Abbruchhaus wird zum Schmuckstück

Annabelle Rigby aus Costa Rica investiert viel Geld und Energie in die Sanierung zweier Häuser der Sulzbacher Ortsmitte

Manchmal muss zur Rettung der Heimat erst ein Fremder daherkommen. Im Fall des Hauses Kirchgasse 6 in Sulzbach war es sogar eine ganz Fremde: Die Rettung kam von jenseits des Ozeans, aus Costa Rica. Annabelle Rigby hat in den vergangenen Jahren aus einem Abbruchhaus eine Perle des Ortsbilds geschaffen.

Das Haus Kirchgasse 6 war verrottet und vermüllt. Heute erstrahlt es in neuem Glanz.Fotos: U. Gruber

Das Haus Kirchgasse 6 war verrottet und vermüllt. Heute erstrahlt es in neuem Glanz.Fotos: U. Gruber

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Sulzbach ist ein hübscher Ort. Obwohl es nie Stadtrechte zugestanden bekam, säumen die alte Hauptstraße durchs Oberdorf stattliche, mehrstöckige Häuser. Die meisten sind aus Fachwerk, oft über einem soliden Sandsteinsockelgeschoss, und stammen aus der Zeit nach 1753, als ein Brand den größten Teil der Ortschaft zerstörte.

Wo die Hauptstraße neben der großen Wehrkirche auf dem Felsen in den Marktplatz mündet, überspannte einst das Rathaus die hier zum Unterdorf hin – offenbar nicht nur geografisch – abfallende Straße. Der Torbogen unter dem Gebäude wurde schon im 19. Jahrhundert zu eng für den modernen Verkehr, weshalb das Rathaus abgerissen und vis-à-vis in das Gasthaus Ochsen verlegt wurde. Der Ochsen wanderte ein Haus weiter.

Überhaupt: Abreißen tun sie gern, die Sulzbacher. Im doppeldeutigen „Abrisskalender“ des Vereins zur Erhaltung des historischen Sulzbachs (VEhS) zeugen viele Fotos früherer Häuser aus dem Archiv des passionierten Sulzbacher Historikers Mathias Klink davon. Im Wandel der Zeit war sicherlich manches auch nötig, häufig mag aber auch fehlende Wertschätzung der gewachsenen, historischen Substanz die Ursache gewesen sein. Neben schön restaurierten Häusern sieht man jedenfalls auch verwahrloste Bruchbuden, deren Besitzer offenbar nur auf die Abbruchgenehmigung warten.

Für das Haus auf der Wehrmauer

war schon der Abrissbagger bestellt

So war auch für das kleine Haus Kirchgasse 6, das auf der östlichen Wehrmauer von St. Ulrich sitzt, bereits der Bagger bestellt. Das Haus, vor 250 Jahren nach dem großen Brand über dem unversehrten, riesigen Gewölbekeller und auf der alten Wehrmauer neu errichtet, beherbergte zeitweise eine der zahlreichen Bäckereien im Ort und befand sich zuletzt im Besitz der Gemeinde.

Nun war es lange leer gestanden, verfallen und praktisch unvermittelbar. Es konventionell richten zu lassen, wäre ökonomisch nicht darstellbar gewesen. „Außen fiel der Verputz von den Wänden, alles war verrottet und vermüllt – man wusste nicht, ob man nicht durch die Decke bricht“, erinnert sich Bauamtsleiter Martin Hübl mit Grauen. Das Häuschen sollte 2011 weichen für zwei Autostellplätze. Der kurzfristig ins Leben gerufene Verein zur Erhaltung des historischen Sulzbachs konnte den Abriss zwar verhindern, die Renovierung aber auch nicht stemmen.

Da tauchte plötzlich vor etwa zehn Jahren Annabelle Rigby geborene Fernández aus Mittelamerika auf, die behauptete, Architektin zu sein. Sprach neben Spanisch fließend Englisch und Französisch, aber kaum Deutsch und kam nach einer enttäuschten Liebe bei Usch Leipold vom VEhS unter, die sie über die Kirche kennengelernt hatte. „Wir alle hielten sie für ein bisschen verrückt“, gibt die hilfsbereite Seniorin zu, „aber ich mochte sie. Und sie hat sich auch für alte Häuser interessiert.“ So erfuhr die temperamentvolle Latina 2013 auch von der Kirchgasse 6.

„Oh, I would like to remodel this“, bekundete sie begeistert, sie wolle das gerne umgestalten, und beschloss, dafür ihr Grundstück in Mexiko zu verkaufen, denn „me enamoré de Sulzbach“. Nicht Backnang, nicht Oppenweiler, nicht Murrhardt – in Sulzbach hatte sie sich verliebt. Die Landschaft, die Menschen und natürlich die Häuser: „Es una maravilla!“, ein bezaubernder Ort sei das. Vielleicht erkannte sie das hier schlummernde Potenzial?

