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„Alle sind froh, dass es vorbei ist“

Das Interview: Heinz Harter, geschäftsführender Schulleiter in Backnang, über ein außergewöhnliches Schuljahr

„Alle sind froh,
dass es vorbei ist“

© Alexander Becher

Von Kornelius Fritz

Heute nach dem letzten Klingelton beginnen in Baden-Württemberg die Sommerferien. Hinter Schülern und Lehrern liegt ein außergewöhnliches Schuljahr. Wegen der Coronapandemie waren die Schulen wochenlang geschlossen, der Unterricht verlagerte sich nach Hause. Im Interview zieht Heinz Harter, Rektor an der Max-Eyth-Realschule und geschäftsführender Schulleiter der Backnanger Schulen, Bilanz und erklärt, wie es nach den Ferien weitergehen soll.

Ein Schuljahr wie dieses haben Sie sicher noch nie erlebt. Sind Sie froh, dass es nun endlich vorbei ist?

Das stimmt, ich bin 40 Jahre im Schuldienst und das war in der Tat ein absolutes Novum. Ich denke, alle sind jetzt froh, wenn das Schuljahr zu Ende ist und man ein bisschen durchschnaufen kann. Die Erschöpfung war sowohl an den Schulen als auch in den Familien zu spüren.

Als die Schulen Mitte März von einem auf den anderen Tag geschlossen wurden, war das für Lehrer und Schüler gleichermaßen Neuland. Wie haben Sie die folgenden Wochen erlebt?

Es war natürlich eine völlig neue Situation. In der Vergangenheit gab es auch schon mal Schulausfälle wegen eines Sturmtiefs oder ähnlicher Katastrophen. Aber dass der Unterricht komplett nach Hause verlegt wird, das gab es noch nie. Ich habe diese Zeit so erlebt, dass an vielen Stellen intensiv nachgedacht, geplant und organisiert wurde, um den Schülern den bestmöglichen Unterricht zu ermöglichen. An allen Schulen, die ich kenne, wurde konstruktiv nach guten Lösungen in dieser schwierigen Zeit gesucht.

Trotzdem gab es auch Kritik. Eltern haben bemängelt, dass es für das Homeschooling keine verbindlichen Vorgaben gab. Viele Lehrer haben das sehr gewissenhaft gemacht, es soll aber auch einige gegeben haben, die erst einmal abgetaucht sind. Wie haben die Schulleiter darauf reagiert?

Ich kenne solche Fälle nicht. Die Schulleiter standen in einem sehr engen Kontakt mit ihren Lehrerinnen und Lehrern. Es gab unheimlich viel Kommunikation, Mails, Telefonate. Viele Schulen haben intern auch Kriterien festgelegt, wie die Schüler betreut werden sollen. Eines dieser Kriterien war zum Beispiel die Orientierung am Stundenplan. Wenn also die Klasse 7a donnerstags in der dritten Stunde Mathe auf dem Stundenplan hatte, dann sollte der Lehrer nach Möglichkeit auch dann ansprechbar sein und die Schüler mit Materialien versorgen. Später kamen dann auch immer häufiger Videokonferenzen hinzu.

Und das hat in Ihrer Wahrnehmung überall funktioniert?

Ja, ich habe das Gefühl, dass es verlässlich funktioniert hat, weitgehend. Wir müssen allerdings unterscheiden zwischen den unterschiedlichen Phasen in diesem Schuljahr. Ab 15. Juni waren dann ja alle Schüler wieder zeitweise im Präsenzunterricht, meist im rollierenden System. Da gab es zwar auch noch Videokonferenzen, aber nicht mehr so viele wie am Anfang. Denn für uns war klar: Jetzt müssen wir möglichst viel Kraft in den Präsenzunterricht legen mit möglichst vielen Stunden, weil wir den Eindruck hatten, das ist genau das, was die Schüler jetzt brauchen.

Und wie lief es mit Schülern? Es soll einen nicht unerheblichen Anteil gegeben haben, den Sie mit Ihren Fernlernangeboten kaum oder gar nicht erreicht haben.

Ja, das war schon eine Schwierigkeit über alle Schularten hinweg, und wir standen vor der Frage: Wie gehen wir damit um? Zum Teil waren es technische Probleme, da konnten wir teilweise nachsteuern. Es gab Schulen hier in Backnang, die Schülern Tablets für die Arbeit zu Hause leihweise zur Verfügung gestellt haben. Dort, wo man einzelne Eltern nur schwer erreicht hat, war es die Aufgabe der Klassenlehrkräfte, immer wieder den Kontakt zu suchen und Hilfe und Unterstützung anzubieten und an sie zu appellieren. Das war schon eine Herausforderung.

Viele Schüler haben seit März keine Klassenarbeit mehr geschrieben, und es bleibt in diesem Schuljahr auch niemand sitzen. Droht da nicht das böse Erwachen im nächsten Schuljahr, wenn viele plötzlich merken, dass sie nicht mehr mitkommen?

Wichtig ist, dass wir in den Schulen diese besondere Situation auch zu Beginn des nächsten Schuljahres im Blick haben. Fehlende Unterrichtsinhalte sind von den Lehrkräften in einer Art Übergabe zu dokumentieren. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen die Schüler dort abholen, wo sie stehen. Sie müssen sie auch wieder ein Stück weit in die schulische Normalität zurückholen. Schule hat ja viel mit Rhythmus und gewohnten Abläufen zu tun. Dieser Rhythmus muss sich im September erst wieder einspielen.

Beim Homeschooling sind auch die Mängel bei der Digitalisierung der Schulen offensichtlich geworden. Viele Schulen in privater Trägerschaft sind da schon wesentlich weiter. Wie groß ist der Nachholbedarf an den Backnanger Schulen?

