Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Wie geht es Senioren in der Isolation?

Keine Familienfeiern, keine Besuche: Viele Senioren leiden unter der Isolation, doch nicht allen fällt das Alleinsein schwer

Ein schwerer Krankheitsverlauf ist bei Senioren wahrscheinlicher, sollten sie sich mit dem Coronavirus infizieren. Deshalb soll diese Gruppe besonders wenig Kontakt zu Mitmenschen haben und sich selbst isolieren. Wie geht es allein lebenden Senioren und Bewohnern in Pflegeheimen in dieser Situation?

Heinrich Bernhardt (80) kommt mit der Isolation gut zurecht. Er beschäftigt sich vor allem mit Spaziergängen rund um Oppenweiler. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Heinrich Bernhardt (80) kommt mit der Isolation gut zurecht. Er beschäftigt sich vor allem mit Spaziergängen rund um Oppenweiler. Foto: A. Becher

Von Kristin Doberer

OPPENWEILER/BACKNANG. „Für die Bewohner ist das schwer. Es ist nicht einfach, keinen Kontakt zu Freunden und Verwandten zu haben“, sagt Sabine Laible, stellvertretende Heimleiterin des Alten- und Pflegeheims Staigacker in Backnang. Da vor allem für ältere Menschen ein hohes Risiko besteht, bei einer Infizierung mit dem Coronavirus schwer zu erkranken, sollen sie besonders isoliert werden. Seniorenheime können nicht mehr besucht werden, Enkel sollen ihre Großeltern nicht mehr besuchen. Das falle auch den Angehörigen sehr schwer, das Personal versuche deshalb, so oft wie möglich Telefongespräche zu koordinieren und die Senioren mit Aktivitäten abzulenken.

Das Personal des Seniorenheims hat sich mittlerweile außerdem mit Schutzausrüstung ausgestattet. Mundschutz und Handschuhe sollen verhindern dass sich die Senioren anstecken, sollte ein Pfleger oder eine Pflegerin infiziert sein und es noch nicht wissen. Für die Bewohner sei der Anblick sehr ungewohnt gewesen: „Auf einmal sind wir dauerhaft mit Masken herumgelaufen, das war für viele ein etwas erschreckender Anblick. Aber mittlerweile haben sich alle daran gewöhnt“, sagt Laible. Sie sieht trotz der Risiken gerade jetzt einen Vorteil in der Betreuung in Pflegeheimen: „Hier sitzen die Senioren zumindest nicht allein daheim. Die Bewohner können immer noch in kleinen Gruppen zusammen sein und gefahrlos in unseren Garten gehen.“

Bei Heinrich Bernhardt sieht das anders aus. Der 80-Jährige ist verwitwet und lebt alleine in seiner Wohnung in Oppenweiler. Eigentlich ist er sehr aktiv, er geht regelmäßig ins Fitnessstudio, ist Teil einer Mundharmonikagruppe und Redaktionsmitglied bei einer Seniorenzeitung. Die Coronapandemie verändert auch seinen Alltag sehr. „Insgesamt bedauere ich die Situation natürlich. Ausflüge, Geburtstage und vermutlich auch die Hochzeit meiner Tochter finden nicht statt.“ Doch trotzdem hat er kein Problem mit dem Leben in Isolation. „Ich gehe noch selbst einkaufen, halte mich dabei natürlich an die Vorschriften zu Hygiene und Abstand, und gehe dann, wenn ich weiß, dass nur wenig los ist“, sagt der Rentner. Außerdem bleibt er telefonisch und über WhatsApp in Kontakt mit Freunden und Verwandten. Auch habe er zum Glück noch Hobbies, die er alleine und Zuhause ausüben kann, wie zum Beispiel das Musizieren, Basteln oder die Astronomie. Vor allem aber die täglichen Spaziergänge und regelmäßiges Fahrradfahren sind für ihn wichtig.

„Wir sitzen fast wie in einem Gefängnis, das finde ich richtig“

Bernhardt verfolgt auch die Nachrichten mit großem Interesse, ihm ist bewusst, dass die Isolation vor allem für ältere Menschen noch viel länger dauern kann, doch um sich selbst macht er sich nur wenige Gedanken. „Mir würde es besonders wehtun, wenn wegen meines Verhaltens Jüngere sterben, die ihr Leben noch vor sich haben.“ Deshalb sei es ihm wichtig, sich an die Kontaktverbote zu halten. „Wir müssen uns jetzt einfach alle einschränken und ich komme mit mir alleine eigentlich ganz gut klar.“

Doch nicht alle können dem zustimmen, weiß Sabine Laible: „Die meisten, die kognitiv fit sind, verstehen die Maßnahmen, doch nicht alle halten sich daran.“ Sie erzählt von einigen wenigen Bewohnern, die noch sehr mobil sind. „Die sind losmarschiert und haben sich mit ihren Angehörigen getroffen. Deshalb sind wir froh über die neuen Ausgangsbeschränkungen.“ Zum Schutz vor einer Infektion dürfen Bewohner ihre Einrichtung nun nur noch aus triftigen Gründen verlassen. Dadurch sollen vor allem die Bewohner geschützt werden, aber außerdem sollen auch die Träger der Pflegeheime durch die neue Verordnung mehr Rechtssicherheit erhalten. Auch Marie-Luise Sudermann ist Bewohnerin in einem Seniorenheim, die 94-Jährige lebt im Heim des Alexanderstifts in Allmersbach im Tal. Im Moment fühle sie sich eingesperrt. „Wir sitzen fast wie in einem Gefängnis, das finde ich auch richtig so. Der Unterschied ist, dass wir statt Gitterfenstern frisch geputzte Fenster haben. So können wir das schöne Wetter zumindest betrachten.“

Spazierengehen dürfen sie momentan nicht. Ihr sei wichtig, jede Situation positiv zu betrachten und den Humor nie zu verlieren, auch jetzt nicht. „Deshalb habe ich zu den Pflegern mit ihren Masken und Handschuhen auch gesagt: Kinder, ihr seid heute ja alle schick angezogen. Da hatte ich die Lacher auf meiner Seite.“ Sich selbst keine Panik machen, immer mit gehobenen Mundwinkeln durch die Welt gehen, das ist für Sudermann das richtige Verhalten im Moment. Auch wenn die Situation gerade nicht einfach sei, findet sie die Maßnahmen richtig. „Jetzt muss man Egoismen zurückstecken, zum Glück haben die meisten Deutschen das erkannt.“

Zum Artikel

Erstellt:
16. April 2020, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!

Corona

Kunst kommt zu Kindern nach Hause

Die Jugendkunstschule Backnang hat neben dem Online-Unterricht ein neues Projekt mit allen Kindern gestartet. Jeder der 107 Schüler hat ein Paket mit Malmaterialien bekommen – unter einem Thema sollen die Kinder gemeinsam kreativ werden.

Die Backnangerin Sophie Pröhl ist eine jener Mütter, die ihr Leben zwischen Laptop, Herd und Schularbeiten neu ausrichten muss. Foto: A. Becher
Top

Corona

Mit 24 Stunden ist der Tag einfach zu kurz

Mütter stehen in Coronazeiten vor besonderen Herausforderungen. Einerseits müssen sie weiterhin ihrem Beruf nachgehen, andererseits müssen sie die Familienarbeit damit in Einklang bringen – mit Kindern im Haus eine gewaltige Aufgabe.