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Als ein Blogger noch dem Parkett frönte

Schwäbische Kabarettrevue mit Frau Nägele und Missjöh im Schloss Lautereck lässt Erinnerung an Wirtschaftswunderzeiten aufleben

Der Abend der Winterkulturtage ist mit „Mandolinen&Mondschein“ überschrieben. Helga Becker, die bei ihrer One-Woman-Show von ihrem Bruder Gerhard Weisshaupt musikalisch unterstütz wird, versteht es aber bestens, bei den Erinnerungen an die 1950er- und 1960er-Jahre keine falsche Sentimentalität aufkommen zu lassen. Die Art, wie sie zurückblickt und die Alltagsszenerien fast nebenbei ironisch bricht, zeugt von Humor und Lebenserfahrung.

Helga Becker und Gerhard Weisshaupt alias Frau Nägele und Missjöh haben dem Publikum im Schloss Lautereck einen genussvollen Abend beschert, der einerseits wie eine Zeitmaschine funktioniert, andererseits auch viele skurrile Aspekte der 1950er- und 1960er-Jahre bereithält. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Helga Becker und Gerhard Weisshaupt alias Frau Nägele und Missjöh haben dem Publikum im Schloss Lautereck einen genussvollen Abend beschert, der einerseits wie eine Zeitmaschine funktioniert, andererseits auch viele skurrile Aspekte der 1950er- und 1960er-Jahre bereithält. Foto: A. Becher

Von Christine Schick

SULZBACH AN DER MURR. Der Theatersaal im Sulzbacher Schloss Lautereck ist ausverkauft und eine Reihe der Gäste dürfte die Zeit, die am Abend im Mittelpunkt steht, gut aus dem eigenen Erleben heraus beurteilen können. Später zeigt sich, dass dieses Wiedererkennen mehr als gut funktioniert, das Publikum außerordentlich mitgeht – sei es beim Anstimmen der Melodien, Klatschen oder Stichwortgeben. Helga Becker kommt perfekt gestylt – in Petticoat mit geblümtem Überrock und katzenartigem Brillengestell – auf die Bühne und entfaltet mit ein paar erzählerischen Pinselstrichen die Welt des Wirtschaftswunders. Das funktioniert über ausgewähltes Personal – angefangen mit ihr und ihrem Bruder, dem studierten Philosophen, samt Familie über den Staubsaugervertreter Swoboda, seine Frau Maruschka, Tante Gisela bis hin zum italienischen Gastarbeiter Luigi.

Locker streut sie immer wieder typische Schlager ein, die als Erinnerungsanker genauso wie als melodischer Kontrast zur nicht immer ganz so perfekten heimischen Welt funktionieren. Untermieter Swoboda beispielsweise lässt als Vorwerk-Vertreter nichts anbrennen, bändelt auch mit Tante Gisela, der Freundin der Mutter, an und wird mit dem Auftauchen seiner Frau Maruschka als Bigamist entlarvt. Aber auch der Philosoph wird nahbar, so wenig heldenhaft, wie er in jungen Jahren gekleidet und noch weit entfernt von akademischen Weihen ist.

Ob Strumpf- oder andere Hosen, ob ein viel zu großes, vom Geschwisterchen ererbtes Stangenfahrrad – die Alltagsgegenstände sind wertvoll, genauso wie die Angebote der Unterhaltungslandschaft. Als die kleine Frau Nägele sich peinlich berührt von Tante Amalie, die bei der Sendung „Sie wünschen, wir spielen“ das Radio und das Schallarchiv ganz lieb grüßt, mit dem Stangenfahrrad von dannen macht und mit aufgerissenen Knien wiederkommt, erntet sie gleich zwei Backpfeifen: für die kaputte Strumpfhose und die Unterbrechung der Mutter bei ihrem Lieblingslied.

