Optimierter Wasserstoffflieger als „Zukunft der Luftfahrt“?

dpa Stuttgart. Der nur von Wasserstoff und Brennstoffzellen angetriebene Flieger HY4 hatte vor vier Jahren in Stuttgart den ersten Testflug vor Publikum absolviert. Nun wurde eine noch ausgereiftere Version präsentiert, verbunden mit optimistischen Prognosen - auch aus der Politik.

Das Brennstoffzellenflugzeug HY4 bei seiner Weltpremiere 2016 am Stuttgarter Flughafen. Foto: Christoph Schmidt/dpa/Archivbild

Das Brennstoffzellenflugzeug HY4 bei seiner Weltpremiere 2016 am Stuttgarter Flughafen. Foto: Christoph Schmidt/dpa/Archivbild

Gut zehn Jahre noch, dann sollen in Deutschland nach dem Willen von Politik und Forschung erste nur von Wasserstoff und Brennstoffzellen angetriebene Passagierflugzeuge mit Dutzenden Menschen an Bord unterwegs sein. Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der Universität Ulm präsentierten dazu am Freitag am Stuttgarter Flughafen eine noch ausgereiftere Version eines bereits vor einigen Jahren entwickelten Fliegers mit einem solchen Antrieb. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer sprach in einem Grußwort mit Blick auf den Testflieger mit dem Namen HY4 von „der Zukunft der Luftfahrt“. Der CSU-Politiker betonte: „Was hier entsteht, kann die Mobilität verändern.“

Das Flugzeug mit vier Sitzen hatte 2016 in Stuttgart seinen ersten Testflug vor Publikum absolviert. Nun - vier Jahre später - ist es nach Angaben der beteiligten Forscher in allen Bereichen deutlich optimiert worden. Projektleiter Josef Kallo sagte: „Wir haben das gesamte System überarbeitet.“ So seien die Wasserstofftanks an Bord jetzt ebenso wie das Brennstoffzellensystem ausfallsicher. So könne man selbst für den Fall, dass eine oder gar zwei Brennstoffzellen in der Luft ausfielen, problemlos weiterfliegen. Das Projektflugzeug hat inzwischen eine europaweite Testfluggenehmigung bekommen und soll zunächst bis Mai 2021 in Stuttgart erprobt werden.

Auf der Suche nach den Flugzeugen der Zukunft setzen Wissenschaftler und Ingenieure immer stärker auf alternative Antriebsvarianten. Als vielversprechend gilt der Ansatz mit Wasserstoff, der in Brennstoffzellen so viel elektrische Energie erzeugen soll, dass damit sogar Passagiermaschinen abheben, fliegen und landen.

Die Forscher des DLR und der Uni Ulm sehen sich auf diesem Gebiet weltweit führend und hoffen, die zu Grunde liegende Technologie in den nächsten zehn Jahren so perfektionieren zu können, dass dann Regionalflugzeuge mit Dutzenden Passagieren nur mit der Kombination von Wasserstoff und Brennstoffzellen unterwegs sein können. Kallo geht davon aus, dass diese elektrische Antriebsform um 2030 herum Markt- und Serienreife für kleinere Flugzeuge erreicht. Scheuer sagte, Deutschland habe sich mit dieser Erfindung einen „wertvollen Vorsprung“ in diesem hochtechnologischen Bereich verschafft.

Der CSU-Politiker zeigte die Möglichkeit auf, dass solche Wasserstoffflieger als Zubringer-Air-Taxis schon bald Passagiere direkt aus Stadtzentren zum nächstgrößeren Flughafen bringen könnten - „und zwar sauber und schnell“. Kallos Team denkt bereits weiter - etwa an Flugverbindungen mit einer Reichweite von rund 2000 Kilometern und 40 Passagieren an Bord. Solche Maschinen könnten dann Zubringerflüge zu Drehkreuzen wie dem Frankfurter Flughafen übernehmen, auch ein Aufbau von Regionalflugnetzen zwischen kleineren Airports sei denkbar. Das Fassungsvermögen solcher Maschinen ist dabei grundsätzlich abhängig von der Flughöhe und von der Geschwindigkeit: Je schneller ein Wasserstoffflieger unterwegs sein soll, desto weniger Menschen kann er beispielsweise transportieren.

Kallo forscht bereits seit 1998 an Brennstoffzellen, seit 2006 speziell am Einsatz derselben in Flugzeugen. Er hatte vergangenen Herbst sogar die Möglichkeit aufgezeigt, dass in zehn Jahren erste Wasserstoff-Brennstoffzellen-Prototypen sogar schon mit bis zu 80 Passagieren auf Kurz- und teilweise Mittelstrecken weitgehend emissionsfrei unterwegs sein könnten.

Das alles erfordert allerdings nicht nur viel Mühe und Aufwand, sondern kostet auch viel Geld. Die Weiterentwicklung, die Produktion und die Zulassung solcher Flieger sind extrem teuer und dauern Jahre. Abseits von Fördergeldern dürfte es letztlich auch vom Investitionsumfang der Luftverkehrsindustrie abhängig sein, wie schnell Wasserstoffflieger wirklich auf den Markt kommen.

Crewmitglieder befestigen das Cockpitfenster des Wasserstofffliegers HY4. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Crewmitglieder befestigen das Cockpitfenster des Wasserstofffliegers HY4. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Erstellt:
11. Dezember 2020, 02:13 Uhr

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