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Wenn Schule plötzlich ganz anders ist

Die Coronakrise hat das Miteinander in der Bodelschwinghschule Murrhardt, Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum, verändert. Lieb gewonnene Routinen wie eine Begrüßungsumarmung und das gemeinsame Mittagessen sind nicht mehr möglich.

Die Schüler der Berufsschulstufe können wieder täglich in den Unterricht kommen: Kendra (links) und Michele (rechts) werden von der pädagogischen Assistentin Katja Bergner (hinten) und ihrem Klassenlehrer Peter Müller (vorne) in einer kleinen Gruppe – vier statt sechs Jugendliche und junge Erwachsene – betreut. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Die Schüler der Berufsschulstufe können wieder täglich in den Unterricht kommen: Kendra (links) und Michele (rechts) werden von der pädagogischen Assistentin Katja Bergner (hinten) und ihrem Klassenlehrer Peter Müller (vorne) in einer kleinen Gruppe – vier statt sechs Jugendliche und junge Erwachsene – betreut. Foto: J. Fiedler

Von Annette Hohnerlein

MURRHARDT. Gar kein Unterricht, Homeschooling, Präsenzunterricht im wöchentlichen Wechsel, dazu Abstands- und Hygieneregeln: Durch die Coronakrise wurden viele vertraute Abläufe an der Bodelschwinghschule in Murrhardt über den Haufen geworfen. Schülern und Eltern wird viel Flexibilität abverlangt, für Lehrer und Mitarbeiter ist es ein Kraftakt, den Schulbetrieb unter ständig wechselnden Vorgaben zu organisieren.

Abstand halten, aber wie viel? So viel, wie fünf Pizzen nebeneinandergelegt ergeben. Hände waschen, aber wie lange? So lange, wie man braucht, um zweimal „Happy Birthday“ zu singen. In der Bodelschwinghschule mit ihren derzeit 103 Schülern mit geistiger Behinderung hat man sich einiges einfallen lassen, um die Infektionsschutzregeln zu veranschaulichen.

Und nicht nur an die Distanz- und Hygieneregeln mussten sich die Kinder in den vergangenen Wochen gewöhnen. Viele vertraute Rituale, seit Jahren eingespielt, waren plötzlich nicht mehr erlaubt. Kein Händeschütteln und keine Umarmung zur Begrüßung am Morgen, kein gemeinsames Mittagessen im Speisesaal, kein Gewusel auf dem Pausenhof, kein Schwimmunterricht, kein gemeinsames Schnippeln und Brutzeln in der Küche. Und das in einer Schule, die normalerweise eher auf Kontinuität und stabile Strukturen bedacht ist – den Kindern zuliebe. „Das macht was mit dem einen oder anderen Schüler“, hat Rektorin Miriam Kamm festgestellt.

Zum Beispiel Michele. Der junge Mann, Schüler der Berufsschulstufe, sitzt mit drei Klassenkameraden im Klassenzimmer und arbeitet an einer Sortieraufgabe. Für den Schüler mit Autismus ist es besonders schwierig, sich auf Ungewohntes einzustellen. Beispielsweise darauf, dass sein Klassenlehrer Peter Müller und seine pädagogische Assistentin, Katja Bergner, jetzt Masken tragen. Statt sechs Schülern sitzen heute nur vier im Klassenzimmer: außer Michele noch Matthias, der gerade das Arbeiten mit dem Schraubenzieher übt, außerdem Lara und Kendra, die sich über Arbeitsblätter mit Matheaufgaben beugen.

Auch die Lehrer und alle anderen Mitarbeiter der Schule haben unruhige Wochen hinter sich. Die ständig wechselnden Vorschriften der Coronaverordnung brachten das Team an seine Grenzen. „Das war ein sortiertes Chaos“, beschreibt Miriam Kamm die Situation, als die Schule nach und nach wieder ihre Türen öffnete. „Ohne Excel-Tabellen wären wir nicht klargekommen.“

Zu Beginn des Lockdowns im März war nur eine kleine Notgruppe für die Kinder von alleinerziehenden Eltern in systemrelevanten Berufen erlaubt, dann wurde der Schulbetrieb in mehreren Schritten wieder hochgefahren. Aktuell laufen die Notgruppe, die Grundstufe und der Kindergarten im Regelbetrieb, die Entlassschüler der Berufsschulstufe dürfen ebenfalls täglich kommen. Die übrigen Schüler werden in einem rollierenden System unterrichtet, das heißt eine Woche Präsenzunterricht und eine Woche Homeschooling im Wechsel.

Der Fernunterricht findet nach den jeweiligen Möglichkeiten der Schüler statt und besteht aus drei Bausteinen: Videoübertragungen per Webex, Telefonate mit den Lehrern und Arbeitsblätter. „Unsere Schüler waren sehr fleißig, und die Eltern haben gut mitgezogen“, lobt Miriam Kamm. Und auch ihrem Kollegium stellt sie ein gutes Zeugnis aus. „Ein funktionierendes Team ist wichtig, um eine solche Zeit gut zu überstehen.“

Zum Glück blieb die Bodelschwinghschule bisher von Coronainfektionen weitgehend verschont. Nur eine Mitarbeiterin hat sich infiziert, allerdings in den Ferien, sodass der Schulbetrieb dadurch nicht berührt war. Unter den Schülern sind so gut wie keine Kinder und Jugendlichen, die als Risikopatienten eingestuft werden und deswegen zu Hause bleiben müssen.

Eine besondere Herausforderung in den vergangenen Wochen war der Bustransport der Kinder und Jugendlichen zur Schule und wieder zurück. Da zum Schutz vor Ansteckung deutlich weniger Personen pro Fahrzeug befördert werden dürfen und auch die Klassenzusammensetzung berücksichtigt werden muss, wurden die Touren der 16 Busse mehrmals neu zusammengestellt. Dass dies funktioniert habe, sei der guten Zusammenarbeit mit Dieter Söhnle, dem Fahrdienstleiter des Deutschen Roten Kreuzes in Murrhardt, zu verdanken, betont die Rektorin.

Und was wünscht sich Miriam Kamm für das neue Schuljahr im Herbst? „Dass es wieder Unterricht im Regelbetrieb gibt. Mit Nachmittagsunterricht und gemeinsamem Mittagessen“, sagt die Schulleiterin und fügt resigniert hinzu: „Aber was nach den Sommerferien ist, das steht in den Sternen.“

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Erstellt:
8. Juli 2020, 11:30 Uhr

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