51 Backnanger bibbern in der Kälte

Im Backnanger Panoramaweg haben 16 Reihenhäuser nach einem Leck in der Fernwärmeleitung seit sieben Wochen keine Heizung und kein warmes Wasser. Die Bewohner kritisieren die Hausverwaltung heftig, doch diese gibt den Schwarzen Peter umgehend zurück.

Die verzweifelten Bewohner haben sich an die Presse gewandt, damit endlich Bewegung in die Sache kommt. Inzwischen liegt die neue Leitung, in ein, zwei Wochen könnte es wieder warm werden.

© Alexander Becher

Die verzweifelten Bewohner haben sich an die Presse gewandt, damit endlich Bewegung in die Sache kommt. Inzwischen liegt die neue Leitung, in ein, zwei Wochen könnte es wieder warm werden.

Von Matthias Nothstein

BACKNANG. Eine warmes Bad zur Entspannung, ein gemütlicher Abend auf dem Sofa, kurz duschen vor der Arbeit – was für viele mehr oder weniger selbstverständlich ist, danach sehnen sich die Bewohner von 16 Reihenhäusern im Backnanger Panoramaweg. Ihre Wärmeversorgung ist defekt. Und das nicht seit gestern. Auch nicht seit vergangener Woche. Nein, seit dem 1. Oktober funktioniert die Anlage nicht mehr richtig, und seit dem 10. Oktober gibt es für die 51 Bewohner der betroffenen Häuser überhaupt kein warmes Wasser und keine Heizung mehr. Die Raumtemperaturen haben sich inzwischen bei 14 Grad eingependelt, wobei es der Herbst mit den Bewohnern dieses Jahr sogar noch gut gemeint hat.

Für die meisten Frierenden steht fest, wer für die Misere verantwortlich ist: die Murrtal-Werte GmbH, die für die Wohnungseigentümergemeinschaft die Hausverwaltung übernommen hat und auch für die Heizung der Reihenhäuser zuständig ist. Doch deren Geschäftsführerin Kerstin Schmidgall weist die Verantwortung weit von sich. Sie schreibt in einer Stellungnahme, dass sie seit Anfang Oktober intensiv daran arbeitet, Lösungen zu finden. Ihrer Auffassung nach scheiterte eine flotte Lösung in erster Linie daran, dass es unter den Reihenhauseigentümern verschiedene Meinungen über die Ausführung und Kostenübernahme der Reparaturarbeiten gibt. Der Verwaltung sei erst Ende Oktober eine Entscheidung übermittelt worden. Aber ohne Entscheidung über die Kostenübernahme konnte sie keine Aufträge vergeben. Nach der technischen Prüfung der vollständigen Angebote erfolgte die Vergabe der Arbeiten laut Schmidgall am 10. November. Seit vergangenem Freitag wird gearbeitet, und wenn alles klappt, können die Bewohner laut Schmidgall in ein bis zwei Wochen wieder mit Wärme rechnen.

Die Hauseigentümer sehen die Schuldfrage anders. Sie betonen ihr großes Engagement. So habe es zahlreiche Versammlungen, Telefonate und E-Mail-Verkehr gegeben. Zwar räumen sie ein, dass zum Beispiel auch ein Angebot von ihrer Seite nicht pünktlich weitergegeben wurde und es ihnen nicht gelungen war, alle 16 Parteien unter einen Hut zu bringen. Aber in erster Linie kritisieren sie die Verwalterin, die nicht ergebnisorientiert für die Sache – es handelte sich schließlich um einen Notfall – gekämpft habe. So habe sie sich etwa damit zufriedengegeben, dass die letztendlich beauftragte Erdbaufirma erst in drei Wochen anrücken sollte. Als die ausgekühlten Bewohner in der Firma selbst ihre missliche Lage schilderten, gelang es sofort, dass der Bagger kurzfristig anrücken konnte. Zum Dank wurden die Hausbesitzer dann seitens der Verwaltung gerüffelt, sie hätten nicht das Recht, mit den Handwerkern selbst zu verhandeln. So die Darstellung von Bernd Winkler, der zum Sprecher der Hausbesitzer gewählt wurde. Er verweist auch darauf, dass die Murrtal-Werte GmbH den Verwaltungsauftrag zum Jahresende aufgekündigt hat.

Home-Studium mit Wärmflaschen auf dem Schoß und in Decken eingemummelt.

