Pest-Massengrab entdeckt

Als der Schwarze Tod nach Erfurt kam

Forscher aus Leipzig haben deutliche Hinweise auf ein Massengrab der Pestzeit im Umfeld der mittelalterlichen Dorfwüstung Neuses bei Erfurt entdeckt.

Illustration des Schwarzen Todes aus der Toggenburg Bibel, um 1411.

© Imago/CPA Media

Illustration des Schwarzen Todes aus der Toggenburg Bibel, um 1411.

Von Markus Brauer

Die Pest ist Inbegriff ansteckender, todbringender Krankheiten. Der Pesterreger Yersinia pestis stammte ursprünglich aus Asien und wurde mehrfach über den Seehandel und die Seidenstraße aus dem Osten nach Europa eingeschleppt. Dort angekommen, wurden Ratten und ihre Flöhe zu den Hauptüberträgern der Seuche.

Mittealterlicher Inbegriff des Todes

Seit den katastrophalen Pandemien des Mittelalters steht die Pest fast sprichwörtlich für Ansteckung und Tod. Pest-Epidemien rafften in der Geschichte Millionen Menschen dahin. So starb von 1346 bis 1353 rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung an der Seuche. Schätzungen schwanken zwischen 20 und 50 Millionen Toten.

Daneben gab es in der Spätantike, im Mittelalter und in der Neuzeit, vor allem in Kriegszeiten wie im Dreißigjährigen Krieg von 1618 bis 1648, immer wieder regionale Pest-Ausbrüche.

Neues Zeitfenster in die verheerendste Pandemie Europas

In Mitteleuropa gehört Thüringen zu den östlichsten Regionen, die von der Pest betroffen waren. Zeitgenössische Chroniken berichten, dass während des Ausbruchs von 1350 rund 12.000 Tote in elf großen Gruben außerhalb der Stadt Erfurt bestattet wurden.

Deren genaue Lage war jedoch bislang unbekannt. Mit elektrischen Widerstandskartierungen des Untergrundes und Sedimentbohrungen konnte ein Forcherteam unter Federführung der Universität Leipzig, des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO) sowie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) die Oberfläche der mittelalterlichen Landschaft rekonstruieren und eine großflächige Untergrundstruktur (etwa 10 Meter mal 15 Meter x 3,5 Meter) mit stark durchmischtem Sediment sowie menschlichen Knochenfragmenten nachweisen.

Die Forscher berichten im Fachjournal „Plos One“ über ihren Fund und die Analysen.

Überreste eindeutig aus 14. Jahrhundert

Radiokohlenstoffanalysen datieren die in den Bohrungen gefundenen menschlichen Überreste eindeutig ins 14. Jahrhundert. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir eines der in den Chroniken beschriebenen Pestmassengräber von Erfurt eindeutig lokalisiert haben.“

Endgültige Klarheit kann allerdings erst im Zuge einer geplanten archäologischen Grabung dieses Befundes erlangt werden“, erklärt Michael Hein, Hauptautor und Geograph an der Universität Leipzig.

Landschaft als Geschichtsarchiv

Die Forscher zeigen, dass die natürlichen Bodenverhältnisse – fruchtbare Schwarzerde-Böden und feuchte Auenböden – die Siedlungs- und Begräbnispraxis im Mittelalter prägten. Das rekonstruierte Siedlungsareal des ehemaligen Dorfes Neuses sowie auch das identifizierte mögliche Pestgrab liegen am Talrand des Flusses Gera im trockeneren Schwarzerde-Bereich.

Der feuchte Auenboden wurde offenbar als ungeeignet für die Beisetzung empfunden, da Zersetzungsprozesse auf nassen Standorten langsamer ablaufen. „Das entspricht nicht nur modernen Erkenntnissen, sondern auch der mittelalterlichen ‚Miasma-Theorie‘, die besagt, dass Krankheiten von ‚schlechter Luft‘ oder Dämpfen verbreitet werden, welche von verrottendem organischem Material ausgehen“, erläutert Martin Bauch vom GWZO.

Auf den feuchten Standorten wäre die Seuche nach damaligen Vorstellungen also weniger gut einzudämmen gewesen. Dies erklärt auch, in Kombination mit rechtlichen und politischen Faktoren, die Wahl eines Standorts weit außerhalb der Stadtmauern.

„Durch die Verknüpfung historischer, geophysikalischer und bodenkundlicher Methoden konnten wir die Landschaft als Archiv lesen“, konstatiert Michael Hein. „Dieses Vorgehen könnte künftig helfen, auch andere Epidemie- oder Konfliktgräber gezielt zu identifizieren und zu schützen.“

Wissenschaftliche und kulturelle Bedeutung

Bestätigte und präzise datierte Pestmassengräber aus der Zeit des „Schwarzen Todes“ sind europaweit äußerst selten. Weniger als zehn sind bisher bekannt. Der Fund bei Erfurt ergänzt einen wichtigen Aspekt zur mittelalterlichen Geschichte Erfurts.

Das lokalisierte Pestgrab eröffnet nun aber auch die Gelegenheit für zukünftige genetische und anthropologische Analysen, um mehr über die Evolution des Erregers Yersinia pestis, die Gründe für die hohe Sterblichkeit in der Mitte des 14. Jahrhunderts und den gesellschaftlichen Umgang mit Seuchen zu erfahren.

„Dieser Fund ist nicht nur archäologisch und historisch bedeutsam“, sagt Christoph Zielhofer, Leiter der Arbeitsgruppe „Historische Anthroposphären“ am LeipzigLab der Universität Leipzig. „Er hilft uns zu verstehen, wie Gesellschaften mit massenhaften Todesfällen umgehen und wie moderne, interdisziplinäre Forschung helfen kann, die Standorte von Massengräbern zu lokalisieren – Themen, die bis ins 21. Jahrhundert aktuell bleiben.“

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Erstellt:
14. Januar 2026, 13:38 Uhr

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