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Als Ben Johnson in Backnang sprintete

Serie: Bewegende Sportmomente Leichtathletik-Abendsportfeste in den Achtzigern mit vielen aktuellen und späteren Stars

Guido Kratschmer, Brigitte Holzapfel, Harald Schmid, Siegfried Wentz und viele weitere Stars lockten insbesondere 1980 und 1983 die Zuschauer und Autogrammjäger in Scharen zu den Leichtathletik-Abendsportfesten ins damals neue Backnanger Karl-Euerle-Stadion. Noch völlig unbekannt war 1980 dagegen der kanadische Sprinter Ben Johnson: Er sollte Jahre später noch ganz besondere Sportgeschichte schreiben.

Das Foto von Klaus Koehler in der Backnanger Kreiszeitung vom 22. Juli 1983 zeigt eindrucksvoll, welch großer Andrang bei den Abendsportfesten der TSG-Leichtathletik im Karl-Euerle-Stadion herrschte. Insgesamt rund 3000 Zuschauer sahen unter anderem, wie Axel Schaumann von der LG Kappelberg über 110 Meter Hürden das große Zehnkampf-Ass Siegfried Wentz (rechts) abhängte.

Das Foto von Klaus Koehler in der Backnanger Kreiszeitung vom 22. Juli 1983 zeigt eindrucksvoll, welch großer Andrang bei den Abendsportfesten der TSG-Leichtathletik im Karl-Euerle-Stadion herrschte. Insgesamt rund 3000 Zuschauer sahen unter anderem, wie Axel Schaumann von der LG Kappelberg über 110 Meter Hürden das große Zehnkampf-Ass Siegfried Wentz (rechts) abhängte.

Von Michael Clauss

Keiner der vielen Zuschauer im Karl-Euerle-Stadion konnte am Abend des 9. Juli 1980 erahnen, was der Zweitplatzierte des 100-Meter-Rennens – ein gewisser Benjamin Sinclair Johnson aus Kanada – in seinem Sportlerleben noch bewegen und auslösen sollte. Der am 30. Dezember 1961 in Jamaika geborene Sprinter, später als Ben Johnson bekannt, entwickelte sich in den Achtzigern zum Erzrivalen des US-Stars Carl Lewis und war Hauptprotagonist eines der größten Dopingskandale in der gesamten Sportgeschichte. Nachdem ihm die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul und der dabei gelaufene 100-Meter-Weltrekord von 9,79 Sekunden wegen Dopings aberkannt worden waren, gab dieser ungewöhnlich muskelbepackte Athlet zu, seit 1981 unerlaubte Mittel zur Leistungssteigerung genommen zu haben.

Wenn es also nach Ben Johnson geht, ist er dieselbe Distanz 1980 in der Murr-Metropole beim Abendsportfest nur dank Talent und Training in handgestoppten 10,2 Sekunden gelaufen. Ordentlicher Rückenwind von 2,5 Metern in der Sekunde half auch noch etwas mit. Eine Zehntelsekunde schneller war sein Landsmann und Sieger Desai Williams. Auch er gab später noch zu, dass es bei seiner sportlichen Leistung nicht immer mit rechten Dingen zuging.

Das Backnanger Publikum hatte keine Ahnung davon und die Augen auch eher auf die damals aktuellen Stars der Leichtathletikszene gerichtet. Zum Beispiel auf Guido Kratschmer vom USC Mainz, der den Endlauf über 110 Meter Hürden in 13,7 Sekunden gewann. Der Zehnkämpfer hatte ein paar Tage zuvor in Bernhausen mit 8649 Punkten einen neuen Weltrekord aufgestellt und wurde am Jahresende zu Deutschlands Sportler des Jahres gekürt.