Bei einem Vor-Ort-Termin ist die Verzweiflung der Bewohner mit den Händen zu greifen. Familie Rebmann hat es besonders hart erwischt, zumal sie ihr Haus erst am 1. Juli gekauft hat. Denise Rebmann hat am 7. August Sohn Ben zur Welt gebracht. Aber anstatt dass die junge Familie ihr Glück im neuen Heim gemeinsam genießen kann, ist die 30-Jährige schon viermal zu ihrer Mutter in die Nähe von Frankfurt geflohen. „Es war einfach für einen Säugling zu kalt in der Wohnung, in den meisten Räumen hat es 15 Grad. Und es gibt kein warmes Wasser, wie soll ich das Kind baden?“ Die Ehefrau kehrt immer wieder zu ihrem 36-jährigen Mann zurück: „Ich will ihn ja auch nicht alleine lassen. Und zudem habe ich meinen Kinderarzt hier. Der Kleine hatte auch schon Fieber und Husten.“ Vor vier Wochen haben sich Rebmanns einen elektrischen Heizkörper angeschafft, aber der schafft es auch nur, das Wohnzimmer auf 20 Grad zu erwärmen. Nun leben und schlafen alle in der guten Stube, der Kleine meist im Daunenschlafsack des Kinderwagens.

Das Thermometer zeigt einen Wert zwischen 14 und 15 Grad. Das ist die Normalität – tagsüber. Nachts wird es auch kälter. Und warmes Wasser gibt’s keines. Fotos: A. Becher

© Alexander Becher

Das Thermometer zeigt einen Wert zwischen 14 und 15 Grad. Das ist die Normalität – tagsüber. Nachts wird es auch kälter. Und warmes Wasser gibt’s keines. Fotos: A. Becher

Ricarda Geiger-Hördt war anfangs noch hoffnungsvoll: „Ich dachte, wir leben im 21. Jahrhundert, das kann ja nicht lange dauern, bis die Leitung repariert ist.“ Sie sollte sich täuschen. Die Frage, wie kalt es in ihrem Zuhause ist, kann sie nicht beantworten: „Ich messe gar nicht mehr.“ Ihre beiden Töchter leben seit Wochen mit Wärmflaschen auf dem Schoß und in Decken eingemummelt. Die ältere ist wegen der Coronapandemie zum Home-Studium vergattert und leidet arg. Das Nesthäkchen hatte zumindest in den Herbstferien zu den Großeltern können und dort das tägliche Wannenbad genossen. Jetzt trifft es sie umso härter. In der Schule wird dauergelüftet, aber dort läuft zumindest die Heizung. Wenn ihre Klassenkameraden dann heimgehen und sich aufwärmen, geht der Teenager erst recht in die Kälte. Mutter Geiger-Hördt duscht immerhin noch zu Hause, die 58-Jährige ist hart im Nehmen. „Aber wenn ich aus der Dusche komme und alles kalt ist, dann tut’s schon weh.“

Für Viktoria Hartwig ist es besonders anstrengend, abends ihre drei Kinder zu baden. Damit die zwei, sechs und zwölf Jahre alten Kinder warmes Wasser haben, läuft der Wasserkocher auf Hochtouren. Die ganze Prozedur zieht sich von 18 bis 20 Uhr, „das ist sehr anstrengend“. Und dann sind erst die Kinder versorgt, sie und ihr Mann beschränken sich oft auf eine Katzenwäsche. Aber auch der Boden ist eiskalt, klagt die dreifache Mutter. Die Kinder müssen die Socken doppel anziehen und können nicht auf dem Boden spielen. Die Kleine nörgelt, weil sie immer Hausschuhe tragen muss, die Mutter hat Sorge, dass sich der Nachwuchs eine Blasenentzündung zuzieht. Inzwischen hat Hartwig nahezu resigniert. „Ich habe keinen dicken Hals mehr, jetzt nicht mehr“, so sagt sie schon mit fatalistischem Unterton in Richtung der Verantwortlichen. Anfangs hat sie sich noch oft mit ihrem Mann gestritten, „jetzt verdrängen wir es“. Das kann Alexander Hammer nicht. Auch seine Familie ist betroffen, auch er hat drei Kinder im Alter von elf, acht und vier Jahren. Besondere Sorge bereitet ihm sein Ältester, der unter einer Vorform von Asthma leidet. Wenn sich nun noch Schimmel bilden sollte in der Wohnung, so würde dies die Notlage noch vergrößern.

Ursula und Bernd Winkler bibbern ebenfalls. Sie haben sich schon drei Heizlüfter gekauft, stellen viele Kerzen auf und konzentrieren sich auf Wohnzimmer, Küche und Bad. Für die Dauer des Heizungsausfalls haben sie bald keine Worte mehr. Ursula Winkler: „Wir sind fassungslos.“ Sie weiß von vielen Bewohnern, die seit Wochen unter Schlafproblemen leiden. Viele sind dünnhäutig geworden, in vielen Familien kracht es. Geiger-Hördt: „Man denkt immer ,aber jetzt‘. Und dann zieht wieder Woche für Woche ins Land. Und ein Problem folgt aufs andere.“ Bernd Winkler weiß von einer Bewohnerin, die über 80 Jahre alt ist und unlängst erst operiert wurde. Sie tritt öfter vor die Tür, „weil es dort wärmer ist als drinnen“. Und sie fleht Winkler an: „Macht es doch bitte warm.“ Und ein weiterer Bewohner, von Beruf Anästhesist und Notarzt, ergänzt: „Es geht langsam in einen Bereich, in dem die Gesundheit Schaden nimmt.“

