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Verweigerter Handschlag ist kein Fauxpas

Wegen Corona verzichten zurzeit viele auf das traditionelle Begrüßungsritual – Krankheitserreger verbreiten sich über die Hände

Ein kräftiger Händedruck zur Begrüßung galt bisher als höflich und respektvoll. Doch das hat sich in den vergangenen Tagen geändert: Um das Coronavirus nicht weiterzutragen, verzichten immer mehr Menschen auf den Handschlag, auch solche, für die Händeschütteln eigentlich Teil des Berufsbilds ist.

So ist’s richtig: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange (links) begrüßt den kroatischen Botschafter Gordan Bakota mit dem Ellenbogen. Foto: BMJV/Reiner Habig

So ist’s richtig: Der SPD-Bundestagsabgeordnete Christian Lange (links) begrüßt den kroatischen Botschafter Gordan Bakota mit dem Ellenbogen. Foto: BMJV/Reiner Habig

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Christian Lange trifft jeden Tag eine Menge Menschen, der Handschlag zur Begrüßung war für den Backnanger SPD-Bundestagsabgeordneten dabei bisher selbstverständlich. Doch seit knapp zwei Wochen lehnt der Politiker den Händedruck ab: „Ich halte das konsequent durch. Das ist die einfachste Möglichkeit, sich und andere zu schützen“, sagt Lange. Statt eines Handschlags begrüßt er seine Gesprächspartner jetzt mit einem Lächeln oder, wie diese Woche beim Treffen mit dem kroatischen Botschafter Gordan Bakota, mit dem sogenannten Ebola-Gruß, bei dem die Ellenbogen gegeneinandergedrückt werden. Lange ist davon überzeugt: „Man kann Höflichkeit auch anders zeigen“. Übel genommen habe ihm den abgelehnten Handschlag noch keiner. Vielmehr biete die Frage, wie man sich in diesen Tagen richtig begrüßt, gleich ein erstes Gesprächsthema.

Aus Sicht von Medizinern ist ein Verzicht aufs Händeschütteln keineswegs Ausdruck übertriebener Hysterie: „Momentan ist das eine der wichtigsten Schutzmaßnahmen, denn der Hauptinfektionsweg ist, neben dem, dass jemand einen direkt anhustet, das Verschleppen von Virusmaterial über die Hände“, erklärt Torsten Ade, Chefarzt in der Notaufnahme an den Rems-Murr-Kliniken. Auf der warmen Haut fühlen sich die Krankheitserreger nämlich besonders wohl und können dort wesentlich länger überleben als auf kalten Oberflächen. Deshalb sei es auch wesentlich wahrscheinlicher, sich beim Händeschütteln anzustecken als etwa beim Anfassen einer Türklinke. Für Ade und seine Kollegen am Klinikum in Winnenden ist der Handschlag in diesen Zeiten deshalb grundsätzlich tabu, auch wenn das nicht immer leichtfällt, wie der leitende Oberarzt Matthias Wilke einräumt. Gerade auf Patienten, die in einer persönlichen Ausnahmesituation in die Notaufnahme kommen, kann der Händedruck eine beruhigende Wirkung haben. Dennoch verzichtet Wilke momentan darauf: „Ich fühle mich damit unwohl, trotzdem ist es richtig. “

Doch nicht jeder will auf das Händeschütteln ganz verzichten. „Ich ziehe meine Hand auf keinen Fall weg“, sagt etwa der evangelische Dekan Wilfried Braun. Ein kräftiger Handschlag ist für den Theologen Ausdruck von Herzlichkeit, deshalb will er nur ungern darauf verzichten: „Für mich ist das ein Zeichen der Freundlichkeit und persönlichen Nähe.“ Allerdings hat Braun auch festgestellt, dass manche Gesprächspartner seine Hand in letzter Zeit nur zögerlich ergreifen. Deshalb versucht der Dekan, sich beim Händeschütteln zurückzuhalten und erst einmal abzuwarten, wie sich sein Gegenüber verhält. „Ich möchte ja niemanden kompromittieren.“ Braun räumt allerdings ein, dass ihm das nicht immer gelingt, denn was über Jahrzehnte zur Gewohnheit geworden ist, gewöhnt man sich nicht in ein paar Tagen ab. „Das ist schon eine große Umstellung.“

Ähnlich geht es auch dem Backnanger Oberbürgermeister Frank Nopper. „Ich bin in Nicht-Corona-Zeiten ein begeisterter und überzeugter Händeschüttler, weil der Handschlag Respekt und Anerkennung zum Ausdruck bringt“, sagt er. Die aktuelle Situation bringe ihn deshalb in ein Dilemma: Auf der einen Seite die Empfehlung der Ärzte, keine Hände mehr zu schütteln, auf der anderen Seite die Erwartung vieler Bürger, von ihrem OB per Handschlag begrüßt zu werden.

