Theatertreffen Berlin
„Sie riskiert was“: Alfred-Kerr-Preis für Paulina Alpens Melle-Show
Das Berliner Theatertreffen endet für das Schauspiel Stuttgart mit einer Auszeichnung: Paulina Alpen erhält für ihre Rolle als Manisch-Depressive den Alfred-Kerr-Preis.
© Fabian Schellhorn/Berliner Festspiele
Applaus für Paulina Alpen beim Berliner Theatertreffen: Für ihre Rolle in der Stuttgarter Produktion „Die Welt im Rücken“ erhält sie zum Finale den Alfred-Kerr-Preis.
Von Andrea Kachelrieß
Allein schon die Einladung zum 63. Theatertreffen, das an diesem Sonntag in Berlin endete, war ein schöner Erfolg für das Schauspiel Stuttgart. Am 13. und 14. Mai zeigten die Stuttgarter dort die von Regisseurin Lucia Bihler verantwortete Dramatisierung von Thomas Melles Roman „Die Welt im Rücken“. Noch schöner endete für die Protagonistin Paulina Alpen die Fahrt nach Berlin. Die Schauspielerin, in der Stuttgarter Produktion als Gast dabei, wurde zum Abschluss des Theatertreffens mit dem Alfred-Kerr-Preis ausgezeichnet.
Alleiniger Juror des mit 5000 Euro dotierten Darstellerpreises war in diesem Jahr der Schauspieler und Autor Matthias Brandt. Wie die veranstaltenden Berliner Festspiele mitteilen, traf er seine Entscheidung nach Sichtung der zum Theatertreffen eingeladenen zehn bemerkenswertesten Inszenierungen in den vergangenen 17 Festivaltagen.
In seiner Laudatio lobte Matthias Brandt: „Paulina Alpen spielt diese Figur, die denselben Namen trägt wie ihr Autor, mit einer erstaunlichen Genauigkeit im Wechsel von Anspannung und Kontrollverlust und gleichzeitig mit einer Offenheit, dass man sich ihr kaum entziehen kann. Sie hat Kraft, aber sie stellt sie nicht aus. Sie ist nie ungenau, aber auch nie geschniegelt. Und was sie zeigt, wirkt nicht hergestellt, sondern sie riskiert was. Sie spielt diese Figur nicht als Fall, nicht als Diagnose, sondern als Menschen: mit Scham, Komik, Erschöpfung, Selbstbeobachtung, Gegenwehr, Stolz, Verletzbarkeit.“
Die Schauspielerin selbst sagte zu ihrer Rolle als Manisch-Depressive in einem Gespräch in Stuttgart: „Ich wollte die Krankheit nicht ausstellen, nicht ins Lächerliche ziehen“, so Paulina Alpen im Dezember 2025, „ich blicke liebevoll auf meine Figur.“ Mit ihrem irren Auftritt brachte sie damals auch die Kritik ins Jubeln: Alpens Performance sei „bravourös“, „grandios“, „toll“, „atemraubend“, „mit Energie und Präsenz“, war damals zu lesen. Aufs verdiente Lob folgt nun der ebenso verdiente Preis.
Der Alfred-Kerr-Darstellerpreis wurde 1991 zur Erinnerung an den Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr von seinen Kindern Judith und Michael Kerr gemeinsam mit der Pressestiftung Tagesspiegel und den Berliner Festspielen/Theatertreffen ins Leben gerufen und würdigt seither die herausragende Leistung eines jungen schauspielerischen Talents in einer der zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen. In diesem Jahr wurde der Alfred-Kerr-Darstellerpreis zum 30. Mal vergeben und mit einer Videobotschaft ehemaliger Ausgezeichneter gewürdigt; dazu zählen unter anderen Lina Beckmann, August Diehl, Fritzi Haberlandt, Fabian Hinrichs, Devid Striesow, Valery Tscheplanowa, Wiebke Puls und Johanna Wokalek.
