14-Jähriger verhökert geklautes Rad

Ehepaar kauft das Diebesgut und steht wegen Hehlerei vor dem Backnanger Amtsgericht

Von Hans-Christoph Werner

BACKNANG. Was hätten wir nicht alles gern. Solches Verlangen wird freilich durch die Werbung kräftig befeuert. So erging es auch einer vierköpfigen Familie aus Backnang. Der Vater ein 37-jähriger Maschinenbediener, die Mutter, 33 Jahre alt, ohne Beruf und ganz Familienfrau. Dazu drei Kinder im Alter von 13, 12 und 6 Jahren. Ein Fahrrad, so dachte man sich in der Familie, wäre nicht schlecht. Gedacht, getan. Ein Fahrrad wurde erworben. Nur leider trugen jetzt die besonderen Umstände des Ankaufs dem Elternpaar eine Anklage wegen Hehlerei ein. Was war geschehen?

Auf der Suche nach einem Rad war man auf einer Internetplattform fündig geworden. Nahezu alles wird im Internet verhökert, dazu zu Traumpreisen. Für einen Drahtesel im Wert von geschätzten 650 Euro, so die Recherche des Richters, war der Verkaufspreis von 140 Euro ein Schnäppchen. Der Familienvater trat mit dem Anbieter in Kontakt und handelte das Gefährt sogar noch auf 100 Euro herunter. Doch wie an das Verkaufsgut kommen? Der Anbieter kam der Familie entgegen. Er brachte das Rad vorbei. Aus dem Remstal kommend fuhr er mit der S-Bahn bis Backnang und radelte dann bis vor die Haustür der Familie. Der Familienvater war an dem Sommertag des Jahres 2017 zwar nicht zu Hause, aber seine Ehefrau samt 13-jährigem Sohn wickelten das Geschäft ab. Und die fanden nichts dabei, dass da ein 14-Jähriger vor der Tür stand und das Geschäft in Windeseile tätigte. So entging den Käufern, dass das Hinterrad des Gefährts gehörig eierte. Zum anderen fanden sie nichts dabei, dass sie hier mit einem Minderjährigen in Geschäftsbeziehungen traten.

In der Zwischenzeit war die Polizei in Weinstadt dem 14-Jährigen auf die Schliche gekommen. In großem Stil entwendete er zusammen mit Freunden Fahrräder und veräußerte die wieder. Die Sache entwickelte eine solche Dynamik, so der mit den Ermittlungen befasste Polizeibeamte, dass sogar „Bestellungen“ aus Würzburg eintrafen: Ein ganz bestimmtes Fahrrad wurde gesucht und damit der Diebstahl in Auftrag gegeben. Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen wurde auch der Backnanger Deal ruchbar. Der 14-jährige Remstaler konnte sich zwar nicht mehr an den Namen seiner Backnanger Kundschaft erinnern, aber wo die wohnte, war in Erinnerung geblieben. So fuhr er mit der Polizei bis vor die Haustür der Familie. Brieflich wurde die Familie über den wahren Grund ihres Schnäppcheneinkaufs in Kenntnis gesetzt. Aus Sorge, die Polizei könnte vorfahren und dabei von Nachbarn gesichtet werden, und die Familie dadurch in Verruf kommen, veranlasste der Familienvater, das Fahrrad eigenhändig zum Polizeiposten zu bringen. So weit die Einlassungen der Angeklagten.

Die Aussagen der Backnanger Familie wurden nun in der Verhandlung mit den Erklärungen des selbst ernannten Diebesguthändlers konfrontiert. Der 14-Jährige, in Begleitung seines Vaters erscheinend, macht einen ruhigen und gefestigten Eindruck. Und tatsächlich: Man würde den jungen Mann auf Anhieb älter schätzen. Fahrräder, so wird deutlich, interessieren ihn gar nicht besonders. Vermutlich fand er die Diebstähle an sich faszinierend. Das Verfahren gegen den jungen Mann kommt im Dezember zum Aufruf. In Backnang sagte er als Zeuge aus. Er bestätigte im Großen und Ganzen das, was die Angeklagten zu ihrer Verteidigung vorgebracht hatten. Die Angeklagte verfügt, weil türkischer Abstammung, nicht über die erforderlichen Deutschkenntnisse, die es ihr erlaubt hätten, den Fahrradverkäufer seines Alters wegen zur Rede zu stellen. Denn ein 14-Jähriger ist noch nicht geschäftsfähig.

Nach kurzer Unterbrechung verfügte der Richter eine Einstellung des Verfahrens. Die Familie hatte in dem guten Glauben gehandelt, mit dem Fahrradkauf ein Schnäppchen zu machen. Es gab für sie keinen zwingenden Anlass, hier einen unlauteren Handel zu vermuten. Bei allem verständlichen Willen, sparen zu wollen: Allzu billig kann unter Umständen unbillig sein.

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Erstellt:
17. November 2018, 06:00 Uhr

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