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Alleinerziehend und doch nicht allein

Wir sind Familie (4): Daniela Braun lebt mit ihren Kindern in Murrhardt – Soziale Kontakte helfen bei der Alltagsbewältigung

„Es kommt immer drauf an, was man draus macht“, sagt Daniela Braun. Seit fünf Jahren lebt sie alleinerziehend mit ihren drei Kindern in Murrhardt. Materiell kommt sie über die Runden. Doch sie spürt die Last, die gesamte Verantwortung für die Familie tragen zu müssen. Eine wichtige Stütze für die 37-Jährige ist, dass das soziale Umfeld passt.

Alleinerziehend und doch nicht allein

© Jörg Fiedler

Von Armin Fechter

MURRHARDT. Für Daniela Braun und ihre drei Töchter Jenny (15), Angelina (13) und Lilly (11) läuft es gerade ganz rund. Das Quartett fühlt sich in seiner Wohnung in der Altstadt wohl. Da sind zwar, wie es in einem Altbau eben so ist, die Wände ein wenig krumm, und der Boden ist nicht ganz eben. „Aber das ist nicht so wichtig, das sind Kleinigkeiten“, zeigt sich Daniela Braun zufrieden.

Jedes Kind hat sein eigenes Zimmer, der Weg in die Schule – alle drei Mädchen gehen ins HvZG, das Heinrich-von-Zügel-Gymnasium – ist nicht weit, und auch für Freizeitaktivitäten ist bei den Pfadfindern, den Royal Rangers, beim Tanzen in der Gruppe ResCou oder auch beim Schlagzeugspielen gesorgt. Freilich, der Kampf gegen das Coronavirus hat hier inzwischen Grenzen gesetzt, und dem ist nun Rechnung zu tragen.

Das spürt auch Daniela Braun selbst, die als Tagesmutter beim Verein Kinder- und Jugendhilfe Backnang arbeitet. Zuletzt hatte sie drei Tageskinder zu betreuen, die wechselweise an vier beziehungsweise fünf Tagen pro Woche ins Haus kamen. Da waren dann mitunter Achtstundentage zu bewältigen – unterm Strich eine Tätigkeit, die etwa einer 70-Prozent-Stelle entspricht. Aber die Kindertagespflege musste, da sie den Kindertageseinrichtungen gleichgestellt ist, auch schließen. Das hat zur Folge, dass die Tageskinder, die bisher von Daniela Braun betreut wurden, nun bei ihren eigenen Eltern zu Hause sind.

Für die Tagesmutter hat das zwei Seiten: Einerseits hat sie nun „nur“ die eigenen Kinder um sich und kann ihnen bei den Schulaufgaben besser zur Seite stehen. Gemeinsam haben sie auch einen Wochenplan vereinbart, in dem geregelt ist, wann die Kinder ihre Schulaufgaben machen, wann gegessen wird, wann Freizeit ist und wie die üblichen Hausarbeiten erledigt werden – und das klappt bisher auch sehr gut, erzählt sie. Andererseits hat Daniela Braun für die nächsten Wochen keine Arbeit – und wie es mit der Entlohnung für diese Zeit aussieht, ist noch nicht abschließend geklärt.

Von dieser Krisensituation abgesehen kann sich die alleinerziehende Mutter eine andere berufliche Aufgabe aber gar nicht vorstellen. „Wenn die Kinder von der Schule heimkommen, bin ich da, und sie können mir erzählen“, schätzt Daniela Braun den Vorteil fürs Familienleben. Bisweilen lassen sich sogar Mutter- und Tagesmutterdasein bei gemeinsamen Unternehmungen miteinander verquicken. Aber die Gelegenheiten werden seltener. Dann fühlt sich Daniela Braun innerlich ein Stück weit zerrissen, wenn sie etwa mit den Tageskindern schon mal auf den Spielplatz gegangen ist, was ihre älteren Kinder nicht mehr mitmachen wollen.

„Die Vormittage sind komplett zugeplant“, schildert sie ihren Alltag mit den kleinen Gästen. Da musste sie anfangs schon zusehen, dass sie mit den familiären Pflichten alles zusammen gebacken kriegt. Ein gutes Zeitmanagement war da gefragt, um auch mal einen Arzttermin mit den eigenen Kindern unterzubringen. „Da will ich als Mama dabei sein“, betont sie.

