ZDF-Dokumentation
Als das Ahrtal in den Fluten versank
Die sehenswerte ZDF-Dokumentation „Ein Tag im Juli – Ahrtal 2021“ rekonstruiert die Hochwasserkatastrophe, die im Sommer 2021 über das Ahrtal hereinbrach.
© dpa/Boris Roessler
Luftaufnahme des Orts Insul, der im Juli 2021 überflutet wurde
Von Tilmann P. Gangloff
Die Aufnahmen wirken wie aus einem Katastrophenfilm: In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 verwandelte sich die Ahr, an normalen Tagen ein beschaulicher Nebenfluss des Rheins, aufgrund von Starkregen in einen reißenden Strom, der eine Schneise der Zerstörung ins Ahrtal schlug. Mehr als 130 Menschen sind ums Leben gekommen. Die Spuren der Tragödie sind bis heute sichtbar; die seelischen Wunden, die sie hinterließ, werden für immer bleiben.
Dokumentationen über solche Ereignisse sind eine Gratwanderung, weil die Bilder eine gewisse Schaulust und die Gespräche mit den Betroffenen eine Art emotionalen Voyeurismus befriedigen. Das ließ sich auch in der ZDF-Dokumentation „Ein Tag im Juli“ nicht vermeiden; gerade die Gespräche mit zwei Elternpaaren, die ihre Töchter Katharina und Johanna im Hochwasser verloren haben, sind erschütternd. Davon abgesehen hat es Oliver Halmburger jedoch konsequent vermieden, zusätzliche Gemütsbewegungen zu schüren. Der sparsame Kommentar beschränkt sich auf sachliche Informationen; die Erzählungen der Menschen wecken genug Empathie.
Spektakulär sind die digitalen Rekonstruktionen
Minutiös rekonstruiert der Autor und Regisseur den Weg, den die Wassermassen genommen haben. Aus jedem der verwüsteten Orte kommen Menschen zu Wort, die zum Teil ihr gesamtes Hab und Gut verloren haben. Einige dieser Erzählungen haben auf erstaunliche Weise ein gutes Ende genommen, zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, den die Flut aus seinem Haus gerissen hat. Wie durch ein Wunder ist er mitten im Strom auf einer Insel gestrandet. Dort harrte er 15 Stunden aus, bis er von einer Hubschrauberbesatzung gerettet wurde. Da er davon ausgehen musste, dass seine ins Dachgeschoss des nunmehr zerstörten Hauses geflüchtete Partnerin gestorben ist, schwand ihm zwischenzeitlich der Lebensmut. Dies ist der einzige Moment, in dem die Dokumentation die seriöse Linie verlässt: Was aus der Frau geworden sei, heißt es im Kommentar, habe der Mann erst am nächsten Tag erfahren; das wirkt wie die aus dem Privatfernsehen bekannte Aufforderung „Bleiben Sie dran“.
Spektakulär, aber dennoch unspekulativ sind dagegen die digitalen Rekonstruktionen. Die teilweise täuschend echt anmutenden Bilder zeigen unter anderem, wie der aus seinem Eigenheim gespülte Mann zu einem Spielball des Wassers wird. Ähnlich eindrucksvoll sind die als Animation gekennzeichneten Aufnahmen der Fluten, die plötzlich aus Tunneln hervorschießen. Spätestens jetzt zeigt sich, wie schlecht die Gegend vorbereitet war, obwohl sich 111 Jahre zuvor bereits ganz Ähnliches ereignet habe, wie ein Hochwasserexperte erläutert. Die Versäumnisse der Politik spielen ohnehin eine wichtige Rolle, entsprechende Vorwürfe ziehen sich wie ein roter Faden durch die Dokumentation, auch wenn die Mitglieder eines Untersuchungsausschusses des Mainzer Landtags je nach Parteizugehörigkeit unterschiedlich streng urteilen.
Den Betroffenen eine Stimme geben
Keinerlei Gnade lässt Gisela Kirschstein walten. Die Journalistin hat ein Buch über die Katastrophe geschrieben („Flutkatastrophe Ahrtal“). Der Untertitel lautet „Chronik eines Staatsversagens“. Stellvertretend dafür steht neben dem zuständigen Landrat nicht zuletzt das rheinland-pfälzische Umwelt- und Klimaschutzministerium unter der Leitung von Anne Spiegel. Diese Ebene bildet jedoch eher den Hintergrund; es war Halmburger offenkundig wichtiger, den Betroffenen eine Stimme zu geben. Kurz vor Schluss erzählt die Mutter von Johanna, das Ahrtal habe noch monatelang wie „ein schwarzes Loch“ gewirkt. Die abschließenden Szenen gelten einer zweiten Flut, diesmal jedoch in positivem Sinn: weil die Gegend von einer Welle der Solidarität und der Hilfsbereitschaft erfasst wurde.
Ein Tag im Juli – Ahrtalflut 2021: 19. Mai, 20.15 Uhr, ZDF, und in der ZDF-Mediathek
