Ab in den Urlaub – jetzt erst recht

Trotz steigender Preise, Klimakatastrophen und Krisen wächst die Reiselust. Wie erklärt sich dieses Paradox?

Viele Menschen kaufen lieber Erlebnisse, statt in materielle Dinge zu investieren

© Clara Margais/dpa

Viele Menschen kaufen lieber Erlebnisse, statt in materielle Dinge zu investieren

Von Susanne Hamann

Berlin - Wer den Newsletter des Auswärtigen Amtes abonniert hat, dem kann es angst und bange werden. Täglich flattern Reise- und Sicherheitshinweise ins elektronische Postfach. Und nein, diese Nachrichten betreffen nicht nur offensichtliche Gefahrengebiete wie die Ukraine, wo nach dem Angriff Russlands seit vier Jahren Krieg herrscht. Auch Frankreich war kürzlich dabei, wegen der Überschwemmungen im Westen des Landes, oder Indonesien, das seine Einreiseregeln verschärft hat.

Die Welt schrumpft. Zumindest die Regionen, die man gefahrlos besuchen kann, werden weniger. Unwetter, Unruhen, Unheil lauen an jeder Ecke. Oft mit Ansage, manchmal unvermittelt. Dazu ist die wirtschaftliche Lage im eigenen Land unberechenbar. Viele sorgen sich um ihren Arbeitsplatz, die allgemeine Preisentwicklung beunruhigt.

Eigentlich sollte man jetzt sparen, Geld zurücklegen, vorsichtig wirtschaften. Oder? Offensichtlich sehen das die Deutschen anders. Denn sie bleiben keineswegs zuhause. Es zieht sie hinaus in die Ferne. Nach den Themen „Essen“ und „Gesundheit“ rangiert „Urlaub“ auf Platz 3 der Dinge, wofür die Menschen in diesem Land ihr Geld ausgeben wollen. Das hat die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (Fur) aus Kiel in ihrer alljährlichen Reiseanalyse ermittelt. Die Fur sieht für 2026 eine „stabile Nachfrage auf hohem Niveau“: Demnach möchten 91 Prozent der Deutschen dieses Jahr verreisen. Und die Forscher fanden auch heraus, dass Zukunftssorgen kein Hindernis für Urlaubsreisen sind. Wahrscheinlich ist sogar das Gegenteil der Fall.

Man gönne sich Auszeiten bewusst als Gegenpol zu beruflichen Belastungen und globalen Unsicherheiten, bestätigt die Deutsche Tourismusanalyse der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen in Hamburg. „Die Strategie ,Je öfter, desto besser‘ hat sich als wirksame Bewältigung gegen die Verdichtung und Beschleunigung des Alltags durchgesetzt“, sagt der wissenschaftliche Leiter, der Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt. Laut dieser Studie geben die Bundesbürger aktuell sogar so viel Geld für Urlaub aus wie noch nie: 1636 Euro pro Person.

Kein Wunder, dass der Deutsche Reiseverband DRV in Berlin Zuversicht für die Branche verkündet: „Wir erwarten eine wachsende Nachfrage vor allem für Kreuzfahrten, Fernreisen und die klassischen Badeziele am östlichen Mittelmeer“, sagt DRV-Präsident Albin Loidl. Der Verband geht davon aus, dass die Bundesbürger 2026 rund 86 Milliarden Euro für Urlaub und Reisen ausgeben werden. Das wäre ein Wachstum um drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Branche, die sich von Dienstag an in der Bundeshauptstadt zur weltgrößten Reisemesse ITB trifft, ist gut gelaunt wie lange nicht.

Bei dieser Reise-Euphorie schwingt eine gewisse Torschlusspanik mit. Wenn ein Land gerade besucht werden kann, dann nichts wie hin. Die Lage könnte sich schnell ändern. Wer seine Chance verpasst, bekommt vielleicht lange Zeit keine neue.

Und sehr sicher steckt auch ein allgemeiner Trend hinter dem unerschütterlichen (Buchungs-)Verhalten: Viele Menschen kaufen lieber Erlebnisse, statt in materielle Dinge zu investieren. Außerdem ist die Wirkung eines Urlaubs nachhaltiger als man denkt. Wer früh bucht, fiebert schon Monate vorher auf den Tag X hin. Das ist Seelenbalsam und Trost. Viele Veranstalter bieten Apps an, die eine Art Countdown beinhalten. Ein Blick aufs Smartphone, und es wird einem warm ums Herz: „Noch 160 Tage, 21 Stunden und 30 Minuten bis zu Ihrem Urlaub auf Ibiza“. Manche Reiseführer widmen dem Thema „Urlaub verlängern“ mit Rezepten, Deko und Mitbringseln ein ganzes Kapitel. Erinnerungen kann einem nun einmal niemand mehr nehmen.

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Erstellt:
26. Februar 2026, 22:08 Uhr
Aktualisiert:
26. Februar 2026, 23:48 Uhr

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