AfD stürmt gegen die Kirchen-Brandmauer
Katholiken und Protestanten erklären die AfD für unwählbar. Die Partei setzt voll auf Attacke.
Von Eidos Import
Die AfD ist, das zeigen die beiden Landtagswahlen in diesem Jahr, endgültig auch im Westen der Republik zu einer festen politischen Größe geworden. Das ist alles andere als selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass die Rechten dies gegen den erbitterten Widerstand der größten Interessensvertretung in Deutschland geschafft haben: der beiden christlichen Kirchen.
Seit dem vergangenen Jahr stellen Katholiken und Protestanten zwar erstmals nicht mehr die Mehrheit im Land. Aber mit ihren 38 Millionen Mitgliedern sind sie weiterhin eine Kraft, gegen die schwer Politik zu machen ist. Und die Oberen beider Konfessionen haben eine kirchliche Brandmauer um die AfD herum gebaut.
Völkischer Nationalismus sei mit dem christlichen Gottes- und Menschenbild unvereinbar, argumentiert die katholische Bischofskonferenz. Für die EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs befindet sich die AfD „außerhalb der Grundlagen des Grundgesetzes“. Beide Kirchen sind sich einig: Die AfD ist für Christen nicht wählbar.
Für die Rechten ist das ein Problem, weil religiöse Christen zu ihrer Kernwählerschaft gehören müssten, wenn sie mehrheitsfähig werden wollen. In den USA konnte Ronald Reagan als Präsidentschaftskandidat die religiöse Rechte an die Republikaner binden. Donald Trump profitiert bis heute von ihrer Treue, trotz all seiner überaus unchristlichen Skandale. Auch in Europa pflegen erfolgreiche Rechtsaußenpolitiker beste Verhältnisse zu den Kirchen ihrer Länder, ob die PiS in Polen oder Viktor Orbán in Ungarn.
Zudem hätte die AfD konservativen Christen programmatisch durchaus etwas anzubieten, etwa wenn es um die Sexualmoral geht, das traditionelle Familienbild und nicht zuletzt auch das Thema Abtreibungen. Damit lässt sich wohl auch erklären, warum längst nicht alle Gläubigen den Warnungen folgen. Mit Blick auf die Bundestagswahl vor einem Jahr wie auch auf die jüngsten Landtagswahlen ist festzustellen: Christen wählen annähernd so häufig die AfD wie die restliche Bevölkerung. Womit sich die Frage nach der weltlichen Autorität der Kirchen für ihre Gläubigen stellt – umgekehrt aber auch: Wie viele mehr Wähler wären es ohne die kirchliche Brandmauer?
Die AfD setzt ihrerseits immer aggressiver auf die offene Konfrontation mit der katholischen und evangelischen Kirche. In ihrem vorläufigen, aus der Feder des Rechtsradikalen Hans-Thomas Tillschneider stammenden Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt verspricht die AfD die sofortige Einstellung der millionenschweren jährlichen Staatsleistungen an die Kirchen. Ohne Kompensation. So weit gehen nicht einmal die religionskritischen Linken.
Mit einem progressiven, gar humanistischen Weltbild hat die Haltung freilich nichts zu tun. Stattdessen setzt die AfD nach dem Wunsch Tillschneiders auf Freikirchen und orthodoxe Kirchen als Verbündete. Dort werde „die kulturelle Wende, die wir anstreben, vielfältig unterstützt“. Man könnte auch sagen: Die stehen unserem Machtanspruch über alle Bürger nicht so sehr im Weg.
Auch für die beiden großen Kirchen dürfte weltliche Macht bei der maximalen Abgrenzung zur AfD eine Rolle spielen. Zwar ist das Verhältnis zu den Unionsparteien angespannt, was vor allem an deren neuer Härte in der Migrationspolitik liegt – die wiederum unter der AfD noch viel härter wäre. Wenn es aber in anderen kirchlich relevanten Fragen hart auf hart kommt, wissen sie CDU und CSU an ihrer Seite. Offensichtlich wurde das zuletzt, als die Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur Verfassungsrichterin scheiterte. Die Blockade war weniger auf obskure neurechte Medien zurückzuführen, sondern auf den Einfluss der katholischen Kirche.