Etwas größer, fängt sie an, für „Käschas“ zu schwärmen. Ihr Bruder bringt sie auf Cassius Clay, also Muhammad Ali, den Boxer. Denn der hat von Papa auf dem Dachboden ein kleines Fitnessstudio samt Expander und Sandsack eingerichtet bekommen. Das Nacheifern kostet das Brüderchen verstauchte Fingerknöchel und das Schwesterchen „ein klassisches K.o. sowie vier Schneidezähne“. Der Bewunderung tut das keinen Abbruch und die junge Frau Nägele träumt auf dem als Eisbahn umfunktionierten Sportplatz in Murr, wie „Käschas“ sie bei Hebefiguren und Todesspirale durch die Luft wirbelt. Die Generation der Mütter muss mit dem Thema pragmatischer umgehen – nach dem Krieg kommen „100 Frauen auf 77 Männer“. Auch Tante Gisela orientiert sich um und tut sich mit dem Gastarbeiter Luigi zusammen, von dem sie ein Siebenmonatskind bekommt. Da die Männer wieder das Zepter in der Hand halten, gilt es für die Frauen, ihren Sinn im Leben zu finden – mit Errungenschaften des Wirtschaftswunders wie dem elektrischen Stabmixer. In Helga Beckers Revue ist es Maruschka, die auf den Zug aufspringt und in ihrem Laden sämtliche Haushaltsfreuden vertreibt – vom Bügeleisen über den Haartrockner bis hin zum Blogger. Der hat nichts mit neumodischer Kommunikation im Internet zu tun, das ist ja noch gar nicht erfunden, sondern dient dazu, das Parkett in mühsamer Handarbeit auf Hochglanz zu bringen.

Belagert von Einmachgläsern erinnert der Keller an Börnes Pathologie

Auch die typischen Rituale der Zeit haben Wiedererkennungseffekt – das samstägliche Baden vor dem Fernsehabend oder die geheiligte, im Grunde genommen unnötige Autowäsche, weil der Wagen aus Schonungsgründen kaum bewegt wird. Eindrucksvoll ist auch das Bild, das entsteht, als Helga Becker beschreibt, was alles „eidenschd“ (eingekocht) wird. Später stellt sie fest, dass es „im Keller wie in Börnes Pathologie ausgesehen hat“ (Münsteraner Tatort). Dazu gesellen sich zweifelhafte Ernährungsmoden wie Dreieckskäse mit Salamigeschmack, Toast Hawaii oder Pumpernickelschnittchen mit Lachsersatz. Gisela und Luigi bilden die Speerspitze der Deutschen, die das europäische Ausland entdecken.

Nach der Pause steigt Frau Nägele mit neuem Outfit – Tupfenbluse und schwarze Hose – an und in die Welt des noch verbindenden Fernsehens ein. Straßenfeger wie „Stahlnetz“, „Das Halstuch“ oder „Funkstreife Isar 12“ waren gemessen an der Reaktion des Publikums genauso prägend wie die damals noch ganz selbstverständliche Zigaretten- und Alkoholwerbung. Zur Hochform läuft Helga Becker dann noch mal auf, als sie von Lassie („so ein kluger Hund“) und Fury („hat natürlich Lust auf einen Ausritt“) frohlockt, auch oder gerade weil es zu Hause nur für eine Schildkröte reicht. Das Schwärmen setzt sich mit Blick auf die Männer fort – verläuft über Adam Cartwright von der Ponderosa-Ranch über Charles Bronson und in die Welt der Indianer. Ohne Mühe landet Frau Nägele wieder in Italien, wo in engen Gassen Vespa gefahren wird und angelehnt an die damalige Spielfilmwelt auch Deutsche ganz natürlich und ihrem Naturell entsprechend dazu übergehen, auf dem Marktplatz zu singen und zu tanzen.

Nach einem Solo ihres Bruders, dessen Text sie pantomimisch simultanübersetzt, biegt Frau Nägele in die futuristische Ära von Raumschiff Enterprise ein – samt Abschiedslied der Zeitreise in passendem Outfit. Die Zuschauer lassen keinen Zweifel daran, wie gut ihnen der Abend gefallen hat, und nach einer Zugabe können Interessierte mit Helga Becker und Gerhard Weisshaupt sogar noch ein bisschen fachsimpeln.

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Erstellt:
10. Februar 2020, 06:00 Uhr

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