Auf der Gemeindeverwaltung herrschte Skepsis vor: „Jeder andere wäre geflüchtet, jedem wär’s himmelangst mit so einem Projekt“, wundert sich Hübl, „aber die Frau Rigby ist da völlig schmerzfrei. Die hat da unglaublich viel Energie, Zeit und auch eigenes Geld investiert – trotz der Fördermittel.“

Vielleicht war es auch nur mangelnde Fantasie, was Aussehen, Nutzung und finanzielle Umsetzung anbelangt, denn Annabelle, die bescheidene Costa Ricanerin mit englischem Pass, die tatsächlich Kunst an der Pariser Sorbonne und Architektur in Mexiko studiert hat, hatte nicht nur Neubauten erstellt, sondern bereits mehrere alte Häuser in Mexiko und auch Kalifornien renoviert. Mit viel Herzblut und Sachverstand hat sie dem Häuschen neben der Sakristei in knapp zwei Jahren den früheren Glanz zurückgegeben, mit roten Fachwerkbalken und grünen Fensterläden.

Der gemütliche Charme

der niedrigen Holzdecken

Inwendig aber erkennt man das kreative Wirken der Künstlerin: Den gemütlichen Charme der niedrigen Holzdecken, der dunklen Eichenbalken, mit dem Holzofen als wärmendem Mittelpunkt hat sie auf der einen Seite erhalten, auf der anderen Seite aber wurden viele Wände entfernt, ebenso ein Teil der Zwischenböden – die gewonnen Balken wurden an der Fassade verwertet –, sodass ein großer, vielgliedriger, lichtdurchfluteter Raum entstanden ist, mit Blick bis zum gut isolierten Dach und den verschiedenen, geschmackvoll und modern eingerichteten Funktionsbereichen. Die kleine Veranda vor der heimeligen Küche befindet sich bereits im Kirchhof. Hier wohnt zurückgezogen Annabelle Rigby mit Tochter Claudia wie in einer Lifestyle-Zeitschrift. Und bei gerade einer solchen will sie sich jetzt mit aktuellen Fotos auch bei einem Wettbewerb bewerben. „Vielleicht gewinnen wir ja etwas.“

Eine, die das aus der Asche wiedererstandene Kleinod besonders freut, ist Agathe Steinle. Sie war 1961 in der Kirchgasse 6 geboren und aufgewachsen, mit den knarzenden Holzdielen, dem Ofen im Stüble, dem köstlichen Duft des Sonntagsbratens, während sie im Fernsehen das Sonntagskonzert verfolgten, mit dem gruseligen Kartoffelkeller und den ewigen Kirchenglocken als Hintergrundmusik: „Wenn ich mir’s leisten könnt, tät ich da gleich wieder einziehen.“

Hauptamtsleiter Michael Heinrich ist froh, dass er sich seinerzeit entgegen aller Widerstände auf das „Abenteuer Rigby“ eingelassen hat: „Ich dachte: Das ist eine Idealistin, die zieht das durch.“ Inzwischen hat man der Idealistin auch das marode Nachbarhaus, den Fischbachweg 9, günstig überlassen und ihr mit der maximalen Förderung aus dem Landessanierungsprogramm unter die Arme gegriffen. Zu kämpfen hat sie dennoch ständig: Nicht nur mit der maroden Bausubstanz, immer wieder auch mit Baubehörde und Denkmalamt. Auch aus diesem ehemaligen Brauhaus des Gasthauses Rose entsteht derzeit unter den kundigen Händen der kreativen Architektin ein weiteres Schmuckstück, dieses Mal zur Vermietung. „Ein wunderschönes Ensemble ist das geworden“, freut sich VEhS-Vorsitzender Albrecht Wörner.

Das Haus wurde im Jahr 1753 erbaut Info Das zweistöckige Haus Kirchgasse 6 wurde 1753 nach dem großen Brand von Sulzbach auf dem alten Gewölbekeller wieder errichtet. Der Keller ragt in Richtung Kirche über die Grundstücksgrenze hinaus und hatte möglicherweise zu Zeiten der Wehranlage einen Zugang von dieser Seite. Der Gewölbekeller hat heute noch zwei Zugänge und gehörte offenbar noch in den 1960er-Jahren zur Hälfte dem Müller der benachbarten Getreidemühle (Sumsermühle) unterhalb. Die Gebäude im Unterdorf hatten wegen der ständigen Überschwemmungsgefahr üblicherweise keinen Keller und lagerten ihre Vorräte in Kellern weiter oben. 1830 sind als Eigentümer des Wohnhauses Johann Geigle, Metzger, und Albrecht Föll, Bäcker, eingetragen. Wie häufig im Ort wohnten wohl auch in diesem Haus mehrere Familien. Um 1900 war das Haus in Gemeindebesitz und beherbergte die Bäckerei von Christoph Ellinger. In den 1940er-Jahren hatte es dann eine gewisse Marie Welk erworben und später an eine ihrer drei Töchter vererbt. Auf einer Karte aus den 1960er-Jahren gehörte es noch zu fünf Zwölfteln der Gemeinde. Erbin Maria Steinle wird als fleißige, rechtschaffene Frau beschrieben, die hier zwei Kinder großgezogen hat und sich ihren Unterhalt klaglos mit allerlei niederen Tätigkeiten verdiente, da ihr Mann nicht viel dazu beitrug. Die gutmütige Frau verlor das Haus an eine Bank, die Familie musste in eine Sozialwohnung der Gemeinde ziehen. Seither war das Gebäude – mit kurzer Unterbrechung – in Gemeindebesitz, bis Familie Rigby es 2014 kaufte.
Die Architektin Annabelle Rigby hat viel Erfahrung mit der Sanierung alter Häuser.

Die Architektin Annabelle Rigby hat viel Erfahrung mit der Sanierung alter Häuser.

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Erstellt:
14. November 2018, 06:00 Uhr

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