Fund in Kolumbien

Ältester Nachweis des Syphilis-Erregers entdeckt

Schon vor 5500 Jahren verbreitete sich der Erreger der Syphilis unter Jägern und Sammlern in Amerika. Das zeigen neu entdeckte Überreste in Kolumbien. War Syphilis die erste globale Infektionskrankheit?

Dieser bei archäologischen Grabungen im schwedischen Lund gefundene historische Schädel zeigt die Folgen vom Syphilis am deformierten rechten Wangenknochen.

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Dieser bei archäologischen Grabungen im schwedischen Lund gefundene historische Schädel zeigt die Folgen vom Syphilis am deformierten rechten Wangenknochen.

Von Markus Brauer/dpa

In Kolumbien haben Forscher den mit Abstand ältesten bisher bekannten Syphilis-Erreger entdeckt.

Das Team um Davide Bozzi von der Universität Lausanne rekonstruierte Erbgut des Bakteriums aus dem 5500 Jahre alten Schienbeinknochen eines Erwachsenen, dessen Überreste in der zentralkolumbianischen Region Sabana de Bogotá unter einem Felsvorsprung geborgen wurden. Das rekonstruierte Erbgut ist etwa 3000 Jahre älter als der bisher früheste Erregernachweis.

Erreger stammt aus der Neuen Welt

Der in der Zeitschrift „Science“ vorgestellte Fund widerlegt die Vermutung, der Erreger Treponema pallidum könnte ursprünglich aus der Alten Welt stammen.

Er widerspricht auch der These, das Bakterium habe sich erst nach der Ausbreitung intensiverer Landwirtschaft und der damit einhergehenden höheren Bevölkerungsdichte ausbreiten können. Stattdessen zirkulierte der Erreger der Studie zufolge bereits unter Jägern und Sammlern mit eingehendem Kontakt zu Wildtieren.

Heutzutage existiert das Bakterium T. palladum in drei sehr eng miteinander verwandten Subspezies, die jeweils Syphilis, Bejel und Frambösie verursachen.

Eine vierte, etwas rätselhafte Variante, deren Erbgut bisher noch nicht rekonstruiert wurde, löst die Hautkrankheit Pinta aus, die sich unter anderem durch schuppende Plaques und Pigmentstörungen bemerkbar machen kann und in tropischen Regionen Mittel- und Südamerikas vorkommt.

Großteil des Genoms rekonstruiert

Von dem nun entdeckten Erreger rekonstruierte das Team um Bozzi etwa 75 Prozent des Genoms. Der Analyse zufolge handelt es sich bei TE1-3 vermutlich um eine Linie, die sich vor schätzungsweise 13.700 Jahren von jenem Vorläufer abspaltete, von dem die drei bekanntesten heutigen Subspezies abstammen. Diese entstanden demnach wohl vor etwa 6000 Jahren aus einem gemeinsamen Vorfahren.

„Möglicherweise haben wir eine alte Form jenes Erregers gefunden, der Pinta verursacht“, konstatiert Co-Autorin Anna-Sapfo Malaspinas aus Lausanne. „Über diese Krankheit wissen wir wenig, aber sie ist in Mittel- und Südamerika endemisch und verursacht Symptome der Haut.“

1495 erstmals historisch dokumentiert

In einem „Science“-Kommentar schreiben Molly Zuckerman von der Mississippi State University und Lydia Bailey vom National Museum of Natural History in Washington, die Ursprünge moderner Infektionskrankheiten könnten generell nützliche Hinweise geben für zukünftige Überwachungsstrategien gegen das Aufkommen und die Ausbreitung von Infektionskrankheiten.

Erstmals historisch dokumentiert ist Syphilis im Jahr 1495, drei Jahre nach der Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika und kurz nach seiner Rückkehr nach Europa. „Möglicherweise war die Syphilis des 15. Jahrhunderts die erste globale Infektionskrankheit und ein Vorbote aller späteren, von HIV/Aids bis Covid-19“, schreiben Zuckerman und Bailey in ihrem Kommentar.

Gold, Silber und Syphilis

Da die Seuche kurz nach der Rückkehr von Christoph Kolumbus aus Amerika auftrat, vermuteten Experten lange, sie könnte durch Kontakt mit Menschen der Neuen Welt nach Europa eingeschleppt worden sein. Die Vermutung lag nahe, da damals viele übertragbare Krankheiten in umgekehrter Richtung von Europa nach Amerika eingeschleppt wurden.

Drei Stadien der Erkrankung

Syphilis ist eine sexuell übertragbare Infektionskrankheit. Die Symptome sind vielfältig und die Überlebenden behalten oft bleibende körperliche und geistige Schäden, beispielsweise Veränderungen an Knochen oder Zähnen.

Bei der Krankheit unterscheiden Mediziner drei Erkrankungsstadien:

  • Zunächst bildet sich ein schmerzloses Geschwür an der Eintrittsstelle des Erregers. Zu den ersten Symptomen zählen Geschwüre im Genitalbereich oder im Mund. Diese sondern eine stark ansteckende Flüssigkeit ab. Bei sexuellen Handlungen kann es so zur Übertragung kommen.
  • Später können Symptome wie Fieber, geschwollene Lymphknoten, Haarausfall und Hautausschläge auftreten. Unbehandelt sind mehrere Jahre nach der Ansteckung Schädigungen des Gehirns und der Blutgefäße möglich. Es gibt aber auch viele symptomlose Fälle.
  • Nach dem Abheilen der Geschwüre verläuft die Krankheit in Schüben. Unbehandelt führt Syphilis zu Hautausschlägen und später auch zu Organschäden. Davon kann auch das Gehirn betroffen sein – mit neurologischen Folgen.

Noch um 1900 galten viele Psychiatrie-Patienten mit der Diagnose als unheilbar krank. Heute ist bekannt, dass sich Betroffene leichter mit HIV anstecken. Seit 2001 ist die Krankheit meldepflichtig.

Sprung über den großen Teich und globale Ausbreitung

Die DNA-Daten aus Amerika zeigen auch, dass die Syphilis- und Frambösiefälle in der indigenen Bevölkerung dort um das Jahr 1500 explosionsartig anstiegen. Dabei haben sich offenbar auch die europäischen Eroberer mit den Syphilis-Erregern angesteckt.

Die weltweite Ausbreitung von Syphilis, Frambösie und Co in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten ist ebenfalls erst der Kolonialzeit zuzuschreiben. Der Sklavenhandel und die Ausbreitung der Europäer nach Amerika und Afrika dürften dies begünstigt haben.

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Erstellt:
26. Januar 2026, 16:48 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2026, 16:56 Uhr

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