Kommentar
Unbefriedigend

Von Matthias Nothstein

Das Desaster im Panoramaweg darf in dieser Form mitten in Deutschland, mitten in Backnang, mitten unter uns nicht passieren. Dass nämlich 51 Menschen über mindestens acht Wochen kein warmes Wasser und trotz Herbsts keine Heizung haben. In solch einer Notlage sollte eine Hausverwaltung über sich hinauswachsen und nicht nur Dienst nach Vorschrift machen. Sie sind die Profis, sie müssen sich am Ergebnis messen lassen, und das fällt höchst unbefriedigend aus.

Den Eigentümern ist zugutezuhalten, dass es schwierig ist, 16 Parteien unter einen Hut zu bringen. Einerseits. Andererseits machen sie es sich auch zu einfach, wenn sie die Schuld nur bei der anderen Seite sehen. Sie hatten zwei Angebote, die Notlage zu überbrücken. Und an ihnen lag es, eine Einigung herbeizuführen. Aber wenn die Verwaltung erkennt, dass es mit dieser Einigung schwierig wird, dann muss sie Himmel und Hölle in Bewegung setzen, dass irgendeine Lösung gefunden wird. Denn eines geht nicht: dass das passiert, was dann letztendlich passiert ist.

m.nothstein@bkz.de

Die Leitung zwischen der Heizzentrale und den Häusern ist defekt und muss erneuert werden

Was ist das Problem? In der Nachbarschaft der 16 Reihenhäuser gibt es einen Wohnkomplex mit 58 Wohnungen, kurz das Hochhaus genannt. Dort ist die Heizzentrale. Über eine etwa 40 Meter lange Leitung werden die 16 Reihenhäuser mitversorgt, dies ist in einem Wärmeversorgungsvertrag geregelt. Seit Anfang Oktober ist die Verbindungsleitung aus dem Jahr 1971 undicht, aus technischen Gründen wurde sie am 8. Oktober stillgelegt. Sie muss ersetzt werden. Im Wärmeversorgungsvertrag heißt es: „Der Wärmelieferant ist verpflichtet, nach den anerkannten Regeln der Technik und nach bestem Vermögen eine ungestörte normale Wärmeversorgung aufrechtzuerhalten und eventuelle Schäden an der Heizanlage baldmöglichst zu beseitigen.“

Mehrere Wochen lang gab es keine Einigung, wer die Kosten tragen muss. Kerstin Schmidgall von der Murrtal-Werte GmbH erklärt dazu, sie verwalte die Gelder der Wohnungseigentümergesellschaft (WEG) treuhänderisch und dürfe keine anderen Ausgaben tätigen. Mit der Folge: Erst wenn von allen Reihenhausbesitzern eine schriftliche Kostenübernahme vorliegt, dürfen die Aufträge vergeben werden. Die Reihenhausbesitzer erzielten ihrer Lesart zufolge wochenlang keine Einigung. Dort wurde unter anderem die Auffassung vertreten, die Kosten gehörten aus den Rücklagen beglichen. Inzwischen haben 15 Eigentümer jeweils 1576 Euro als Sonderumlage einbezahlt. 10000 Euro werden noch aus der Rücklage entnommen. Wie hoch die Reparaturkosten sind, ist nicht bekannt. Schmidgall äußert sich nicht dazu. Die Hausbesitzer wissen bislang von 35000 Euro, aber dazu kommen noch zusätzliche Arbeiten des Fachplaners. Laut Winkler könnten schnell auch 50000 Euro zusammenkommen, dann wären weitere Sonderumlagen nötig.

Bereits am 9. Oktober bot Schmidgall an, die Fernleitung täglich zwei Stunden lang unter Aufsicht eines Heizungsbauers zu öffnen. Die Hausbesitzer waren mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Die Heizkörper und das Wasser seien nur lauwarm geworden. Trotzdem hätte die Aktion „mehrere Hundert Euro pro Tag gekostet“. Daraufhin sprachen sich die Hausbesitzer am 10. Oktober gegen diese Lösung aus.

Auch das Angebot, die Zeit bis zur Instandsetzung des Fernwärmerohrs mit einer mobilen Heizungsanlage zu überbrücken, „wurde vonseiten der Eigentümer der Reihenhäuser abgelehnt“, so Schmidgall. Winkler dazu: „Die Containermiete hätte alleine 30000 Euro gekostet. Es hätte ein Stromkabel verlegt werden müssen und Platzprobleme gegeben. Und die Anlage hätte es nicht geschafft, alle 16 Häuser mit Wärme zu versorgen. Insofern war das Angebot keines, zumindest kein realistisches.“

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Erstellt:
20. November 2020, 06:00 Uhr

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