„Eine Riesenherausforderung“ stellte für die Alleinerziehende am Anfang das Finanzielle dar. Da ging es quer durch den Behördendschungel, ehe Kindergeld, Kinderzuschlag, Unterhalt und Wohngeld in Gang gebracht waren. „Ich bin froh und dankbar, dass es in Deutschland diese Unterstützung gibt, aber das Bürokratische ist ein Wahnsinn“, blickt die Frau zurück. Gefühlt habe sie ein und dieselben Unterlagen x-mal einreichen müssen. Da könne sie nun auch verstehen, dass manche die Leistungen, die ihnen eigentlich zustehen, gar nicht erst beantragen. Inzwischen sind die Verhältnisse aber geregelt, auch was den Umgang der Kinder mit dem Vater betrifft, und es hat ja dann auch das Einkommen aus der Tagespflege gegeben, sodass die Familie über die Runden gekommen ist. Aber große Sprünge sind dennoch nicht drin. Daniela Braun: „Prinzipiell habe ich alles. Aber ich kann mir nicht geschwind mal ein Sofa kaufen, ich muss darauf sparen.“

Atemberaubende Fahrt über den Splügenpass als Urlaubshighlight

Und wie sieht es mit einem Familienurlaub aus? Im vergangenen Jahr hat es mal was Besonderes gegeben, erzählt Daniela Braun: Zusammen mit Freunden aus der Kirchengemeinde – dem Gospel-Forum Murrhardt, einer Freikirche – ging es nach Italien, an den Comer See. Schon die Fahrt sei für die Kinder ein Erlebnis gewesen, vor allem die atemberaubende Strecke über den Splügenpass mit seinen vielen Serpentinen. Damit das Unternehmen aber erschwinglich blieb, hat man sich gemeinsam in einem Haus eingemietet und die Kosten geteilt.

Überhaupt, das soziale Umfeld, insbesondere auch die Menschen in der Kirchengemeinde: „Wenn ich Hilfe brauche, weiß ich, wohin ich mich wenden kann“, sagt Daniela Braun dankbar. Beispielsweise bei handwerklichen Arbeiten, sei es wegen eines Reifenwechsels oder wegen der Garderobe, die es zu befestigen gilt. Die sozialen Kontakte sind für sie eine wichtige Stütze, gerade in den schwierigen Zeiten: „Ich habe gemerkt, wie meiner Not begegnet wurde.“ Die Unterstützung möchte sie aber nicht überstrapazieren, sie versucht vielmehr, selbst zu machen, soviel möglich ist. Dabei findet sie auch Halt in ihrem Glauben, sie ist überzeugt: „Gott gibt mir, was ich zum Leben brauche.“ Und das gilt auch in den gegenwärtigen Zeiten: „Wir als Kirche halten nun über andere Wege Kontakt miteinander, Telefonieren, E-Mail, WhatsApp, Instagram. Wir stehen zusammen und unterstützen uns in dieser Krise, so gut es geht. Jede Krise birgt auch immer eine Chance.“

Nicht zuletzt wegen dieser Grundeinstellung vermisst sie materiell letztlich nicht mal so viel. Mehr fehlt ihr der Ansprechpartner, mit dem sie sich austauschen kann, um nicht alle Entscheidungen allein tragen zu müssen. „Ich fühle mich oft überfordert“, gesteht sie ein. In solchen Momenten empfindet sie es als Wohltat, wenn sie Zuspruch von anderen Alleinerziehenden erfährt – eine Wertschätzung, die sie zurückgeben will.

Und die Kinder? Daniela Braun lacht. „Sie vermissen den Garten und die Badewanne“ – das hatte die Familie in ihrem früheren Zuhause. Aber um Garten und Badewanne geht es nicht einmal so sehr. „Eigentlich bin ich ganz zufrieden so“, sagt Jenny und setzt nachdenklich dazu: „Manchmal wäre es schon gut, einen Papa zu haben.“ Dabei denkt sie etwa an Ausflüge, Fußballspielen im Garten oder Schwimmbadbesuche. Daniela Braun sieht deshalb sich selbst nach wie vor gefordert: Haushalt, Familie und obendrein noch eine neue Berufsausbildung, das wäre ihr zu viel: „Ich merke, meine Kinder brauchen mich.“

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Erstellt:
28. März 2020, 06:00 Uhr

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