Keine guten Erinnerungen an Backnang hat Hochspringerin Brigitte Holzapfel. In der Ergebnisliste wird sie mit übersprungenen 1,80 Metern zwar auf Platz zwei geführt, allerdings riss der Olympiastarterin bei einem weiteren Versuch die Achillessehne. „Davon erzählt mir Brigitte heute noch, wenn ich sie treffe“, erinnert sich Rudi Felger an diese schwere Verletzung. Der frühere Backnanger kann – auch wenn er selbst in aller Bescheidenheit auf eine große Helfermannschaft verweist – getrost als der entscheidende Macher der Backnanger Abendsportfeste bezeichnet werden. Dass die Leichtathletikstars überhaupt auf die Maubacher Höhe kamen, war insbesondere seinen guten Kontakten zu verdanken. Der heutige Sindelfinger war selbst erfolgreicher 110-Meter-Hürdenläufer im Backnanger Trikot und gewann 1957 den Titel bei den deutschen Hallenmeisterschaften. Nach seiner Karriere als Aktiver arbeitete Felger als hauptamtlicher Landes- und Bundestrainer der Hürdensprinter. „Ich hatte gute Kontakte zu vielen Trainern“, erzählt er, und konnte so Stars der Szene für einen Start in Backnang begeistern.

In den Sechzigern und Siebzigern fanden die Sportfeste noch auf dem früheren Adolff-Sportplatz statt und hatten laut Felger eher den Charakter von Kreis- oder Bezirksmeisterschaften. „Zur Einweihung des Karl-Euerle-Stadions wollten wir ein großes Meeting machen“, berichtet er über die Vorbereitungen 1980. Drei Jahre später gab es eine zweite Auflage mit internationalem Anspruch. Auch dieses, als Formtest für die Leichtathletik-WM 1983 in Helsinki ausgerufene Abendsportfest, ließ sportlich aufhorchen. Die deutsche 4-x-100-Meter-Staffel verfehlte nur um sechs Hundertstelsekunden den nationalen Rekord. Zehnkampf-Ass Siegfried Wentz wurde Zweiter über die 110 Meter Hürden, der große deutsche 400-Meter-Hürdenstar Harald Schmid musste zusätzliche Ausdauer beim Autogramme schreiben beweisen.

Übereilige Autogrammjäger kosten Gernot Gruber fast seine 5000-Meter-Bestzeit

Besonders eilige oder eher übereilige Autogrammjäger hatten es auf die Erstplatzierten des 5000-Meter-Laufs abgesehen. Der zweimalige Olympiastarter Willi Maier aus Genkingen war nach 14:41,76 Minuten schon im Ziel, der Murrhardter Reiner Stein folgte nur knapp 10 Sekunden dahinter. Die jugendlichen Fans kamen aus allen Richtungen auf beide Ausdauersportler zugerannt. Der Stadionsprecher hatte alle Mühe, die Laufbahn frei zu halten. Mit einem Lachen erinnert sich der damalige Neuntplatzierte Gernot Gruber (15:58,64 Minuten) an seinen Zieleinlauf. „Mich hätten hereinstürmende Kinder fast meine Bestzeit gekostet. Ich wurde aber entschädigt, als die Kinder auch von mir ein Autogramm wollten – das war schon ein ganz besonderer Abend“, sagt der für die LG Rems-Murr gestartete Gruber.

In dieser Serie geht es um Sportereignisse, die im Murrtal und über die Region hinaus bedeutend waren. Zu denen die Zuschauer strömten oder die länger ein fester Teil der Sportszene waren. Wer Vorschläge hat, darf sich per E-Mail (sportredaktion@bkz.de) oder Telefon (07191/808-123) an uns wenden.

1980 in Backnang noch ein unbekannter kanadischer Sprinter, stand Ben Johnson später für Weltrekorde und den vielleicht größten Doping-Skandal der Sportgeschichte. Der Olympiasieg 1988 in Seoul vor Carl Lewis (rechts) und Linford Christie (links) wurde ihm kurz darauf aberkannt. Foto: Imago

1980 in Backnang noch ein unbekannter kanadischer Sprinter, stand Ben Johnson später für Weltrekorde und den vielleicht größten Doping-Skandal der Sportgeschichte. Der Olympiasieg 1988 in Seoul vor Carl Lewis (rechts) und Linford Christie (links) wurde ihm kurz darauf aberkannt. Foto: Imago

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Erstellt:
24. April 2019, 15:40 Uhr

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