Die Digitalisierung ist ein Feld, das wir auch in Backnang beackern müssen. Die Planungen dazu laufen schon länger: Der Grundsatzbeschluss im Gemeinderat, die Digitalisierung der Schulen nach Kräften zu unterstützen, ist lange vor Corona gefallen. Wir fangen in Backnang Gott sei Dank nicht bei null an, und einzelne Schulen sind auch schon recht weit, aber die Ausstattung der Schulen braucht definitiv einen weiteren Schub. Da ist zum einen die Infrastruktur: Wir brauchen möglichst bald schnelles Internet und WLAN an allen Schulen. Das andere Thema ist die Ausstattung der Schüler mit digitalen Geräten. Das war auch eine Erfahrung der vergangenen Monate: Es gibt einfach Kinder, die keinen Zugang zu einem digitalen Endgerät haben oder die Aufgaben nur auf ihrem Handy lesen konnten. Und ja, es gab auch Schülerinnen Schüler, die wir während der Schulschließung mit Lernpaketen in Papierform versorgen mussten, und das nicht nur an den Grundschulen. Dies gilt es künftig zu ändern.

Nach den Sommerferien soll an den Schulen wieder ein weitgehend normaler Betrieb mit den regulären Klassengrößen und ohne Abstandsregeln starten. Gleichzeitig können sich Lehrer, die zu einer Risikogruppe gehören, mit ärztlichem Attest aber weiterhin vom Präsenzunterricht befreien lassen. Ist ein Normalbetrieb unter solchen Vorzeichen überhaupt möglich?

Das wird eine Herausforderung und es wird sicher von Schule zu Schule unterschiedlich sein. Das Staatliche Schulamt arbeitet aber nach Kräften daran, die Lehrerversorgung sicherzustellen. Abschließend lässt sich diese Frage aber erst beantworten, wenn wir im September die konkreten Bedingungen kennen. Wir wissen heute ja auch noch nicht, wie sich die Infektionszahlen bis dahin entwickeln.

An der Rückkehr zum Regelbetrieb gibt es auch Kritik. Manche Lehrer sorgen sich um ihre Gesundheit. Wie ist Ihr Bauchgefühl vor dem Neustart im September?

Die Grundschulen haben den Regelbetrieb mit den ganzen Klassen ja schon vorgemacht, und die Rückmeldungen, die ich bekomme, sind durchaus positiv. Insofern habe ich ein ganz gutes Gefühl. Wobei eine gewisse Disziplin im Umgang mit den Hygienevorschriften auch in dieser neuen Phase notwendig sein wird. Die Maskenpflicht außerhalb des Unterrichts, die jetzt von der Landesregierung beschlossen wurde, finde ich deshalb richtig und konsequent.

Das Land bietet den Lehrkräften auch die Möglichkeit, sich zweimal kostenlos testen zu lassen. Ist das sinnvoll?

Das ist eine gute Möglichkeit, um für Klarheit zu sorgen, wenn jemand verunsichert ist. Ich glaube auch, dass es für die Lehrerinnen und Lehrer wichtig ist zu sehen, dass man ihre besondere Situation wahrnimmt und nach Möglichkeiten sucht, ihre Gesundheit zu schützen.

Sollte im Herbst oder zu einem späteren Zeitpunkt die gefürchtete zweite Welle kommen, sind die Schulen dann besser darauf vorbereitet als im März?

Ich würde nicht sagen, dass wir im März schlecht vorbereitet waren. Aber wir haben jetzt einen wesentlich größeren Erfahrungsschatz. Das gilt für technische und methodische Fragen. Für mich geht es aber auch um die Frage, wie man die Leistungserbringung in den Homeschooling-Phasen messen und dokumentieren kann. Bis jetzt galt ja – aus nachvollziehbaren Gründen –, dass die Leistungen der Schüler zu Hause nicht bewertet wurden. Andererseits halte ich es für wichtig, dass Leistungen auch beurteilt werden können: Das motiviert ein Stück weit und gibt den Schülerinnen und Schülern eine Rückmeldung. Deshalb sollte das bei einer zweiten Welle im Homeschooling anders gehandhabt werden können als im ersten Durchgang.

Schule ist mehr als Unterricht: Zum Schulleben gehören auch Klassenfahrten, Exkursionen, Schulfeste, Schüleraustausche. Wann wird es das alles wieder geben?

Das ist in der Tat ganz, ganz schmerzhaft. Das Drumherum um den Unterricht, das Treffen mit Klassenkameraden, das bunte Schulleben hat eine hohe Bedeutung für das Zusammenleben von jungen Menschen. Schulkonzerte und Schullandheime bleiben als Highlights in Erinnerung. Wann es das wieder geben wird? Hoffentlich bald, aber ich bin kein Hellseher. An den Backnanger Schulen haben wir alle Schullandheime, Studienfahrten und den Austausch mit Annonay schweren Herzens storniert. Die Botschaft vom Ministerium ist klar: Im ersten Halbjahr des nächsten Schuljahres dürfen keine mehrtägigen Fahrten stattfinden, und sie sollten tunlichst auch für das zweite Halbjahr nicht fest eingeplant werden. Die Hoffnung, dass so etwas im nächsten Jahr wieder möglich sein wird, will ich aber trotzdem noch nicht aufgeben. Solche gemeinsamen Erlebnisse sind einfach zu wichtig für das soziale Lernen. Und ich habe den Eindruck, dass erst der zeitweilige Verlust all dieser schulischen Elemente deren Wert deutlich gemacht hat, vor allem auch aufseiten unserer Schülerinnen und Schüler.

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Erstellt:
29. Juli 2020, 06:00 Uhr

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