonische Beratung durch ein Gewaltschutz- oder Kinderschutzzentrum. Zugangsdaten sind auf der Internetseite der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung (DAJEB) zu finden oder auf der Seite der Caritas. Wenn jedoch ganz „normale“ Eltern, die ihren Kindern und Partnern primär wohlwollend gegenüberstehen, sich aber aufgrund der derzeitigen Situation überfordert fühlen und in der Gefahr stehen, ihre Wut gewaltsam auszuagieren, gibt es ein paar Strategien, die den häuslichen Stresspegel senken können.

Wie sehen die konkret aus?

Eine möglichst klare Struktur in den Tag bringen, ein fester Schlaf-Wach-Rhythmus, feste Essenszeiten, wer übernimmt welche Aufgaben? Dann: den Nachrichtenkonsum bewusst begrenzen. Zu viel Negatives schürt unnötig Ängste und erhöht die Spannung. Und: Stress abbauen durch aktives Entspannen und Bewegung beziehungsweise sportliche Aktivitäten. Jeden Tag etwas planen und tun, was einem selbst guttut. Anderen ganz bewusst etwas Gutes tun oder etwas Liebevolles, Wertschätzendes sagen. Anstatt zu grübeln, Achtsamkeitsübungen machen oder wohltuende Imaginationen. Hilfreiche Anregungen sind beispielsweise in dem Buch von Luise Reddemann „Imagination als heilsame Kraft“ zu finden.

Ein nicht kleines Thema sind auch die Süchte, die in einer Extremsituation mitunter sogar noch stärker ausgelebt werden. Wie können sie das Gefährdete verhindern, oder wie kommen sie da wieder heraus?

Bei Suchtgefährdung ist die einzig wirklich hilfreiche Maßnahme der eindeutige Wille des/der Gefährdeten, abstinent zu leben, kein Suchtmittel in erreichbarer Nähe zu haben und, wenn nötig, an einer Selbsthilfegruppe teilzunehmen.

Es heißt ja, mit Humor geht alles besser. Oder auch mit Sport. Haben Sie einen Tipp, wie jemand, der diese Zeit eher als generelle Anspannung erlebt, vielleicht auch durch Homeoffice und gleichzeitiges Homeschooling, sich nicht gelähmt fühlt, sondern eher locker damit umgehen kann?

Ein paar Tipps zur Spannungsreduktion haben wir ja schon besprochen. Grundsätzlich ist es einfach wichtig, den Fokus mehr auf Positives als auf Negatives zu richten. Wir neigen ja oft dazu – ich auch –, das Positive für selbstverständlich zu halten und uns über das Negative aufzuregen. Ich bin in Kontakt mit einem jungen Afrikaner, der in Uganda lebt, selbst als Kind sehr traumatisierende Erfahrungen erlebt hat und sich jetzt mit Herzblut für Kinder einsetzt, die in Not sind. Wie viele Menschen leiden da jetzt schon wirklich Hunger – und wie viel Freude gibt es über ein kleines Päckchen Erbsen. Dankbarkeit ist ein Miese-Laune-Killer – und jeden Tag versuchen, sich selbst und anderen etwas Gutes und Wohltuendes zu tun.

Was halten Sie von psychologischen Online-Trainings, die es jetzt vermehrt gibt?

Mittlerweile wurde eine Beratungshotline freigeschaltet, die umfangreiche und fachlich kompetente Hilfen anbietet. Ich kann sie empfehlen: psyhotline-corona-bw.de, Telefon 0800/3773776.

Glauben Sie, dass wir Menschen auch Positives aus der Krise mitnehmen, dass wir ganz persönlich langfristig etwas daraus lernen? Damit meine ich nicht, dass jetzt zum Beispiel Pharmaprodukte wieder in Europa produziert werden sollen.

Ich denke, in dieser schwierigen und wirklich herausfordernden Zeit kann tatsächlich eine Chance verborgen sein, dass uns bewusst wird, was wirklich wichtig und tragend in unserem Leben ist, womit wir unsere kostbare Lebenszeit ausfüllen möchten, wie wir mit der Natur umgehen, welche Ausstrahlung wir anderen Menschen gegenüber haben, welche Spuren wir hinterlassen. All das könnte unser Leben sehr bereichern.

Angelika Gmehling

Angelika Gmehling

Info

Angelika Gmehling, Jahrgang 1946, arbeitet als psychotherapeutisch tätige Ärztin in Backnang. Ihr Schwerpunkt ist die Traumatherapie. Sie stammt aus einer Ärztefamilie. Schon mit 14 Jahren reifte in ihr der Wunsch, Ärztin zu werden.

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Erstellt:
6. Mai 2020, 06:00 Uhr

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