Und dann steht im November auch noch die OB-Wahl in Stuttgart bevor, bei der Nopper kandidiert. Händeschütteln gehört üblicherweise zu den Hauptaufgaben eines jeden Wahlkämpfers. Als Lösung hat sich Frank Nopper fürs Erste eine Doppelstrategie zurechtgelegt: „Wenn ich den Eindruck habe, dass der Verzicht auf einen Handschlag erwünscht oder zumindest akzeptiert ist, schüttle ich bis auf Weiteres die Hände nicht. Wenn ich aber den Eindruck habe, dass der Verzicht auf einen Handschlag als Unhöflichkeit gewertet wird, gebe ich nach wie vor die Hand. In jedem Fall wasche und desinfiziere ich zurzeit meine Hände wesentlich häufiger und intensiver.“ Seine Ehefrau Gudrun Weichselgartner-Nopper hat das Händeschütteln hingegen ganz eingestellt, obwohl sie Kurse als Benimmtrainerin gibt und schon deshalb besonderen Wert auf korrekte Umgangsformen legt. „In diesen Zeiten geht es nicht um Etikette, sondern um Leben und Tod“, erklärt Weichselgartner-Nopper. Deshalb sei ein abgelehnter Händedruck in der aktuellen Situation auch kein Fauxpas. Allerdings müsse man seinem Gegenüber erklären, warum man den Körperkontakt vermeidet. „Wenn man den Handschlag einfach verweigert, kann das beleidigend sein.“ Als Alternative empfiehlt die Knigge-Trainerin, sich in die Augen zu sehen und anzulächeln: „Herzlichkeit und Respekt können sich nicht nur über den Handschlag ausdrücken.“

Vielleicht führt die Coronaepidemie sogar dazu, dass der Händedruck als Begrüßung nach und nach ganz verschwindet. Aus ärztlicher Sicht wäre das wünschenswert, sagt Torsten Ade.
Denn neben Coronaviren würden auch noch jede Menge andere Krankheitserreger über die Hände übertragen. „Das Risiko ist unsere eigene Schludrigkeit“, erklärt der Chefarzt. Denn nicht jeder nehme es mit der Handhygiene immer so genau. Die Empfehlung des Robert-Koch-Instituts, auf das traditionelle Begrüßungsritual zu verzichten, gab es deshalb schon lange vor Corona.

Foto: Pixelio/Petra Bork
Verweigerter Handschlag ist kein Fauxpas
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Das sagen unsere Leser auf Facebook

Marcel Maifeld: Ich gebe meinen Kollegen nur noch die Faust. An meinem Arbeitsplatz habe ich Desinfektionsmittel, was danach immer zum Einsatz kommt.

Lisa Denise Bös: Bin grundsätzlich kein Händeschüttler. Freundlich grüßen, jemandem zunicken reicht völlig. Auch außerhalb der Erkältungszeit.

Michael Meier: Wenn man beim Bahnfahren sieht, wie viele beziehungsweise wie wenige Leute sich nach dem Toilettengang die Hände waschen, kann ich grundsätzlich auch außerhalb der Coronazeit darauf verzichten.

Melanie Hermenau: Ein freundliches Lächeln ist mehr wert als ein läppischer Händedruck.

Sabine Baumstark: Ich war noch nie der „Bussy Bussy“- und „Shake Hands“-Typ. Eh man sich versieht, wird man von Menschen umarmt, die man einmal gesehen hat. Für den Moment beides abgeschafft.

Gernot Gruber: Keine Hände mehr zu geben, ist ein vernünftiges Gebot der Stunde, auch wenn es schwerfällt – ein Lächeln ist aber ein guter Ersatz.

Falko Dröge: Im Moment verzichte ich auf den Händedruck und habe bisher nur Verständnis erlebt. Sobald die akute Situation aber wieder vorbei ist, werde ich gerne wieder die Hand geben.

Alexandra Nos: Finde ich gut, es langt ja auch ein nettes Hallo und Auf Wiedersehen.

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Erstellt:
13. März 2020, 06:00 Uhr

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